Unterwegs mit den Zirkusleuten

Interview mit dem Zirkusseelsorger Klaus-Jürgen Meyer

Mehr als 25 Jahre begleitete Klaus-Jürgen Meyer die ostdeutschen Zirkusleute. Von 1975 an war er ihr Seelsorger und teilte die Freud und das Leid der Artistenfamilien hinter der Manege und auf der Bühne. Im Jahr 2000 ging er in den Ruhgestand. Im Interview spricht er über seine Arbeit und das Zirkusleben in der DDR und nach der Wende.

ZDF: Was macht ein Zirkusseelsorger?

Klaus-Jürgen Meyer: Die Aufgabe eines Zirkusseelsorgers ist es, als Ansprechpartner für die Artisten, Unterhaltungskünstler, Sänger, Tänzer und Zauberkünstler da zu sein.

ZDF: Was unterscheidet eine Zirkusgemeinde von anderen Gemeinden?

Jessoka Probst und Adriana
Artisten in der Manege von Zirkus Probst Quelle: ZDF

Meyer: Artisten sind Reisende, die keine Möglichkeit haben, ständig an einer festen Gemeinde teilzunehmen. Durch meine Arbeit sind alle Angebote der Kirche bis hin zu den sozialen und karitativen Einrichtungen auf der Reise präsent sein. Dazu gehören dann auch Gottesdienste, Hochzeiten und Beerdigungen.

ZDF: Sie waren also mit den Zirkusleuten immer auf Achse. Warum haben Sie das auf sich genommen?

Meyer: Wir sind das ganze Jahr unterwegs gewesen. Meistens waren wir 14 Tage in einem Zirkusunternehmen oder auch bei Puppenspielern und Hochseiltruppen. Meine Frau hat 15 Jahre ehrenamtlich diese Arbeit mitgemacht. Und unsere Kinder waren in den Ferien dabei. So sind wir über die Zirkussaison mitgereist und haben auch die Artisten in den Winterquartieren besucht.

ZDF: Was war für Sie der schönste Moment in Ihrer Zeit im Zirkus?

Meyer: Als schön empfand ich, miteinander unterwegs zu sein und zu arbeiten und die kirchlichen Feiern gemeinsamen zu erleben. Besonders einschneidend war für mich aber die
Arbeit nach der Wende, die ganze Umstrukturierung, da wurde viel eingespart.

ZDF: Sie waren schon vor der Wende als Zirkus-Seelsorger tätig. Wie war das Leben für einen freien Zirkus in der DDR?

Meyer: Es gab Privatzirkusse, die haben die kleineren Ortschaften bedient, und es gab drei Staatsunternehmen, die haben die großen Städte bereist. Diese Staatsunternehmen sind auch im Ausland gewesen, wie in der Tschechei, Polen oder Ungarn.

Ich war seit 1952 als Jugendarbeiter in einem Privatzirkus. Es war ja nicht verboten, die Gemeinde in den Zirkuswagen zu besuchen. Aber diese Sache wurde vom Staat natürlich nicht gern gesehen. Einmal waren wir auf einer der Leistungsschauen, das waren große Events. Dort traf man natürlich auch den ein oder anderen Funktionär. Einmal sprach mich einer an und sagte, es gäbe drei Gruppen von Menschen: erstens die Genossen, die einen Parteiauftrag bekommen, zweitens die Bürger, bei denen sie wissen, wie sie Einfluss nehmen können, und drittens Querulanten wie wir. Die würden sie sich ganz genau angucken.

ZDF: Und wie erging es den Zirkusunternehmen nach 1989?

Meyer: Zirkusunternehmen, die ein ansprechendes Programm haben und qualitativ gute Arbeit machen, haben überlebt. Der Name Probst etwa hat im ganzen Osten einen sehr guten Ruf. Nach der Wende hat er sich diesen Ruf auch in anderen Bundesländern erworben.
Oder die Leute haben sich umgestellt, wie der Zirkus Hein. Sie erarbeiten eine Woche lang ein Zirkusprogramm mit Schulkindern. Für die Kinder ist das eine tolle und wichtige Erfahrung.

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