Vom Glück in der Großstadt

Typentest und Interview mit Autorin Katja Trippel

Gesellschaft | sonntags - Vom Glück in der Großstadt

Moderatorin Andrea Ballschuh ist unterwegs in Frankfurt am Main und fragt: Können Menschen in wachsenden Städten wirklich gut leben?

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 14.06.2018, 16:05

Ob Landlust oder Landliebe – zahlreiche Zeitschriftentitel erwecken den Eindruck, die Sehnsucht der Deutschen nach ländlicher Idylle sei groß. Doch lebt es sich auf dem Dorf tatsächlich besser? Autorin Katja Trippel glaubt das nicht und sagt im Interview, wer in der Großstadt lebt, habe mehr vom Leben. Und wie ist es für Sie? Sind Sie eher ein Landei oder mehr eine Großstadtratte? Machen Sie den Test und finden es heraus.

ZDF: Wie kamen Sie auf die Idee, mit Ihrer Kollegin dieses Buch zu schreiben?
Katja Trippel: Wir haben uns sehr gewundert, dass alle Leute um uns herum vom Land schwärmen und diese Magazine eine riesen Auflage bekommen. Auch im Fernsehen ist ständig von idyllischen Bauernhoffamilien die Rede. Doch die Realität ist anders: Die Leute ziehen in die Städte und in der Provinz veröden die Dörfer, weil die Leute dort keine Perspektive mehr haben. Und wir wollten einfach einen Gegenpol setzen und sagen: „Hey Leute, Ihr wisst gar nicht, was Ihr an Euren Großstädten habt!“

ZDF: Warum ist die Zeit reif für so ein Buch?
Trippel: Die Stimmung ist ein bisschen am kippen, weil die Menschen sich bewusst werden, was in Wirklichkeit passiert, ist anders, als die Landliebezeitschriften und die „Landzauberer“ versprechen. Die Umzugswagen fahren nämlich eher von der Provinz in die Städte. Eine Reurbanisierung findet statt und nicht umgekehrt, wie man sich das vielleicht immer vorstellt, dass die Provinz immer idyllischer wird. Der echte Megatrend ist nicht Landlust, sondern Stadtlust.

ZDF: Das heißt, Sie waren auch etwas genervt von dem „Landliebe-tralala“?
Trippel: Ja, uns hat das wahnsinnig genervt, weil es so eine aufgehübschte Wirklichkeit darstellt, die so nicht existiert. Abgesehen von ein paar Dörfern, die großes Glück haben, weil Leute zuwandern und ein aktives Sozialleben funktioniert, sagt die Demographie etwas ganz Anderes. Das Leben auf dem Land ist nicht immer wie auf einem alten Gutshof, wo wunderschöne Geranien wachsen, sondern die Leute müssen pendeln, weil ihre Arbeit in der Stadt ist, sie müssen weit zum Arzt fahren, weil kein Arzt mehr da ist, die Leute sind abhängig davon, dass sie ein Auto haben und sie sind abhängig von dem einzigen kleinen Laden, den es im Ort gibt, wenn es überhaupt noch einen gibt.

Gemeinde mit Rathaus
Ausnahme: Dörfer mit intaktem Sozialleben. Quelle: imago

ZDF: Aber sehen Sie nicht umgekehrt die Stadt zu positiv, sozusagen durch eine rosarote Brille?
Trippel: Wir haben uns bei dem Buch bewusst entschieden, dass wir die Stadt gegen alle Angriffe verteidigen und dass wir alles darstellen, was uns an der Stadt gefällt und was uns hierher gelockt hat. Wir haben uns mit vielen Studien befasst, mit Experten und Wissenschaftlern besprochen. Wenn jemand ein Buch schreiben möchte, was alles schlecht ist an der Stadt, dann darf er das gerne machen. Wir wollten einfach mal darstellen, warum es sich lohnt in die Stadt zu kommen und in der Stadt zu bleiben.

ZDF: Doch was ist mit den Problemvierteln? Es gibt viele Menschen, die die tollen Angebote der Städte nicht nutzen können. Ich hatte beim Lesen immer wieder den Eindruck, es beschreibt die Perspektive des gut verdienenden Mittelstands?
Trippel: Meine Mitautorin und ich sind jetzt sicher keine Besserverdienenden. Sie ist eine freie Journalistin und ich habe eine halbe Stelle. Wir sind nicht diejenigen, die sich große Häuser auf dem Land kaufen können und dann darüber berichten, wie toll es ist, dort auf einmal zu wohnen, wie das jetzt diese ganzen Landlustbücher machen. Es ist völlig klar, dass es nicht überall so idyllisch ist wie am Prenzlauer Berg oder so schön wie in Hamburg Eppendorf, sondern dass es viele Wohnviertel gibt, wo es erhebliche soziale Probleme gibt und in denen vielleicht die Versorgung nicht so perfekt funktioniert. Aber auch soziale Randgruppen haben in der Stadt immer die Möglichkeit, sich zu verbessern. Auch wenn sie eine neue Wohnung suchen, gibt es Möglichkeiten, woanders hinzuziehen. Wenn man auf dem Land wohnt, ist die mehrheitliche Wohnform ein Einfamilienhaus. Wenn sich dann etwas verändert im Lebensplan, wenn man den Job verliert oder die Beziehung zerbricht, dann sitzt man da. Dann ist die ganze Scholle auf einmal viel zu groß oder viel zu teuer. Einen Plan B, den gibt es dort nicht, den aber hat die Stadt zu bieten, selbst in den weniger schönen Vierteln.

Alexanderplatz
Vielfalt und Abwechslung: Berliner Großstadtleben Quelle: reuters

ZDF: Haben Sie oder Ihre Kollegin schon auf dem Land gelebt? Und wenn ja, wo und wie lange?
Trippel: Wir kommen ja beide aus Kleinstädten, wir haben erfahren, was es heißt, dort groß zu werden und zu leben. Wir sind dann beide schnurstracks ab in die Großstadt. Ich hatte zwischendurch die Chance, in mittleren Großstädten wie Münster und Aix en Provence zu leben. Wo es für mich eigentlich auch schon zu klein und zu eng war. Und jetzt auch in Vorbereitung auf das Buch bin ich letztes Jahr vier Monate aufs Dorf gezogen und wollte das für mich mal ausprobieren, allerdings unter luxuriösen Bedingungen nämlich in Südfrankreich, wo auch im Winter noch die Sonne scheint und Leute auf der Straße sind. Und außerdem gab es dort noch eine Kneipe, eine Post, einen Lebensmittelladen und sogar einen Arzt. Das ist in vielen Dörfern absolut nicht mehr üblich. Und trotz alldem war ich nach vier Monaten wirklich froh, dass ich wieder zurück nach Berlin konnte. Was mich absolut genervt hat, war die wahnsinnige Abhängigkeit vom Auto. Also wenn man mal was besorgen musste, was es nicht in dem kleinen Krämerladen gab, musste man immer ins Auto steigen. Das ging mir auf die Nerven und das hat mich ziemlich ausgebremst.

ZDF: Wo würden Sie selbst am liebsten leben?
Trippel: Da wo ich bin, in Berlin. Ich wohne jetzt in Tempelhof und habe aber, während ich das Buch schrieb, in Kreuzberg gelebt. Ich bin quasi einen Kiez weitergezogen.

ZDF: Haben Sie eine Traumstadt?
Trippel: Also ich bin derzeit ein absoluter Fan von Berlin. Ich hätte manchmal gerne besseres Wetter hier. Ich war schon mal eine Weile in Marseille und in Nizza, aber solche Städte kommen von dem, was sie kulturell bieten und auch was die Offenheit der Gesellschaft angeht, einfach nicht an Berlin heran.

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