Unsere Kindheit – Schlüssel zum Leben?

Interview mit Ursula Nuber über den Einfluss des Elternhauses

"Ich hatte eine schwere Kindheit!" So entschuldigen sich viele, obwohl sie schon erwachsen sind. Ist das eine billige Ausrede oder hat die Kindheit wirklich großen Einfluss auf unser späteres Leben? ZDFonline sprach mit Ursula Nuber, Psychologin und bekannte Buchautorin.

ZDFonline: Inwiefern prägen Kindheitserfahrungen unser Leben?

Ursula Nuber: Man kann sagen, dass die Kindheit die sensibelste und wichtigste Lebensphase ist, vor allem die ersten drei Jahre. Dinge, die dort passieren, beeinflussen, ob ich ein psychisch stabiler, selbstbewusster Mensch werde oder eher nicht. In dieser Phase des Lebens werden eindeutig wichtige Grundlagen gelegt.

ZDFonline: Was wiegt mehr – positive oder negative Erfahrungen?

Nuber: Natürlich prägen negative Erfahrungen, zum Beispiel wenn man als Kind vernachlässigt oder nicht geliebt wurde; aber man darf auch die Kraft der positiven Erfahrungen nicht unterschätzen, selbst wenn es nur wenige gab. Die Psychologie spricht von alternativen Inselerfahrungen: Es geht um einzelne kleine Erfahrungen, kleine Highlights für ein Kind. Oft reicht schon ein anerkennendes Wort oder eine Nachbarin, die sich kümmert und dem Kind sagt, wie toll es ist. Da kann jeder im Umfeld eines Kindes einen guten Einfluss ausüben, indem er dem Kind zeigt, dass es geschätzt und geliebt wird.

Die Wissenschaft beschäftigt sich unter dem Schlagwort „Resilienz“ mit dem Phänomen, dass Kinder trotz eines schlechten Starts ein gelungenes Leben führen. Kinder, die resilient sind, machen eben diese kleinen Erfahrungen, dass sie von jemandem geschätzt werden. Viele Kinder haben auch schon jung den Vorsatz, später alles anders zu machen als ihre Eltern und engagieren sich dann zum Beispiel auch in der Schule, um ihre Träume verwirklichen zu können.

Ursula Nuber
Ursula Nuber

ZDFonline: "Ich hatte eine schwere Kindheit!" Würden Sie das als Entschuldigung akzeptieren, wenn es später im Leben nicht läuft?

Nuber: Ich finde, es ist ein verständliches Argument, aber es ist kein Argument, das uns im Leben weiterhilft. Wenn ich sage, dass die Vergangenheit schuld ist, dass es mir nicht so gut geht, dann bleibe ich beim Status quo hängen. Die Vergangenheit kann ich nicht ändern, aber ich kann ändern, wie ich damit umgehe, also die Haltung dazu. Ich kann mich als Opfer fühlen, dann bringt mich das nicht weiter, oder ich kann sagen: Für die Vergangenheit kann ich nichts, aber ich kann jetzt mein Leben in die Hand nehmen und gestalten, wie es weitergehen soll; dafür bin ich verantwortlich. Es geht also darum, die Perspektive zu ändern.

ZDFonline: Viele sagen. "Was in meiner Kindheit war, das ist Vergangenheit!" Ist das die richtige Strategie für ein zufriedenes Leben?

Nuber: Ich denke, es ist immer gut zu wissen, wie die eigene Kindheit wirklich war, denn sonst besteht die Gefahr, dass man von einigen Verhaltensmustern immer wieder eingeholt wird. Es gib ja immer wiederkehrende Muster in unserem Leben: Man hat zum Beispiel immer wieder denselben Streit mit dem Partner oder den Kindern oder in der Arbeit  gibt es immer mit ähnlichen Kollegen Schwierigkeiten. Bisweilen liegen die Gründe hierfür in der Vergangenheit. Das ist gut zu wissen, denn dann kann ich heute meine Gefühle anders deuten und mein Verhalten ändern. Wenn zum Beispiel mein Vater eine autoritäre Person war, die keinen Widerspruch duldet, kann das der Grund sein, warum ich auch im Erwachsenenalter in Situationen, wo jemand dominant auftritt in eine Hilflosigkeit abrutsche. Wenn ich den Grund dafür weiß, kann ich da natürlich entgegenwirken. So gesehen ist die Kenntnis der eigenen Kindheit ein Schlüssel, um heute gut zu leben.

ZDFonline: Welche zentralen Bedürfnisse sollten als Kind erfüllt worden sein?

Nuber: Alle Grundbedürfnisse laufen letztendlich darauf hinaus, dass ein Kind ein Selbstwertgefühl entwickeln kann, das es dann auch durchs Leben trägt. Dazu gehört als erstes die Erfahrung, geliebt zu werden so wie man ist. Dann sollte ein Kind natürlich merken, dass es respektiert wird, dass es nicht grundsätzlich kritisiert wird in der Art „Du bist dumm, das kannst Du eh nicht“. Wichtig ist auch noch, dass ein Kind  lernt, was es kann und dass es auch gefördert wird.

ZDFonline: Kann es auch ein „zu viel“ geben?

Nuber: Wir sehen heute in unserer Gesellschaft immer wieder Kinder, die sehr verwöhnt  und permanent gelobt werden. Das kann auch schädlich sein: Wer sein Kind zu viel lobt, gibt ihm kein Gefühl, was es wirklich alles kann; wenn solche Kinder dann in den Kindergarten oder in die Schule kommen, dann merken sie plötzlich, dass es da nicht so unkritisch abläuft und es gibt Probleme. Das Beste ist, wenn man einem Kind ganz ehrlich begegnet und es lobt und kritisiert; wenn Kritik, dann allerdings immer konstruktiv und auf dem Boden der Liebe. Hier ist also sowohl von Eltern als auch Großeltern das richtige Maß gefordert.

Wenn Sie Fragen, Anregungen oder Kritik haben, schreiben Sie uns eine Mail: sonntags@zdf.de

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet