Wann die stille Sucht beginnt

Zwischen Heilung und Tablettenabhängigkeit

Gesellschaft | sonntags - Wann die stille Sucht beginnt

Fast zwei Millionen Menschen sind von Medikamenten abhängig. Oft sind es Schlaf- oder Beruhigungsmittel, die in einer Krise helfen sollen und dann zum Dauerbegleiter werden.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 20.06.2019, 15:45

Jeder Deutsche schluckt im Schnitt eine Schmerztablette pro Woche. Bei vielen Menschen stehen die Arzneimittel schon am Frühstückstisch. Sechs Millionen Deutsche nehmen zum Beispiel täglich mindestens fünf Wirkstoffe zu sich: Für den Blutdruck, gegen Rheuma, für den Magen, gegen das Dunkel in der Seele. Die Pharmabranche verdient gut am Fortschritt in der Medizin, doch nicht jedem Patienten ist mit dem Arzneimittel allein wirklich geholfen. Dazu ein Interview mit Ernst Pallenbach, Autor des Buchs "Stille Sucht", über Selbstheilungskräfte und Tablettenabhängigkeit.

sonntags: Herr Pallenbach, welche Bedeutung haben Medikamente für den Menschen allgemein?
Ernst Pallenbach: Nahezu alle zugelassenen Medikamente sind sinnvolle und gute Medikamente. Auch Schlaf- und Beruhigungsmittel helfen vielen Menschen gesund zu bleiben und gesund zu werden.

sonntags: Seit wann nehmen und machen sich Menschen Medikamente?
Pallenbach: Arzneimittel gibt es schon seit Urzeiten, nur nicht in der klassischen Form. Als Beispiel gilt hier der Schlafmohn, der schon immer gegen Schmerzen eingesetzt wurde. Während es früher vermehrt Eigenherstellungen gab, greift man heute meist zu Fertigarzneimitteln, also Tabletten und Säften, die industriell hergestellt werden. Dadurch haben sich auch die Aufgaben von Apothekern gewandelt.

sonntags: Welche Medizin fasziniert Sie am meisten; welche verzeichnet den größten Erfolg?
Pallenbach: Die Schmerzmedikation ist sehr wichtig, da sie vielen Patienten hilft, ein lebenswertes Leben zu führen. Dabei lassen sich zwei Gruppen unterscheiden, die beide sehr wichtig sind und sich gut ergänzen: Die Nicht-Opioid-Analgetika, im Volksmund werden sie auch als leichte Schmerzmittel bezeichnet, und die Opioid-Analgetika, die sich vom Schlafmohn ableiten, zum Beispiel Morphin. Beide sind wichtig und nützlich und können kombiniert werden.

Den Mensch als Ganzes sehen

sonntags: Pille rein - und alles wird gut? Würden Sie das unterschreiben, oder gehört zur Heilung mehr dazu?
Pallenbach: Bei jeder Form von Hilfestellung muss man versuchen, den Menschen als Ganzes zu sehen, denn der Mensch hat eben nicht nur ein Symptom, der Mensch ist mehr. Viele persönliche Dinge können und sollen in der Beratung Platz haben. Das halte ich für den Erfolg sehr wichtig, weil vieles psychisch beeinflusst wird und letztlich auch davon abhängt, wie mir die Person, die mich berät, gegenüber steht. Wenn ein Arzt oder Apotheker gut zuhört, auf den Patienten eingeht, ihn versteht und berät, trägt dies zu dessen Genesungsprozess bei.

sonntags: Können die körpereigenen Selbstheilungskräfte gesund machen?
Pallenbach: In vielen Fällen ja. Es gibt viele Krankheiten, die auf Selbstheilungskräfte ansprechen. Beispielsweise geht die Homöopathie in diese Richtung. Allerdings ist auch hier eine gründliche Anamnese wichtig, also ein genaues Hinhören, welche Krankheiten und Beschwerden geschildert werden, dann kann man ohne Frage auch über die Selbstheilungskräfte viel erreichen.

sonntags: Ist Homöopathie tatsächlich wirksam? Das Thema ist ja umstritten.
Pallenbach: Das Thema mag umstritten sein, aber es gibt Berichte von Kindern oder Tieren beispielsweise, die sich einen Behandlungserfolg nicht einbilden können und wo mit homöopathischen Arzneimitteln viel erreicht worden ist. Bei der Homöopathie gibt es allerdings ein paar Dinge, wie zum Beispiel die Potenzierung des Medikaments, die man als beratende Person beachten muss.

sonntags: Weil Sie gerade von Kindern gesprochen haben. Sogar Babys bekommen schon Globuli verabreicht. Gewöhnen wir uns zu früh daran, gegen jedes „Wehwehchen“ ein Mittelchen einzuwerfen?
Pallenbach: Das ist schwer zu beantworten. Prinzipiell ist es schon sinnvoll, mal etwas auszuhalten. Das heißt, wenn ein Kind 38 Grad Fieber hat, ist es aus meiner Sicht nicht gleich notwendig, ein fiebersenkendes Medikament zu geben. Man sollte dem Körper auch Wege zeigen, selbst mit bestimmten Schwierigkeiten fertig zu werden und nicht für alles immer gleich etwas parat zu haben. Wenn das Kind allerdings einen schweren Infekt hat und man würde ihn nicht behandeln, wäre das ein fataler Fehler, der zum Schlimmsten führen könnte. Hier ist eine Differenzierung wichtig.

Das Abdriften in eine Abhängigkeit

Medikamente
Nicht jeder, der regelmäßig Pillen schluckt, ist gleich süchtig. Quelle: dpa

sonntags: Wie groß ist die Gefahr, abhängig zu werden? Wie gerät man da hinein? Wie merke ich, ob in meinem Umfeld jemand abhängig ist und wie kann ich der Person helfen?
Pallenbach: Da muss man sehr unterscheiden, welche Form von Abhängigkeit sich ausgebildet hat. Wenn zum Beispiel ein Schmerzpatient regelmäßig Schmerzmittel einnehmen muss, dann ist das keine Form von Sucht oder Abhängigkeit, sondern ein berechtigter Wunsch nach Schmerzlinderung.
Es gibt aber bestimmte Medikamentengruppen, die bei missbräuchlicher oder zu langer Anwendung zu Abhängigkeit führen können. Dazu gehören Schlaf- und Beruhigungsmittel. Wenn sie zu lange eingenommen werden, wird dies oft weder von den Angehörigen noch von den Personen selbst bemerkt. Zudem handelt es sich um Mittel, die ärztlich verordnet werden, weil sie beim Einschlafen oder ruhig werden gut helfen. Wegen dieses positiven Effektes haben viele Menschen schließlich Angst, sie wieder abzusetzen. Oft sind ältere Menschen betroffen, die verschiedene Symptome, die mit der Medikation zusammenhängen, wie zum Beispiel niedrigere Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, auch aufgrund ihres Alters haben. Die Angehörigen denken oft nur, die Oma sei alt geworden, wissen aber nicht, dass dies mit Medikamenten in Zusammenhang stehen kann.

sonntags: Ab wann ist man abhängig?
Pallenbach: Da will ich mich nicht auf eine Zahl oder Zeitdauer einlassen. Als Größenordnung kann man sagen, dass sich nach einigen Wochen eine Abhängigkeit ausbilden kann, aber da streiten selbst die Fachleute. Die Quintessenz ist, dass entsprechende Medikamente nicht zu oft, aber zu lange verabreicht werden. Es ist zum Beispiel hilfreich ein Schlafmittel zu nehmen, wenn man den Lebenspartner verloren hat, und deshalb vor lauter Kummer nicht mehr schlafen kann. Die Gefahr ist nur, dass es zu lange verordnet wird, anstatt es rechtzeitig wieder abzusetzten.

sonntags: Wie können Betroffene von einer Medikamentenabhängigkeit loskommen?
Pallenbach: Es muss angesprochen werden. Da es verschreibungspflichtige Medikamente sind, muss der Arzt eingeschaltet werden, da darf auch ein Apotheker nicht allein entscheiden. In Apotheken kann eine Abhängigkeit aber auffallen, weil viele alte Menschen häufig in derselben Apotheke einkaufen. Dann wäre es notwendig, dass sich der Apotheker mit einem Arzt bespricht. Dabei ist es wichtig, gemeinsam und behutsam mit dem Patienten vor- und umzugehen, damit dieser am Ende nicht verärgert den Arzt und die Apotheke wechselt. Man muss dem Patienten einen Weg zeigen, sanft von diesen Mitteln loszukommen. Also mit einer langsamen, schonenden Abdosierung, bei der sich Arzt und Apotheker auch beraten dürfen, hat man gute Aussichten auf Erfolg. Auch psychiatrische Fachkliniken bieten einen guten und qualitativen Entzug an, der aber von älteren Menschen nicht gerne genutzt wird.

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