Von Banausen, Blaumachern und Glücksbringern

Wußten Sie, warum wir vom Blaumachen sprechen, wenn wir mal nicht zur Arbeit gehen? Oder warum uns die Felle davonschwimmen, wenn einem eine Situation über den Kopf wächst? Und warum manche Menschen angeblich schimpfen wie die Kesselflicker? Viele Redewendungen haben uralte Wurzeln im Handwerk. Meistens benutzen wir sie ohne nachzudenken. Doch dahinter stecken oft höchst interessante und amüsante Geschichten.

Häufig ist der Handwerker ein Retter in der Not. Dass wir ihn aber bei Auftragsarbeiten gerne auch kritisch beäugen, ist kein Geheimnis. Man weiß ja nie, ob er nicht zu viel abrechnet, langsamer arbeitet als er könnte oder schlechtes Material verwendet. Doch was wir dabei übersehen: Die meisten Handwerker sind besser als ihr Ruf.

Schon im alten Griechenland hatten die Menschen keine allzu hohe Meinung von ihren Handwerkern. So stammt unser heutiger Begriff des Banausen aus der Antike. Denn das altgriechische Wort banausos steht für unseren heutigen Begriff Pate. Ein Banausos war eine Person, die am Ofen arbeitete (banaus, altgriechisch für Ofen) und umfasste letztlich alle, die sich ihren Lebensunterhalt durch körperliche Arbeit verdienen mussten. In dieser antiken Gesellschaft waren nämlich nur die Tätigkeiten gesellschaftlich akzeptiert, die nicht von Erwerbsabsichten geprägt waren und fast ausschließlich auf geistigen Fähigkeiten beruhten. Wer nur körperlich arbeitete, der hatte, so die antike Ansicht, nicht den Kopf frei, um sich mit den höheren Fragen des Lebens, der Philosophie und Politik zu beschäftigen. Deshalb ist auch heute noch Banause eine abwertende Bezeichnung, mit der einem Menschen Mangel an Intellekt, Feingefühl oder Bildung vorgeworfen wird.

Augen auf bei der Berufswahl

Mann mit Sonnenbrille und Ohrring
Der ausgerissene Ohrring machte den Gesellen zum Schlitzohr. Quelle: mev

Schlitzohr ist wiederum eine redensartliche Bezeichnung eines listigen und durchtriebenen Menschen und steht wohl in Verbindung zur Walz, den Wanderjahren zukünftiger Gesellen. Demnach ist der Begriff wahrscheinlich Überbleibsel der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Praxis des Ohrschlitzens. Diese Strafe diente dem Zeck bei ausgestoßenen Mitgliedern einer Handwerkerzunft und Gesellen, welche sich auf der Wanderschaft Verfehlungen schuldig machten, sichtbar zu brandmarken. Hierzu wurde dem Schuldigen der Ohrring, der ihm vor der Walz gestochen wurde und als Zeichen seiner Zunftzugehörigkeit diente, ausgerissen. Somit war klar, dass man diesem Menschen, dem Schlitzohr, mit Skepsis zu begegnen hatte.

Bei der Wahl der eigenen Berufsgruppe lohnt es sich, sich auch mal ihren Ruf genauer anzusehen. Zum Beispiel den Kupferstecher. So wird die sprichwörtliche Anrede „Mein lieber Freund und Kupferstecher“ abwertend und misstrauisch benutzt, da dies damit zusammenhängt, dass Kupferstecher mit dem Aufkommen des Papiergeldes die nötigen Voraussetzungen mitbrachten, um als Geldfälscher tätig zu sein. Auch soll es hin und wieder vorgekommen sein, dass Kupferstecher Gemälde in Druckgrafik umgewandelt haben, ohne den Autor des Gemäldes in der Legende zu erwähnen. Jedoch war es üblich, sowohl den Namen des Malers als auch den Namen des Stechers zu nennen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn dem Beruf des Kupferstechers der Ruf anhaftet, sich mit fremden Federn zu schmücken.

Retter in der Not oder Verbündete des Teufels?

Eine andere Berufsgruppe mit besonderem Ruf sind die Schornsteinfeger. Diese sollen Glück bringen. Ein Volksglauben, der zunächst einmal ganz pragmatische Gründe hat. Denn im Mittelalter und auch heute noch könnte ein ungereinigter Kamin sich durch den angesammelten Ruß entzünden oder so verstopft  sein, dass die Bewohner des Hauses durch den Rauch ersticken. Somit sind Kaminkehrer bis heute wertvolle Retter in der Not. Sie reinigen aber nicht nur bereits vorhandene Schornsteine, sondern können auch Bauherren beraten und auf notwendige Abstände zu brennbaren Bauteilen hinweisen. Auch ein wichtiger Dienst durch den Brände verhindert werden können. Somit kann man, rein praktisch, erklären, warum Schornsteinfeger als Glücksfall für eine Stadt und deren Bewohner angesehen wurden und noch heute den Ruf eines Glücksbringers haben.

Schornsteinfeger
Sie bringen uns Glück: die Schornsteinfeger Quelle: ap

Zusätzlich gibt es aber auch noch eine mystische Komponente: Da die schwarze Bekleidung der Schornsteinfeger die Menschen im Mittelalter an den Teufel denken ließ und sie deshalb glaubten, dass der Schornsteinfeger mit diesem im Bunde wäre und dadurch andere Geister und Unglücksbringer bannen könne. Und auch heute noch glauben Menschen, dass der Ruß, den der Schornsteinfeger mitbringt, vor Gefahren und Krankheiten schützten kann und es besonders viel Glück bringen soll, wenn man einen seiner Knöpfe berührt.

In Verruf gekommene Gesellen

Die Kesselflicker wiederum, wurden sprichwörtlich für ihr Schimpfen berühmt. Denn sie hatten keine feste Werkstatt und arbeiteten somit unter freiem Himmel. Ihre Aufträge suchten sie sich, indem sie von Haus zu Haus gingen und nachfragten. So waren sie zwar nützlich, um Töpfe und Kessel zu reparieren, wurden ansonsten aber als Störenfriede oder als auskundschaftende Diebe angesehen. Das hatte zur Folge, dass sie oft mit verletzenden Worten verjagt wurden. Dagegen wehrten sie sich durch Beschimpfungen und benutzten dabei viele Fremdworte, welche Ungeheuerlichkeiten vermuten ließen. So wie sie konnten sich einheimische Handwerker nicht erlauben schimpfen, um nicht ihren Ruf zu verlieren. So entstand die Redewendung: „Du schimpfst wie ein Kesselflicker“.

Wer sich einmal mit dem Gedanken getragen hat „blauzumachen“ sollte daran denken, dass diese Redewendung mehr mit Arbeit zu tun hat als man denken mag. So soll diese Redewendung auf eine Praxis des Färberwesens, speziell der Indigo- oder Waidfärber, zurückgehen. Für die Herstellung des Indigoblau war es nötig die Blätter des Färberwaid in Kübeln mit (menschlichem) Urin gären zu lassen. Um genügend Urin zu erhalten, wurde der Tag dazu benutzt, sich reichlich zu betrinken. Später wurden die gefärbten Stoffe in einer letzten Phase des Färbevorgangs an der Luft getrocknet, wobei erst in dieser Phase durch eine chemische Reaktion mit der Luft die blaue Färbung entstand. Weil die Blaufärber in dieser Phase denkbar wenig arbeiten konnten und zu warten hatten, soll aus dem gesamten technischen Vorgang des Blaumachens ein allgemeinsprachlicher Ausdruck für „Nichtstun“ entstanden sein.

Wenn die Felle davonschwimmen!

Und abschließend noch eine letzte Redewendung aus der Welt der Gerber, genauer der Lohgerber. Um die Häute für das Gerben vorzubereiten und nach dem Gerben von den benutzten Mitteln zu reinigen, mussten diese für viele Stunden gespült werden. Traditionell lagen die Werkstätten an fließenden Gewässern und so konnte es einem achtlosen Gerber passieren, dass „ihm seine Felle davonschwammen“. Somit brachte sich dieser um seine Einnahmen und konnte sich im schlimmsten Fall selbst ruinieren.

Mit all diese Redewendungen und Begriffen hat sich die Welt des Handwerks mitten in unseren Sprachgebrauch eingeprägt und damit eines deutlich gemacht: Handwerker sind sicher keine Banausen, wie es die antiken Griechen zu sagen pflegten.

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