Wenn Sammeln zum Spleen wird

Ein Interview mit Albrecht Schnabel

Egal ob Briefmarken, alte Schallplatten oder anderen Krimskrams: 87 Prozent der Deutschen sammeln Dinge, von denen sie sich nicht mehr trennen können. Jeder dritte Deutsche besitzt laut Umfrage sogar noch Sammlungen aus seiner Kindheit. Doch warum sammeln wir Menschen nach wie vor, obwohl unsere Zeit als Jäger und Sammler schon längst hinter uns liegt? Dazu ein Interview mit dem Sozialpsychologen Albrecht Schnabel.

sonntags: Warum sammelt der Mensch?

Junge zeigt Sammelbilder
Sammelnbilder wecken die Sammelleidenschaft. Quelle: dpa

Albrecht Schnabel: Menschen haben fast alle, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß, das Bedürfnis sich zu "sichern", feste Werte zu schaffen, die möglichst viele ihrer Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte auch noch in der (nahen bis fernen) Zukunft befriedigen. Deshalb "sammeln" sie die verschiedensten Dinge; selbst Geld ist ja an sich etwas, das gesammelt wird, um sich später einmal bestimmte Sehnsüchte und Bedürfnisse möglichst optimal erfüllen zu können. Alle Menschen "sammeln" also. Ob sich ihr Sammeltrieb verstärkt auf Materielles oder eher auf Immaterielles bezieht oder beides, darin unterscheiden sich Menschen und Kulturen allerdings.

sonntags: Heute ist Sammeln oft gleichbedeutend mit Liebhaberei und Leidenschaft. Welche Funktion hatte das Sammeln in früheren Zeiten, als das reine Überleben noch mehr im Vordergrund stand?

Schnabel: Ja, früher wurde im Grunde noch mehr aus reiner Notwendigkeit gesammelt, um zu überleben. In unserer Überflussgesellschaft, in der fast alle Waren ständig verfügbar sind und (wenn alles gut geht) jeder eine einigermaßen großzügige oder zumindest ausreichend bemessene Rente am Ende des Lebens hat, ist es nicht mehr so nötig, Lebensmittel, Gegenstände oder Geld zu Hause zu "sammeln". In früheren Zeiten stand der Aspekt der unmittelbaren "Sicherung" des eigenen Lebens und das seiner Nächsten stärker im Vordergrund, heute können es sich viele Menschen leisten, aus reiner Freude, ohne Berechnung zu sammeln, auch mehr Immaterielles. Man kann spekulieren, ob hier eine Trendumkehr im Gange ist, da es gewisse Hinweise gibt, dass die "Überflussgesellschaft" angesichts schwindender fossiler Rohstoffe dem Ende zu geht.

sonntags: Manche Menschen sammeln fast alles. Ab welchem Punkt bekommt das Sammeln krankhafte Züge?

Schnabel: Ich persönlich würde sagen: Wenn die „Sicherung" mehr oder weniger eindeutig überhand nimmt, also zu stark zu Lasten des zweiten Aspekts, der Begegnung mit Mitmenschen, des Austauschs, der Offenheit, des Vertrauens, des Spielens, des voneinander Lernens, des andere groß werden lassens, also kurz der Beziehung zu den Mitmenschen geht. Dann setzt eine Gefahr ein: ein neurotische Lebensstil, der unglücklich machen kann.

sonntags: Wie kann sich jemand selbst helfen, der zum Messietum neigt?

Schnabel: Erkennt man bei sich erste Anzeichen dessen, was man als Messietum bezeichnet, also viel zu viel Sammeln, Dinge sammeln statt Begegnungen mit Menschen, sich nur noch an Materielles binden, weil dieses einen nie verletzen, nie verlassen, nie im Stich lassen, nie enttäuschen kann, dann sollte man sich durchaus Hilfe holen, zum Beispiel von Profis (das H-Team in München ist so eine Stelle), von guten Freunden oder Bekannten, die einen spiegeln können, von Beratern oder Beraterinnen, von Therapeuten (zum Beispiel auch im Rahmen einer Kurzzeittherapie von 25 Stunden). Sehr hilfreich ist die Frage: Binde ich mich an Gegenstände statt an Menschen aus Enttäuschung, aus Traurigkeit und Einsamkeit, wobei die "Lösung" hierbei aber durchaus zum Problem werden kann? Und stecken nicht hinter meinen (zahlreichen) "Sicherungsbemühungen" eigentlich noch andere - unerfüllte - Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte? - Auch Selbsthilfegruppen können hier helfen, da man dort das Problem meist gut kennt, auch die kleinen Lügen des Alltags, mit denen man sich selbst beschummelt, damit die eigene Angst vor Menschen, vor dem Gegenüber, nicht ganz so offenbar wird.

sonntags: Ist Sammeln eher ein individueller Spleen oder hat das Sammeln auch einen tieferen kulturellen und gesellschaftlichen Sinn?

Schnabel: Ich glaube, das Sammeln ist dem Menschen im Grunde angeboren, fast jeder kennt es, sich an schönen Gegenständen freuen, auch tauschen, beobachten, was der andere hat, etwas gerne haben wollen, dafür auch einiges tun uns so weiter - Natürlich kann das Sammeln, wie fast jede menschliche Eigenart, übertrieben werden, zum "Spleen" werden, der dann etwas gar zu viel Zeit und Energie kosten mag. Aber auch hier kommt es ja noch auf das Maß an: wenn man viel Zeit hat, beispielsweise im Ruhestand, und niemanden „stört“, ist mehr "möglich" und auch noch "normal", als wenn man eigentlich arbeiten sollte, in der Mitte des Lebens steht, Beziehung und vielleicht auch Familien haben könnte und das "Hobby" eben nicht mehr nur ein (liebenswerter) Spleen ist, sondern von gewissen Ängsten oder alleine schwer lösbaren Problemlagen ablenken soll und dies manchmal auch tut.

sonntags: Und wie ist es bei Ihnen, sammeln Sie auch? Wenn ja, was uns warum?

Schnabel: Ja, ich selbst sammele auch: zum Teil Kleidung, die mir gefällt, dann Bücher (sowohl Sachbücher wie Romane) und auch gute Artikel, die mich intellektuell stimulieren, bei denen ich auf gute Ideen komme, Neues kreativ erkennen kann, Bekanntes besser verstehe und ebenso DVDs, also Filme. Das sind vier Bereiche, wo ich schon einiges habe und auch durchaus selbst etwas aufpassen muss, damit es "im Rahmen" und in meinem Leben in der Balance bleibt. Sehr gut ist das Verschenken, mit etwas Kreativität lässt sich das gut organisieren, auch an Bedürftigere.

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