„Du bist, was du isst“

Was der Fleischkonsum über uns aussagt

Gesellschaft | sonntags - „Du bist, was du isst“

Was bei Jeannine Völkel und Alexander Funkner auf dem Teller landet, könnte unterschiedlicher nicht sein. Sie ernährt sich vegan, er ist Fleischliebhaber. Wir bitten beide gemeinsam an den Herd.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 11.07.2019, 13:26

Sommerzeit ist Grillsaison. Und Grillen boomt. Jeder Bundesbürger verzehrt im Schnitt jährlich rund 60kg Fleisch. In Ländern wie den USA sind es sogar 120kg. Ein hoher Konsum, der erst durch die moderne und hocheffiziente Fleischproduktion in der Massentierhaltung ermöglicht wird.

Steak auf dem Grill
Wer kann da widerstehen? Ein Steak vom Grill Quelle: colourbox

Beinahe kann man es riechen, das weite argentinische Grasland mit seinen saftigen Wiesen, beinahe fühlen Gabel und Steakmesser das Lebensgefühl der Pampa, die Freiheit und wilde Natürlichkeit seiner Bewohner. Kopfkino-Bilder wie diese sind das Ziel findiger Werbeagenturen für internationale Fleischproduzenten. Ihre Werbekampagnen sind eine Reaktion auf die Tatsache, dass Fleischkonsum heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist.

Während in vergangenen Jahrhunderten die hohen Fleischpreise viele Menschen von dauerhaftem Fleischkonsum ausschlossen, ist es heute, in Zeiten niedriger Preise, eine oft selbst und bewusst gewählte Art von Konsumverzicht: der Vegetarismus. Schätzungsweise knapp sieben Millionen Deutsche verzichten generell auf Fleisch und bezeichnen sich selbst als Vegetarier.

Fleisch als Lifestyleprodukt

Die Reaktion der Fleischproduzenten und Verarbeiter geht darauf ein: Fleisch ist mehr als ein Produkt, mehr als eine gesunde Kombination aus Eiweiß, Eisen und Zink. Fleisch ist ein Genussmittel, der Ausdruck eines jugendlichen, meist männlichen, wilden Lebensstils. „Du bist, was du isst“ ist hier das Motto und eine Aktualisierung der archaischen Vorstellung, mit der Muskelmasse des gejagten Wildes gehe auch seine Lebenskraft in den Jäger über. So wirbt die Fleischer-Innung Berlin mit dem Slogan „Fleisch ist pure Lebenskraft“.

lady gaga, wearing an outfit made of meat, poses in the photo room after winning eight awards at the 2010 mtv video music awards in los angeles, california september 12, 2010.   reuters/mario anzuoni (united states- tags: entertainment) (mtv/backstage)
Schick: Lady Gaga trägt ein Fleischkleid

Ein deutlicher Ausdruck dafür sind Bücher wie das 2004 erschienene „Fleisch ist mein Gemüse“ und die Fülle derzeitiger Grill-Bibeln und Grill-Enzyklopädien. Welche Faszination steckt nun hinter dieser Lifestylisierung des Essens? Zum einen könnten es Abgrenzungs- und Rollenfindungsprozesse sein, wenn 13 Prozent weiblichen Vegetariern nur 3 Prozent männlicher Vegetarier gegenüber stehen. Ein echter Mann weiß, wie man einen Grill bedient und wie man eine energiereiche Ernährung ermöglicht. Und eine echte Frau?

Unruhen durch religiösen Verzicht

Dass auch religiöse Gründe hinter bewusstem Fleischkonsum und Vegetarismus stehen können, zeigt das Beispiel Indien. Während der weit überwiegende Teil der Hindu-Bevölkerung auf Fleisch verzichtet, essen indische Muslime und Christen gern Fleisch. Dieser kulturell unterschiedliche Umgang mit dem Thema führt nicht selten zu ethnisch und religiös begründeten Unruhen.

In Deutschland begegnet uns diese kulturell geprägte Sache vor allem in der Frage, welches Fleisch in Schulkantinen und Kindergärten angeboten werden können, wenn muslimische, christliche, hinduistische und jüdische Kinder gemeinsam essen sollen. Wenn gemeinsame Menüs gewünscht werden, bieten die öffentlichen Einrichtungen meist fleischlose Kost oder nur Geflügel/Rindfleisch an.

Die Realität der Fleischerzeugung

Nun wird von der Fleischesserfraktion wiederholt ins Spiel gebracht, dass der Mensch ein Fleischfresser sei und sich nicht zu stark von seinen natürlichen Lebensbedingungen entfernen solle, während auf der anderen Seite argumentiert wird, dass dies zwar stimme, der Mensch aber noch mehr als denkendes, vernunftbegabtes Lebewesen dazu angehalten sei, seinen Lebensstil an die Erfordernisse des Umweltschutzes und der Lebenserhaltung aller Lebewesen anzupassen.

Die Realität der Fleischerzeugung sei nun einmal nicht die wilde Freiheit und Natürlichkeit des Lebens, sondern zumeist Massentierhaltung unter Medikamentenzufuhr, Niedriglöhne in der Fleischverarbeitungsindustrie und eine gewollte Überproduktion, die in ihrem Export aus Europa/Amerika in Entwicklungsländer dortige Produzenten aus dem Markt dränge.

Fazit

Leben geschieht immer auf Kosten anderen Lebens. Egal, ob in natürlicher oder industrieller Produktion, Bebauung und Nutzung der Schöpfung und ihrer Geschöpfe ist immer ein Geben und Nehmen. Welche Opfer wir Menschen der Natur abverlangen, um uns selbst zu erhalten, ist die entscheidende Frage, nicht nur bei der Ernährung. Energieerzeugung, Ausbau von Wohnraum und Eindämmung des Klimawandels sind weitere drängende Themen.

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