Mit aufrechtem Gang

Ein Interview mit dem Paläontologen Bernd Herkner

Gesellschaft | sonntags - Mit aufrechtem Gang

Warum haben unsere Ur-Ahnen angefangen, sich aufzurichten? Der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk, der Trainer Michael Steinbach und der Theologe Stefan Scholz geben Auskunft.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 07.03.2019, 08:25

Vor rund sieben Millionen Jahren begann der Mensch, sich aufzurichten – und verschaffte sich damit einen entscheidenden evolutionären Vorteil. Warum der aufrechte Gang zu einer Vergrößerung unseres Gehirns beigetragen hat, und warum er zu mehr Schmerzen bei Frauen heute führt, erklärt Bernd Herkner, Leiter des Senckenberg Naturmuseums Frankfurt.

sonntags: Warum gilt der aufrechte Gang als das einschneidenste Ereignis in der Evolution des Menschen?
Bernd Herkner: Vor der Entwicklung des aufrechten Ganges wurden die Hände der Primaten sowohl für die Fortbewegung wie auch für feinmotorische Aufgaben gebraucht. Sobald durch den aufrechten Gang die Hände nicht mehr zum Gehen oder Rennen gebraucht wurden, konnten sie sich auf die Feinmotorik konzentrieren. Diese Entwicklung ermöglichte dann auch eine Verbesserung der Werkzeugherstellung.

sonntags: Wie hat der aufrechte Gang uns als Lebewesen verändert?
Herkner: Durch das Freiwerden der Hände wurde der Mensch im wahrsten Sinne des Wortes handlungsfähig und fähig, zu begreifen. Die Fähigkeiten, Dinge herzustellen und an andere weiterzugeben, sind entscheidende Grundlagen für die Weiterentwicklung des Gehirnes und die Entstehung der menschlichen Sprache. Die Möglichkeit, komplexe Zusammenhänge zu kommunizieren und Wissen weiterzugeben, ist ein entscheidender Faktor für den evolutionären Erfolg des Menschen.

Skelett Wirbelsäule
Die Aufrichtung de Wirbelsäule schaffte mehr Platz für das Gehirn. Quelle: ZDF

sonntags: Wie hat der aufrechte Gang die Größe des Gehirns beeinflusst?
Herkner: Voraussetzung für die Entwicklung der menschlichen Sprache ist ein entsprechend großes und leistungsfähiges Gehirn. Hierbei war ebenfalls der aufrechte Gang behilflich. Da der Kopf nicht mehr wie bei einem Vierbeiner vor dem Körper, sondern über dem Körper sitzt, setzt die Nackenmuskulatur nicht mehr hinten am Schädel, sondern von unten an. Zudem konnte sich die Kaumuskulatur evolutionär verkleinern, weil die Zähne aufgrund des Werkzeuggebrauches bei der Nahrungsaufbereitung weniger Zerkleinerungsarbeit leisten mussten. Der Gehirnschädel diente nun nicht mehr als Muskelansatzfläche und war in seiner Geometrie nicht mehr den biomechanischen Zwängen unterworfen. Befreit aus der Umarmung der genannten Muskelgruppen, konnte sich nun der Gehirnschädel ganz im Dienste der Gehirnentwicklung vergrößern. Handlungsfähigkeit und Begriffssprache waren zudem ein evolutionärer Auslöser für die Vergrößerung des Gehirns und der Verbesserung seiner Leistungsfähigkeit.
sonntags: Ist der aufrechte Gang eher eine Stärke oder eine Schwäche des Menschen?
Herkner: Das Gehen auf zwei Beinen setzte die Gehirnentwicklung, die Werkzeugherstellung und die Entwicklung der menschlichen Sprache in Gang. Ein weiterer Vorteil war, dass man große Strecken (bei moderatem Tempo) sehr energiesparend überwinden und dabei sogar noch Gegenstände tragen konnte. (Da der Mensch beim Gehen über das gestreckte Knie abrollt, wird die Energie, die bis zur Mitte der Schrittphase zum Anheben und Vorschieben des Körpers verwendet wird, beim darauffolgenden Fallen zurückgewonnen. Diese Pendelbewegung benötigt also nur so viel Energie, um diesen Prozess immer wieder anzuschubsen.) Lange Beine waren dabei von Vorteil, denn sie erhöhen die Schrittweite.

Ein Nachteil des aufrechten Ganges war, dass unsere Vorfahren durch die verlängerten Beine und die sich veränderte Fußform (die jetzt für das Laufen optimiert war) nicht mehr so gut klettern konnten. Der größte Nachteil des aufrechten Ganges besteht allerdings darin, dass sich das Becken veränderte, was zu einer drastischen Verengung des Geburtskanals führte. Dies ist, zusammen mit der gleichzeitigen Vergrößerung des Gehirnschädels, die Ursache für die schwere und schmerzhafte Geburt eines Menschenbabys.
sonntags: Warum haben sich nur die Menschen aufgerichtet?
Herkner: Der Mensch ist nicht das einzige Tier, das in aufrechter Haltung steht und geht. Keines davon jedoch geht mit gestreckten Beinen. Zahlreiche Säugetiere wie etwa Bären laufen hin und wieder aufgerichtet. Pinguine etwa bewegen sich an Land, abgesehen von dem Bauchrutschen auf Eis, ausschließlich aufgerichtet.

sonntags: Warum beschäftigen sich nicht nur die Natur-, sondern auch Geisteswissenschaftler (Philosophen, Theologen etc.) ausgiebig mit dem aufrechten Gang?
Herkner: Vermutlich aus dem Grund, weil der aufrechte Gang die Grundlage für Sprache, Kognitionsfähigkeit und Kultur ist.

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