„Teil eines größeren Ganzen“

Weitergabe von Generation zu Generation

Gesellschaft | sonntags - „Teil eines größeren Ganzen“

Angelika und Wolfgang Quante haben vor 19 Jahren ihren einzigen Sohn verloren. Heute engagieren sie sich sozial und geben damit auf ihre Weise etwas an die nächste Generation weiter.

Beitragslänge:
3 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 03.01.2019, 16:26

Was wird von mir einmal bleiben? Welche Spuren werde ich hinterlassen? Fragen, die sich viele in den mittleren Jahren stellen. Im Interview erklärt Heiko Ernst, warum wir darauf Antworten brauchen und warum Weitergabe an die nächste Generation dem eigenen Leben einen Sinn geben kann.

sonntags: Woher kommt der Wunsch, etwas an die nächste Generation weiterzugeben?

Heiko Ernst: Der Psychoanalytiker Erik Erikson hat in seiner Theorie der Lebensstadien die „Generativität“ als die siebte von acht Stadien angesehen: Es geht darum, die Bereitschaft und die Fähigkeit zum Weitergeben an die nächsten Generationen, an die „Nachwelt“ zu entwickeln. Das ist die zentrale psychische Entwicklungsaufgabe im mittleren Erwachsenenalter. Da stellt man sich ohnehin Fragen wie: Was bleibt von mir? Welche Spuren werde ich in dieser Welt hinterlassen? Diese Fragen sind quasi existenziell und „altersgemäß“ in uns angelegt. Und es kommt nun darauf an, gute Antworten zu finden. Wenn wir keine Antworten finden, so Erikson, stagnieren wir seelisch: Wir klammern und an unser eigenes kleines Leben, egoistisch, genuss- oder machtorientiert, mitunter auch verzweifelt jung bleiben wollend. Der heutige Jugendlichkeitswahn geht auch darauf zurück, dass wir von uns selbst nicht absehen können, uns selbst zu wichtig nehmen.

sonntags: Oft sind es nicht materielle Güter, sondern Werte und Ideen, die an andere weitergegeben werden. Doch wie kann man mit einem Bruch solcher Traditionen umgehen? Etwa wenn innerhalb einer Familie ein Beruf oder ein Glaube von den Jüngeren nicht angenommen wird?

Ernst: In unserer Zeit scheinen Werte, Ideale, gute Traditionen (es gibt auch schlechte, die zu recht vergessen oder abgeschafft werden) nur noch eine sehr kurze Haltbarkeit zu haben. Aber das täuscht: Es gibt universelle Werte wie Gerechtigkeit, Freiheit, Mut, Nächstenliebe, Toleranz, Weisheit, Humor und andere. Die bleiben aktuell (man denke an Mandela!). Diese Werte vorzuleben, zu unterstützen, zu entwickeln ist die Aufgabe der Erwachsenen im mittleren Lebensalter. Natürlich gibt es zwischen den Generationen auch immer Brüche und Konflikte. Die Jüngeren wollen nicht nur belehrt und erzogen, sondern auch begeistert, gefördert und inspiriert werden. Das Phänomen der klugen und weisen Großmütter und -väter zeigt genau das: ihnen hören junge Menschen eher zu als den noch in ihre eigenen Projekte, Kämpfe und Interessen verstrickten Eltern.

Hände ineinander verschlungen
Weitergeben: Ein Weg zu innerem Frieden Quelle: ZDF

sonntags: Wie können sich Singles oder kinderlose Paare der Frage stellen, was gebe ich einmal weiter?

Ernst: Generativität ist nicht nur biologischer Art. Man kann sich in vielfältiger Weise für die kommenden Generationen engagieren, sich dafür einsetzen, dass ihnen eine lebenswerte Welt erhalten bleibt. Weitergeben ist nicht auf Familien oder Clans begrenzt. Konkret können kinderlose Paare sich als Paten oder Mentoren oder sich in „indirekten“ Aktivitäten engagieren – etwa in ökologischen, kulturellen oder politischen Projekten, die die Welt zu einem besseren Ort machen und den Nachfolgenden helfen.

sonntags: Denken Sie, dass das Thema Weitergabe häufig verdrängt oder als nicht wichtig angesehen wird? Was hat Sie persönlich an dieser Thematik fasziniert?

Ernst: Die Babyboomer-Generation (1945 - 1964) kommt jetzt in die Jahre, in denen das Weitergeben zum wichtigen Thema wird. Viele sind noch in der Forever-young-Phase gefangen und können sich mit dem Älterwerden schlecht arrangieren. Aber die eigene Endlichkeit zu verdrängen rächt sich auf die eine oder andere Weise. Umgekehrt zeigen viele Studien, dass Menschen, die sich ehrenamtlich oder generativ engagieren, sehr viel leichter tun mit dem Älterwerden. Sie bleiben gelassener, zufriedener, und sie erhalten im Gegenzug sehr viel Zuwendung von anderen. Da ich selbst auch ein Babyboomer bin, Jahrgang 1948, hat mich das Thema besonders interessiert – wie geht meine Generation mit ihren Kindern, mit der Generativität um? Deshalb habe ich das Buch „Weitergeben!“ geschrieben.

sonntags: Kann die Auseinandersetzung mit der Frage, welche Spuren werde ich einmal hinterlassen, zu meiner eigenen Selbstentfaltung beitragen oder meinem Leben einen Sinn geben?

Ernst: Ganz eindeutig: ja. Lebenssinn können wir in vielen Projekten oder Zielen finden. Aber im fortschreitenden Alter besteht er darin, das eigene Leben zu prüfen, nicht als Nabelschau, sondern um vielleicht letzte Korrekturen einzuleiten: Was kann ich noch bewirken? Wie soll man nach meinem Tod von mir sprechen? Den Frieden mit sich selbst und den wichtigen Anderen zu machen, das gelingt durch das Weitergeben am besten. Und, nicht zu vergessen: Es ist eine Form der Unsterblichkeit. Man macht sich zum Teil eines größeren Ganzen.

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