Über Google zu Gott

Der Kirchentag diskutiert über virtuelle Welten und Kopierschutz

Bislang war das Internet den Kirchen eher fremd. Der 2. Ökumenische Kirchentag (ÖKT) hat sich nun auf die Suche nach dem inneren Zusammenhang zwischen virtuellen Welten und der Welt der Religion begeben. Und fragt: Kann Kopieren Sünde sein?

Kirchnetagsbesucher in der Allerheiligen-Hofkirche Quelle: ZDF

Spiritualität und Glauben auf der einen Seite und die Datenautobahnen im Internet auf der anderen scheinen auf den ersten Blick zwei entgegen gesetzte Welten zu sein: Die eine steht für Ruhe und innere Einkehr, die andere für Beschleunigung und Flüchtigkeit.

Unter der Backsteinkuppel der Allerheiligen-Hofkirche, eines ehemaligen Gotteshauses mitten im Zentrum Münchens, finden auf dem ÖKT nun Kunst und Gespräche über Virtualität statt. Eine Frage wird dabei lebhaft diskutiert: Gibt es Parallelen zwischen Internet und Religion, zwischen Virtualität und Spiritualität?

Das Himmelreich im Cyberspace

Florian Rötzer, Chefredakteur des Online-Magazins Telepolis, erinnert an den utopischen Geist zu den Anfangszeiten des Internet. "Es war die Vorstellung von einer virtuellen Welt, in die ich eintauche: in einen Ort weltweiter Demokratie, in eine Art von Himmelreich." Dieses Erlösungsversprechen eines Paralleluniversums, in dem man als Avatar die materielle Welt zurücklasse, habe heute allerdings seine Relevanz verloren und spiele allenfalls noch in der Spielewelt eine Rolle.

Einen tieferen Zusammenhang sieht der Religionswissenschaftler Michael von Brück: Im Cyberspace sei die Grundform von Religion gegeben. Beide sind der Unmittelbarkeit der Realität enthobene Sphären. "Das Virtuelle ist eine gedankliche Vision, den Dualismus von Gut und Böse zu überwinden".

Wenn ich den anderen nicht mehr erlebe

Was ist aber wirklich neu am Austausch über virtuelle Plattformen? Wenn ich mit Freunden ausschließlich im Internet kommuniziere, dann sei das, so der Philosoph Godehard Brüntrop, allenfalls ein komplexes Rollenspiel, bei dem wir die anderen Wesen nicht wirklich erlebten. "Ethisches Verhalten basiert aber gerade darauf, dass ich im Blick auf das Antlitz eines Anderen ihm kein Leid zufügen würde."

"Dieser Zusammenhang zwischen Antlitz und sittlichem Anspruch löst sich auf, wenn ich zu viel in der virtuellen Welt lebe." Ob junge Menschen tatsächlich in ihren moralischen Fähigkeiten gestört werden, wenn sie im Internet Raum und Zeit hinter sich lassen, konnte bislang nicht nachgewiesen werden. Dennoch sei es, so Brüntrop eine der wesentlichen Herausforderungen unserer Zeit, einem digital bestimmten Weltbild gegenüber kritisch zu bleiben.

Kampf ums Kopieren

Internetcafe auf dem 2. Ökumenischen Kirchentag Quelle: ZDF


Doch das Internet wird zugleich immer mehr ein Ort, an dem sich gerade Jüngere auf die Suche nach Gott begeben. Virtuelle Andachtsräume wie etwa Touch-me-Gott.de bieten neue Möglichkeiten der spirituellen Praxis. Virtualität wird hier nicht als Bedrohung der Lebenswelt erfahren, sondern im Gegenteil als Chance, andere Dimensionen von Realität zu entdecken.

Warnzeichen auf Computerbildschirm
Gefahr Internet - Warnzeichen auf Computerbildschirm Quelle: imago


Die wirklichen Gefahren des Internet werden in der Münchner Allerheiligen-Hofkirche denn auch anderswo gesehen: in der schrittweisen Aushöhlung des geistigen Eigentums. Die Praxis des digitalen Kopierens ist inzwischen ein Kampfplatz für Juristen geworden. Vom klammheimlichen Download bis zu groß angelegten Kopieraktionen des Internetgiganten Google: Illegales Raubkopieren gehört mittlerweile zu den verbreitetsten Vergehen überhaupt. "Wenn ich im vor-digitalen Zeitalter eine Schallplatte auf eine Kassette kopiere, dann war das immer mit einem erheblichen Qualitätsverlust verbunden. Im digitalen Zeitalter kann ich ohne Qualitätsverlust und in beliebiger Zahl verbreiten", sagt Julius Mittenzwei, Jurist und Mitglied des Chaos Computer Clubs. Die großen Musikverlage hätten es bislang versäumt, funktionierende Geschäftsmodelle zu entwickeln, die diesen veränderten Strukturen gerecht werden.

Man darf auch mal sündigen

Ist der gesamte Kunst- und Literaturbereich in seiner Eigenständigkeit bedroht oder stehen wir am Anfang einer neuen Form von unbegrenzter kultureller Teilhabe? "Nutzer haben den völlig berechtigten Wunsch, zu einem möglichst geringen Preis an Kulturgüter heranzukommen", sagt die Erlanger Theologin Johanna Haberer.

Die größte Herausforderung besteht zweifelsohne darin, Wege zu finden, wie Künstler weiterhin von ihren geistigen Produkten leben können. Und nicht jede Kopie muss gleich eine Sünde sein. So fragt der Moderator Jan-Michael Heiermann gegen Ende: "Wo wäre ich als Christ, wenn sich Martin Luther an das Kopierverbot des Papstes gehalten hätte?"

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