Moscheebau in Duisburg

Aus dreißig Metern Höhe, wo das Minarett seine begehbare Plattform hat, ist der Rundblick atemberaubend. Im Westen die Stahlskelette der Hochöfen, Richtung Süden sind die startenden Flugzeuge vom Düsseldorfer Flughafen zu sehen, im Südosten ragen die Kirchtürme der katholischen und evangelischen Gemeinden aus dem Häusermeer. Wer schwindelfrei ist, kann sich dann noch über die Brüstung beugen und sieht unter sich die Baustelle.

Die größte Moschee Deutschlands

Im Duisburger Stadtteil Marxloh wird die größte Moschee Deutschlands gebaut. Und die sieht auch noch aus wie eine typische Moschee: Ganz im klassisch-osmanischen Stil mit riesigen Kuppeln, Säulen und dem Minarett, entsteht eine Art Hagia Sophia am Rhein.


Monatelang haben die deutschen Statiker in einem Essener Ingenieurbüro gerechnet, bis die Betonfertigteile für die Kuppeln des Prachtbaus gegossen werden konnten. Im September findet das Richtfest statt.

Die Invasion der Muslime

Wenn irgendwo in Deutschland eine Moschee gebaut wird, auch in viel kleinerem Maßstab, gibt es meist Unruhe. Alteingesessene Einwohner sorgen sich vor einer Invasion der Muslime oder fühlen sich provoziert durch Minarett, Muezzin und Gebetsruf. Nicht selten kommt es zu Protesten. Gerade in Duisburg gab es dafür schon ein aufsehenerregendes Exempel. Als vor zehn Jahren im Stadtteil Laar eine Moschee gebaut wurde, setzte sich der Ortspfarrer an die Spitze der Protestbewegung, eiferte gegen den Islam in Duisburg. Mit seinen Parolen schuf er eine aufgeladene Atmosphäre wie bei einem Kreuzzug.

Um so erstaunlicher, dass jetzt bei der XXL-Moschee von Marxloh die Stimmung ganz anders ist, gelassener und toleranter. Proteste, Widersprüche, Parolen - Fehlanzeige. Das heißt nicht, dass alle Einwohner von Marxloh jubelnd den Moscheebau begrüßen. Auch jetzt haben Alteingesessene Sorgen und Bedenken. Wenn demnächst Tausende Muslime zum Freitagsgebet nach Marxloh strömen, fürchtet manch älterer Bürger zur Minderheit in der eigenen Stadt zu werden.

"Moschee transparent"

Pfarrer Ernst Raunig von der evangelischen Kirche spielt solche Vorbehalte nicht herunter, sondern nimmt sich viel Zeit für Gespräche, zum Beispiel im Straßencafé der Gemeinde. Da fragt eine alte Dame, ob sie wirklich ehrlich sagen solle, wie sie den Moscheebau findet. Und als der Pfarrer sie ermutigt, flüstert sie: "Bescheiden! - Wir haben doch hier schon so viel Gedöns. Da brauchen wir das nicht auch noch."

Pfarrer Raunig versucht solche Ängste abzubauen, er erklärt, vermittelt, bietet einen Besuch im Begegnungszentrum der Moschee an. Dieses Zentrum ist jetzt provisorisch in einigen bunt bemalten Bau-Containern direkt auf der Baustelle untergebracht. In der neuen Moschee sind dafür mehrere Hundert Quadratmeter reserviert. Die Begegnungsstätte soll ein offener Treffpunkt im Stadtteil werden, mit Café, Gruppenräumen und Freizeitangeboten. Jeder ist eingeladen sich im ganzen Haus umzusehen, "Moschee transparent" sozusagen. Vorurteile aus Zeiten der Hinterhofmoscheen, alles Geheimnisvolle soll der Vergangenheit angehören. Dieses Konzept hat ein Beirat mit ausgedacht, der von Beginn an die Bauarbeiten an der Moschee begleitet. Dem Beirat gehören auch Nicht-Muslime an, Pfarrer Ernst Raunig zum Beispiel arbeitet dort mit, genauso wie sein katholischer Amtskollege oder ein pensionierter Schuldirektor.

Konfrontationen vermeiden

Pfarrer Raunig erzählt, wie der Beirat hilft, unerwartete Konfrontationen aus der Welt zu schaffen, die gar nicht aus bösem Willen, sondern aus Unwissenheit entstehen. So hatte die muslimische Gemeinde den ersten Spatenstich für den Moscheebau genau vor Karfreitag geplant, in der christlichen Trauerwoche. Ein Eklat zwischen Christen und Muslimen konnte dennoch vermieden werden. Verschieben der Zeremonie ging zwar nicht mehr, der Ministerpräsident hatte für den Termin zugesagt. Aber die Feier wurde dezent abgehalten, ohne Jubel, Trubel, Heiterkeit. Die Vertreter der christlichen Gemeinden waren dabei und alle zufrieden.

Genauso hat der Beirat nach langer Beratung empfohlen, dass der Muezzin nicht vom Minarett zum Gebet rufen soll. Tatsächlich verzichtet die Moscheegemeinde auf diese Tradition, um niemanden in der Nachbarschaft zu provozieren. Die Vermittlung des Beirates zwischen Moschee und Marxloh trägt entscheidend dazu bei, dass Probleme geklärt werden, Konflikte nicht eskalieren.

Interkulturelle Verständigung fördern

Daneben engagieren sich viele Einzelne und Gruppen für das Projekt interkulturelle Verständigung in Duisburg-Marxloh. So ist im Gottesdienst der evangelischen Nachbargemeinde in Aldenrade möglich, was andernorts wohl ein Skandal wäre. Nach der Psalmlesung aus dem Alten Testament, tritt Ali Topcuk, ein islamischer Religionslehrer vor den christlichen Altar und rezitiert im typischen Korangesang einige Suren. So lernt die Gemeinde ein wenig die fremde Religion der Nachbarn kennen. Nicht alle sind begeistert, eine alte Diakonieschwester meint, da würden die Religionen doch vermischt. Aber die Mehrheit ist interessiert, ein junger Mann findet, die Rezitation klinge doch sehr schön. Der islamische Religionslehrer Ali Topcuk versteht seinen Besuch im christlichen Gotteshaus geradezu als einen Besuch bei Verwandten.

Verwandtschaft

Diese Verwandtschaft demonstriert unübersehbar eine "Skulptur des Dialogs", die eine muslimisch-christliche Frauengruppe in Zusammenarbeit mit einem türkischstämmigen Künstler errichtet hat. Ganz in der Nähe der Moscheebaustelle stehen zwei vier Meter hohe Stahlsäulen, verbunden durch Brücken. Auf denen haben die Frauen aus Marxloh Symbole der Verständigung darstellen lassen, zum Beispiel schmelzendes Eis und fliegende Briefe.

Dieses Kunstwerk ist das sichtbare Zeichen für den laufenden Prozess der Annäherung, um den sich in Duisburg-Marxloh Kirchen und Moscheegemeinde bemühen. Das führt zur weitgehend entspannten Stimmung im Stadtteil.

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