Warum die Jagd polarisiert

Zwischen Beutemachen und Bestände hegen

Gesellschaft | sonntags - Warum die Jagd polarisiert

Ist die Jagd ein Urtrieb des Menschen? Oder wird mit der Jagd eine Lust auf Kosten von Schwächeren befriedigt? Gegensätzliche Argumente von Florian Asche (Autor) und Rainer Hagencord (Theologe).

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 17.10.2019, 09:00

Die einen finden in ihr Glück und Zufriedenheit, die anderen sehen in ihr ein veraltetes barbarisches Treiben, für manche ist sie ein großer Beitrag zu Natur- und Landschaftspflege, für andere ein künstlicher und überflüssiger Eingriff in die Natur. Nur eines ist sicher: die Jagd polarisiert.

Die Jagd polarisiert vielleicht gerade, weil bei ihr die Grenze zwischen Gut und Böse nicht  klar gezogen ist: Der den Bestand durch Zufütterung über einen strammen Winter rettet, ist derselbe, der ihn im nächsten Herbst erheblich reduziert. Die Lust am Beutemachen ist laut Jagdgesetz das Recht des Jägers, wie die Hege der Bestände sowie ihrer Lebensräume und der Schutz der Landwirte vor Wildschäden seine Pflicht sind.

Mehr als Schießen: Die Pflichten der Jäger

Jäger mit Gewehr
Verantwortlich für die Pflege des Wildbestands: die Jäger Quelle: dpa

Das deutsche Jagdrecht, das von den jeweiligen Landesgesetzen unterstützt beziehungsweise eingeschränkt wird, räumt den Jägern das Recht ein „auf einem bestimmten Gebiet wildlebende Tiere, die dem Jagdrecht unterliegen, zu hegen, und auf sie die Jagd auszuüben.“ Der Jäger darf sich also in seinem Jagdgebiet der Wildtiere bedienen. Das Schießen als Hobby ist aber nur legitim, solange die damit verbundenen Pflichten eingehalten werden: Einerseits muss der Jäger dafür sorgen, dass „die Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes“ gesichert ist und dazu gehört auch die Pflege und Sicherung der jeweiligen Lebensräume. Andererseits muss er aber auch dafür sorgen, dass Wildbestände die Land- und Forstwirtschaft nicht beeinträchtigen. Für solche Schäden haftet nämlich die Jagdgenossenschaft.

Um sicherzustellen, dass hier kein Missbrauch getrieben wird, ist zur Jagd eine umfängliche Jagdprüfung erforderlich, „ die aus einem schriftlichen und einem mündlich-praktischen Teil und einer Schießprüfung bestehen soll“. Wer Jäger werden will, muss Kenntnisse in Biologie, Land- und Forstwirtschaft, Waffen, Umgang mit Jagdhunden und Weiterverarbeitung des Wildes in Hinsicht auf gesundheitliche Unbedenklichkeit und Hygiene erwerben und nachweisen. Dazu sind in den letzten 20 Jahren immer mehr Menschen bereit – in diesem Zeitraum ist die Zahl der Jagdscheininhaber um 13 Prozent gestiegen.

Wenn auf das Beutemachen verzichtet wird

Jagd: erlegte Rehe
Erlegte Rehe: Fleisch aus einem natürlichem Lebensraum Quelle: dpa

Während für Jäger Hege und Jagd, Pflege und Verzehr ganz natürlich zusammengehören, bleibt es für Nicht-Jäger paradox: Wieso nennt sich einer Naturfreund, wenn er in den Wald geht, um genau diese Natur zu erlegen und für Fleisch und Trophäen zu verwerten? Die Jäger geben zu, wenn sie zur Jagdsaison in den Wald gehen, dann wollen sie Beute machen. Auf jeden Fall - aber nicht um jeden Preis: Denn eben jenes Jagdgesetz, die Pflicht, den Bestand zu sichern, schränkt die Jagd auf bestimmte Orte, Zeiten und Tiere ein. Es gibt Stimmen in der Gesellschaft, denen das nicht reicht – man könnte doch ganz auf Fleisch verzichten und die Bestände selbst regulieren lassen.

Das Schweizer Kanton Genf ist hier Vorreiter. Dort wurde 1974 die Jagd gänzlich abgeschafft. Gänzlich, bis auf die Regulierung des Schwarzwildes. Denn wenn die Wildschweine im angrenzenden Frankreich nicht genügend bejagt werden, richten sie auch in Genf erheblichen und nicht tolerierbaren Schaden an. Die Komponente des Beutemachens jedenfalls ist diesem gezielten Abschuss, der mithilfe von Wärmebildkameras die Rotten ausmacht, genommen.

Selbst erlegt oder vegan? Die Philosophie im Fleisch

Aber ist es denn so verwerflich, Tiere zur erlegen und zu verwerten? Jäger jedenfalls verweisen darauf, dass es kein besseres Bio und kein ethisch korrekteres Fleisch gibt als Wild. Ein freies Leben im natürlichen Lebensraum geht der Erlegung voraus. Das Tier wird anschließend vollständig verwertet. Verglichen mit der industriellen Massentierhaltung, hat sich der Jäger nichts vorzuwerfen – er erlebt den gesamten Prozess von der Pflege, über die Auswahl bis hin zu Verarbeitung mit.

Tatsächlich kann dem nur entgegentreten, wer dem Fleischkonsum ausnahmslos abschwört. Es geht dabei um die Frage einer Neuordnung von Zugehörigkeiten – ab wann darf ein Lebewesen gegessen werden und wo beginnt das Recht auf Leben. Wer jagt und wer den Verzicht von Fleisch fordert, ist in dieser Betrachtung schon weit fortgeschritten – vielleicht wird es Zeit, dass wir Verbraucher auch in unserem Alltag einmal nachdenken und darüber Rechenschaft ablegen.

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