Mit dem Papst an der Copacabana

Vom Ruhrgebiet zum Zuckerhut

Gesellschaft | sonntags - Mit dem Papst an der Copacabana

sonntags begleitet einen jungen Pilger auf den Weltjugendtag durch Rio de Janeiro. Was erlebt der deutsche Student dort und wie wirkt der neue Papst auf ihn?

Beitragslänge:
5 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.07.2018, 15:26

Noch an der Bushaltestelle am Stadtrand von Rio beginnen die Diskussionen: Welche Buslinie geht nun in die Innenstadt? Und wo muss man dann aussteigen? Alexander Wilczek versucht sich mit einem Stadtplan zu helfen – doch am Ende schlägt er sich mit seiner Pilgergruppe aus dem Bistum Essen einfach nach Gefühl durch die Millionenstadt. Immer wieder stoppen sie unfreiwillig, um sich von den Cariocas, den Einwohnern Rios, helfen zu lassen. Der 23-jährige Student lernt schnell: Wer zu den Topevents des Weltjugendtages will, muss zäh sein.

Alexander Wilczek in Rio de Janeiro
Alexander Wilczek in Rio de Janeiro Quelle: ZDF

Doch es lohnt sich: Bei der Eröffnungsfeier mit dem Papst am Donnerstagabend ist er mit seinen Freunden fast nach vorne an die Absperrung gekommen; nun heißt es warten auf das Papamobil, um einen ersten Blick auf den Papst zu ergattern. Und tatsächlich hat der Student mehr Glück als gedacht: Der Papst winkt nicht nur zur Essener Gruppe hin; er bleibt sogar kurz stehen, um ein Kind zu küssen.

Für Alexander die Chance, ein Bild zu ergattern und bleibende Eindrücke: „Wahnsinn, das war wundervoll. Der Papst wirkte ganz ruhig und zärtlich.“ Das schlechte Wetter, der Nieselregen des brasilianischen Winters – das alles ist in diesem Moment vergessen. Wegen des Papstes sei er nicht zum Weltjugendtag gekommen, so Alexander, aber neugierig sei er natürlich schon, was er ihm zu sagen habe. Die Botschaft des neuen Papstes von sozialer Gerechtigkeit und der Hinwendung zu den Armen überzeugt den jungen Mann aus dem Ruhrgebiet.

„Spirituellen Akku aufladen“

Alexander will hier in Rio de Janeiro auch seinen spirituellen Akku aufladen, erzählt er in einer ruhigen Minute abseits des Trubels: „Hier kann ich Kraft schöpfen, was ich zu Hause nicht so kann. In Deutschland ist beim Thema Glaube oft ein Desinteresse zu spüren und wenn ich darüber reden will, dann werde ich manchmal gar nicht ernst genommen“, so Alexander. Hier in Rio fühlt er sich unter Gleichgesinnten. Wenn in der Schlange gewartet wird, stimmen Jugendliche aus aller Herren Länder einfach ein Lied an; es werden Weltjugendtagshüte getauscht – und natürlich zusammen gebetet. Alexander findet hier Impulse, wie er sein Leben in Deutschland gestalten kann. „Ich will mehr als nur Essen, Schlafen und Arbeiten“, erklärt der 23-Jährige, „und da gibt der lebendige Glaube, den ich hier erlebe, gute Anregungen.“

Spätestens in den intensiven Momenten wie beim Papstwillkommen an der Copacabana sind die Strapazen des Weltjugendtages vergessen: Bereits um 5:30 klingelt nämlich der Wecker; und das nicht in einem luxuriösen Hotel; Alexander ist mit anderen deutschen Pilgern in einer Schule am Stadtrand von Rio untergebracht: Die Tische wurden einfach an die Seite geschoben, Isomatten ausgerollt und fertig waren die Pilgerbetten. Nach ein paar Nächten in der Unterkunft schwinden sie Kräfte langsam, gibt der Physikstudent zu. Oft finden sie in einer Nacht nur vier Stunden Schlaf und Frühstück gibt es auch erst nach einem halbstündigen Marsch zum Katecheseort.

Gefahr durch Kinderbanden

Eigentlich sind die Pilger aus dem Bistum Essen in einer schicken Gegend gelandet, in der die Mittelschicht Rios lebt. Aber auch hier sind die sozialen Spannungen für den 23-Jährigen zu spüren. Durch die Unterführung zum benachbarten Einkaufszentrum dürfen die Deutschen nur als Gruppe – zu groß die Gefahr von herumstreunenden Kinderbanden überfallen zu werden. Auch auf dem Weg durch die Innenstadt trifft Alexander immer wieder Obdachlose und an den Hängen sind die Favelas, die Armenviertel nicht zu übersehen.

Deutsche Pilger in Rio de Janeiro
Deutsche Pilger beim Weltjugendtag

„Es hat mich schockiert zu sehen, dass es hier Menschen gibt, die wirklich nichts haben. Ich war bedrückt und auch sauer auf mich selbst, dass ich nicht mehr aus meinen Chancen mache. Schließlich leben wir in einem Teil der Welt, in der ein Jugendlicher fast alle Möglichkeiten hat. Aber was machen wir aus unseren Chancen, oft vertrödeln wir Zeit und verschwenden Geld. Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Mich treibt auch die Frage um, wie man hier nachhaltig helfen kann.“

Auf einen Höhepunkt hatte sich Alexander seit Tagen gefreut: Die Vigil, das kirchliche Nachtgebet, das bei den Weltjugendtagen traditionell ein Höhepunkt ist. Doch wegen des Dauerregens musste die Veranstaltung zum ersten Mal in der Geschichte verlegt werden; von einem Feld außerhalb an den Strand der Copacabana. Alexander war deshalb nicht mit dabei. Nach der Verlegung schien den Pilgern aus Essen die Veranstaltung direkt am Meer zu gefährlich; sie hatten Angst vor einer Massenpanik. Einige der Jugendlichen hatten die Loveparade in Duisburg erlebt und wollten deshalb kein Risiko eingehen. „Ich wäre gerne mit dabei gewesen, wenn das Lichtermeer der Vigil zu sehen ist, aber ich denke, es ist vernünftiger. Wir versuchen nun einfach, das Beste daraus zu machen und das Ganze in einem Restaurant vor dem Fernseher zu verfolgen. Da können wir auch ein Gemeinschaftsgefühl erleben.“

Rund zwei Millionen Jugendliche waren bei der Vigil und alles blieb friedlich, so dass der Weltjugendtag mit positiven Bildern zu Ende ging. Alexander selbst ist nach dieser Woche nachdenklich und inspiriert zugleich. Dass er den Schwung von Rio nicht einfach so mit nach Hause nehmen kann, ist Alexander klar, aber das Fest hat in ihm etwas verändert und damit – so Alexander – könne er auch zu Hause ein wenig Veränderung bewirken.

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