Stille Alltagshelden

Autorin Anabel Münstermann über das Leben mit Krebsdiagnose

Vor einem Monat bekam ich den Auftrag, ein Portrait über einen krebskranken Menschen zu drehen. Ich traf Eva Maria Breite, ihre Prognose ist schlecht. Wie schafft sie es trotz der niederschmetternden Diagnose, ihr Leben zu meistern?

Eva Maria Breite
Eva Maria Breite Quelle: ZDF

Krebsgruppen, Sprechstunden und medizinische Zentren reagierten auf meine Anfrage verhalten und konnten mir nur wenig Unterstützung zusagen. Die meisten Patienten seien ohnehin zu sehr mit sich und der Krankheit beschäftigt, ein Einsatz als Protagonist für eine Fernsehdokumentation sei kaum vorstellbar. Mir wurde klar, dass ich einen Protagonisten aus dem erweiterten eigenen Bekanntenkreis finden musste. Nach intensiver Suche habe ich drei Familien gefunden, die für mein Vorhaben offen waren.

Bewegende Begegnungen

Ein junger Mann mit bösartigem Gehirntumor, verheiratet und zwei kleine Kinder - seine statistische Lebenserwartung circa ein Jahr. Er lebt schon vier Jahre mit dem Tumor, und es geht ihm nicht schlecht. Über den Krebs und sein Leben zu sprechen, fiel ihm nicht leicht. Meine zweite Protagonistin, Eva Maria Breite, ist so alt wie ich, sie hat eine Tochter und lebt zusammen mit ihrem Mann und den Eltern in einem Haus. Obwohl auch sie mit einer sehr düsteren Prognose leben muss, strahlt sie Lebensfreude aus. Sie hadert nicht mit dem Schicksal, sie lebt damit.

Auch die dritte Frau, die ich zum Vorgespräch besucht habe, war ähnlich offen wie die vorherige. Sie steckt noch mitten in der Chemotherapie, deren Nebenwirkungen man ihr sofort ansah. Bei ihrer Erkrankung handelt es sich um einen Rückfall. Trotzdem wirkte sie sehr positiv. Ich hatte also innerhalb einer Woche mit fünf Menschen sehr intensiv über existentielle Dinge gesprochen. Über den Schock der Diagnose, die Gedanken an den Tod und den Weg zurück in die Normalität. Das war sehr emotional und bewegend.

Leben mit der Diagnose

Tamara Breite
Tamara Breite Quelle: ZDF


Nach dieser Recherche habe ich den Eindruck, dass Frauen insgesamt viel offensiver mit ihrer Krankheit umgehen als Männer. Sie wollen den Krebs verstehen lernen, wollen alle medizinischen und auch alternativen Wege gehen. Vielleicht deshalb hab ich mich für Eva Maria Breite entschieden. Aber auch ihre Familie hat mich so nachhaltig beeindruckt. Wir haben an zwei halben Tagen gedreht und viele Pausen gemacht. Die strahlende erste Frühlingssonne hat zu dem gepasst, was wir als Team in den zwei Tagen erlebt haben.

Wir erlebten eine starke, positive Familie, die eine lebensbedrohliche Krankheit in ihr Leben aufgenommen hat. Sogar die 14-jährige Tamara, die bei der ersten Begegnung extrem schüchtern wirkte, hat schnell Vertrauen gefasst. Ein fröhliches Mädchen, dem man die Pubertät kaum anmerkt. "Ich habe schon manchmal abends vor dem Einschlafen Angst", sagt sie, "aber grundsätzlich bewundere ich meine Mutter für ihre positive und lebensbejahende Art."

Jeden Augenblick intensiv erleben

Yoga-Kurs
Yoga-Kurs Quelle: ZDF


Tochter, Ehemann und die im Haus lebenden Eltern haben uns gezeigt, wie es ihnen gelingt, den Krebs von Eva Maria anzunehmen. Sie verbringen viel Zeit zusammen, sie lachen und freuen sich über das, was ist. Ohne die Diagnose zu leugnen, geben sie der Krankheit nur soviel Raum wie nötig. Eva Maria Breite selbst war immer schon sehr offen mit ihrer Krankheit, hat nie darüber geschwiegen. Auch die Berufsunfähigkeit hat sie positiv angenommen. Jetzt habe sie endlich Zeit für ehrenamtliches Engagement, das wollte sie immer schon machen.

Sie weiß heute besser als vor der Erkrankung, wie sie ihre Kräfte einteilen muss. Für jede Aktion im Dienst der anderen braucht sie auch wieder Zeit für sich. Zum ruhen, nachdenken oder Yoga machen. Sie wisse ja nicht, wie viel Zeit ihr noch bliebt, da wolle sie einfach jeden Augenblick so schön und glücklich wie möglich erleben. Und das hat sie uns sehr überzeugend vorgemacht. Obwohl vieles, was wir erfahren haben, uns sehr nachdenklich gemacht hat - haben wir auch gelacht auf diesem Dreh. Eva Marias Lebensmut und ihr herzliches Lachen haben mich sehr berührt.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet