Himmel für alle

Der Astrofotograf Eckhard Slawik zeigt die Sterne so, dass wir sie wiederfinden

"Sterne sind Licht aus erster Hand", sagt Eckhard Slawik. Seit mehr als zwanzig Jahren fotografiert er sie. Mit seinen neuen Bildband "Der Sternenhimmel" will er sie auch Nicht-Astronomen näherbringen. ZDF sonntags hat sich das Buch angesehen - und den Autor in seinem Wohnort in Schwaben besucht.

Eckhard Slawik
Eckhard Slawik Quelle: ZDF

Alles beginnt mit der Sonne. Das erste Bild im Innern des Fotobands ist unscheinbar und scheinbar nur schwarzweiß, ein heller Kreis vor schwarzem Hintergrund. Mit Flecken. Und als wäre das nicht genug, sieht man auf den nächsten beiden Seiten 35 ähnliche Bilder nebeneinander. "Hühnereier", nennt das mein Kollege, als er mir über die Schulter schaut. Es ist die Sonne.

Die Sonne, wie sie wirklich aussieht

"Kommen Sie! Wenn wir Glück haben, können wir uns noch die Sonne anschauen," meint der Autor des Buches, Eckhard Slawik zum ZDF-Team, als wir pünktlich zum Dreh vor seiner Tür stehen. Die vorsichtigen Einwände unserer Kamerafrau, wir hätten vielleicht nicht die Zeit dafür, wischt er beiseite: "Es kann ja gar nicht lange dauern. In zehn Minuten ist sie sowieso untergegangen."

Und so sieht unser Kamera-Team, das jeden Arbeitstag damit beschäftigt ist, Licht einzufangen, zum ersten Mal die Sonne. Durch ein Teleskop mit sicherer Schutzfolie.

Täglich eine neue Sonnenseite

Wie sollte man einen Fernsehbeitrag oder ein Buch über den Sternenhimmel auch anders anfangen, als mit einem Blick auf den Stern, der uns der Nächste und Wichtigste ist. Das Foto der Sonne mit dem das Buch beginnt, sieht zwar schwarzweiß aus - ist aber in Farbe. "Die Sonne ist weiß!", erklärt Slawik.

Der Ingenieur und Fotograf zeigt anhand seiner präzise dokumentierten Fotos den Zyklus der Sonnenflecken, ihr Entstehen und Vergehen. An ihren "Wanderungen" lernen wir, dass nicht nur die Erde sich um die Sonne dreht, sondern auch die Sonne selbst sich um sich selbst, alle 27 Tage. Fast jeden Tag im Monat sehen wir also ein Stück mehr von ihr.

Das Sonnensystem "eiert"

Slawik fotografiert sie von allen Seiten - und räumt nebenbei mit der Vorstellung auf, sie stünde im Zentrum des Sonnensystems. Denn wegen der Gravitation der großen Gasplaneten jenseits des Asteroidengürtels liegt der Schwerpunkt einige Sonnenradien außerhalb der Sonne. Die Erde kreist also gar nicht um die Sonne, sondern um einen Punkt leicht daneben. Oder wie es Slawik ausdrückt: Das Sonnensystem "eiert".

Menschen, die vom Himmel Harmonie erwarten, wurden von Astronomen schon oft enttäuscht. "Den Erdkreis hat er gegründet, sodass er nicht wankt", heißt es im Alten Testament - eines der Argumente der Heiligen Inquisition, als sie 1633 Galileo Galilei zu

Teleskop von Galileo Galilei
Teleskop von Galileo Galilei Quelle: ap

lebenslangem Hausarrest verurteilte. Er hatte es gewagt, sich der These des Kopernikus anzuschließen, wonach die Erde sich eben doch bewegt - um die Sonne. Erst 1992 gab die Katholische Kirche ihren Irrtum auch formal zu. Aber auch Galileo ging von falschen Harmonien am Himmel aus: Er dachte, die Planeten bewegten sich auf vollkommenen Kreisbahnen. In Wirklichkeit sind es Ellipsen. Er glaubte an feststehende Fixsterne - heute wissen wir, dass alle Sterne sich bewegen.

Führerschein für die Milchstraße

Eckhard Slawik hat Verständnis für die Suche nach Sinn, nach dem perfekten Weltbild, die schon immer mit der Astronomie verbunden ist: "Wir sind auf der Welt, mit Neugier behaftet, und wollen wissen: Was haben wir hier für eine Aufgabe?" meint er. "Und ein Teil dieser Frage richtet sich eben an den Himmel."

Orientierung ohne Astronomiestudium

Weil alle Menschen mit ähnlichen Fragen nach oben schauen, will er es mit dem Buch "Der Sternenhimmel" auch jedem ermöglichen, sich dort zurechtzufinden. Sein Arbeitstitel sei "Himmel für alle - ein Führerschein für die Milchstraße" gewesen, erzählt er und zeigt uns einen selbstgezeichneten Cover-Vorschlag: Launige Verkehrsschilder, die die Milchstraße säumen. Der Verlag entschied sich allerdings für eine seriöser wirkende Alternative.

Dass man sich nach einem Blick ins Buch tatsächlich erheblich besser am realen Sternenhimmel zurechtfindet, dafür sorgen die gelungenen Fotografien und einige simple Methoden - so simpel, dass man sich fragt, warum sie nicht auch in anderen Astronomiebücher längst verwirklicht sind. So ist unter jedem Himmelsfoto der Horizont abgebildet.

Dadurch lässt sich gut abschätzen, wie einem die Sternbilder zugewandt sind, wie sie zueinander stehen und wie die Größenverhältnisse sind. "Bei vielen Sternbildaufnahmen, die ohne Horizont waren, haben die Leute mich immer gefragt: 'Ja, wann muss ich denn wohin schauen?', erzählt er. "Um dieser Frage zu begegnen, habe ich nun einen Horizont mit eingebaut."

Picasso der Sterne

Winterhimmel
Winterhimmel Quelle: Eckhard Slawik

Natürlich dreht sich der Sternenhimmel, von der Erde aus gesehen, das ganze Jahr über. Slawik ordnet daher seine Panoramafotos im Buch nach Jahreszeiten. Und zeigt den Himmel zusätzlich aus je drei verschiedenen Beleuchtungssituationen: Aus der Stadt, vom Land und von einem Ort ohne Lichtverschmutzung, von einem Berg auf der Kanaren-Insel La Palma. So sieht man den Himmel, wie man ihn kennt - aber erfährt auch, was einem in den Ballungsräumen entgeht.

Der Orientierung auf den Fotos dient auch eine besondere Filter-Technik, die der Ingenieur Ende der 90er Jahre entwickelte, um die Helligkeits-Unterschiede der Sterne so zu zeigen, wie man sie mit bloßem Auge wahrnimmt. Die Technik machte Slawik mit einem Schlag international berühmt und brachten ihm in Fachkreisen den Ehrentitel "Picasso of the stars" - "Picasso der Sterne" ein.

Geburtstag unter dem Orion

Großer Wagen
Großer Wagen Quelle: Eckhard Slawik

68 Jahre alt wird Eckhard Slawik, als wir um kurz nach Mitternacht auf einem Feld in einem kleinen Ort bei Heilbronn unter dem Wintersternbild des Orion die Dreharbeiten beenden. Ein Geburtstag mit dem Fernsehteam. Seit mehr als zwanzig Jahren bereist er die Erde, um den Sternenhimmel zu aufzunehmen.

Die Ehrfurcht kommt später

Die Milchstraße hat er in 24 Einzelbildern fotografiert. In 336 Einzelbildern nahm er den Lauf der Sternkreiszeichen auf und brauchte allein zwei Jahre, um ein geometrisches Verfahren zu entwickeln, alle Bilder ohne Verzerrungen zu einem grandiosen Panoramabild zusammenzusetzen.

"Wenn ich nachts in den Himmel schaue, treffe ich lauter gute alte Bekannte", sagt er scherzhaft. Empfindet er trotzdem, wenn er nachts nach oben schaut, noch die "Ehrfurcht vor dem bestirnten Himmel", wie sie der Philosoph Kant einst beschrieb? "Wenn ich früher in den Himmel geschaut habe", antwortet er, "habe ich leuchtende Pünktchen gesehen. Die Ehrfurcht kommt später. Wenn man weiß, was man da wirklich sieht."

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