Reise ins Ungewisse

Reporterin Ariane Martin über ihre Erfahrungen mit 100 Sekunden Leben

Die Welt ist voller Geschichten, man muss sie nur finden. Von diesem Motto geleitet ist sonntags-Reporterin Ariane Martin mit der Kamera unterwegs. An einem beliebigen Ort begegnet sie Menschen per Zufall und fragt sie nach ihrer Geschichte.

100 Sekunden Leben haben wir das neue Format in unserer Sendereihe sonntags - TV fürs Leben genannt. Und bei seiner Umsetzung zählt nichts von dem, was vorher galt, jedenfalls fast nichts.

Ariane Martin mit VJ-Kamera
Ariane Martin mit VJ-Kamera Quelle: ZDF

Ein Thema gründlich zu recherchieren, den Dreh vorzubereiten, sich Gedanken über die inhaltliche Dramaturgie machen und Termine vor Ort zu vereinbaren - bisher war das selbstverständlich. Bei 100 Sekunden Leben nicht. Es ist nicht bloß gegen die Regeln, sondern unmöglich. Man kennt ganz einfach das Thema, den Menschen, die Geschichte nicht. Das alles wird sich erst vor der Kamera entfalten. Die "Recherche" erfolgt beim Dreh.

Alles zur gleichen Zeit

Für 100 Sekunden Leben losziehen heißt eine Reise ins Ungewisse antreten. Klar, dass man zumindest eine Großregion festlegen muss. Aber dann entscheidet entweder der Fingertipp auf die Landkarte, ein Mausklick bei Googlemaps oder auch einfach das spontane Angezogen-Fühlen von einer bestimmten Gegend, von einem Ort. Das ist aber schon alles.

Die Herausforderung ist mentaler und technischer Art. Als Videojournalistin bin ich ohne Verstärkung unterwegs und sowohl für Bild und Ton als auch für Regie und Interviewführung selbst zuständig. Und das nicht etwa nacheinander, sondern zur gleichen Zeit. Im Fall von 100 Sekunden Leben ist das doppelt spannend, weil ich noch weniger weiß, was auf mich zukommt. Ein Abenteuer mit offenem Ausgang.

Scheitern ist erlaubt

Werde ich an meinem Zielort überhaupt jemanden treffen? Will er mitmachen? Lässt sich die Geschichte mit meinen Möglichkeiten vermitteln? Lässt sie sich in 100 Sekunden filmisch umsetzen? Auf fremde Menschen zuzugehen und sie direkt mit laufender Kamera anzusprechen, ist zunächst ungewohnt. Aber für unser Format wollten wir diesen Moment des Suchens und Fragens, der Kontaktaufnahme im Bild festhalten, weil es so unmittelbar in die Geschichte hineinführt.

Ob beim Wäscheaufhängen zwischen den Wohnwagen, Schachspielen im Park, auf der Leiter beim Fensterstreichen oder am See mit dem Surfbrett - die Menschen haben bisher freundlich und interessiert reagiert, wenn ich sie mit der Kamera angesprochen habe. Nicht immer hat sich dann eine Geschichte entwickelt, nicht immer hatten die Menschen Zeit, nicht immer spielte das Wetter mit. So fing es beispielsweise einmal wenige Minuten nach Drehbeginn aus heiterem Himmel an, in Strömen zu gießen und wir mussten uns unter ein Vordach retten. Die Haare der Protagonistin hingen in nassen Strähnen herab und an eine Fortsetzung des Drehs war nicht mehr zu denken. Außerdem gibt es Tage, da findet sich einfach gar nichts. Aber Scheitern ist bei diesem Konzept erlaubt und nur so kann man weiter locker, kreativ und offen für den nächsten Versuch bleiben.

Das echte Leben

Dass 100 Sekunden Leben bei den Menschen ankommt, liegt vielleicht an seiner authentischen und erfrischenden Machart. Mit Menschen und ihren Geschichten, ganz direkt und spontan mitten aus einer Lebenssituation heraus erzählt. Mal überraschend, mal witzig, mal tiefgründig. Es ist immer wieder erstaunlich, was die Menschen alles zu berichten haben, wie viel Lebensweisheit in jedem Einzelnen steckt, was er alles aus sich herausbringt, wenn man ins Gespräch kommt und Interesse zeigt.

Über manche Fragen haben viele zuvor selbst noch gar nicht nachgedacht und beginnen während der Aufnahmen zu reflektieren, ihre Gedanken zu formen. Sie äußern Einsichten zum Leben, die ihnen zuvor gar nicht bewusst waren, Erkenntnisse von allgemeiner Gültigkeit. Das sind dann jene Momente, die diese filmischen Miniaturen besonders wertvoll machen. Ein 100 Sekunden Leben-Stück ist nicht planbar; es ist gelungen, wenn seine Geschichte die Zuschauer in seiner Unmittelbarkeit berührt und in ihnen nachschwingt. Die Welt ist voller Geschichten - wir können sie finden: mit Aufmerksamkeit, etwas Intuition und einer gehörigen Portion Glück.

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