Wiege der Sportvereine

"Turnvater" Jahn und die Freiheitskämpfer

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F-Jugend auf dem Bolzplatz. Bislang begleiten Eltern, Trainer und Schiedsrichter das Spiel der 7-Jährigen mit lauthalsen Geschrei. Doch mit den neuen Fair-Play-Regeln soll sich das ändern.

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5 min
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Video verfügbar bis 14.02.2019, 15:04

Rund 27 Millionen Menschen sind hierzulande in 91.000 Sportvereinen aktiv. Die Ursprünge dieser Sportkultur sind eng verbunden mit den Freiheitskämpfen gegen die napoleonische Besetzung. Wolfgang Barthel vom TSV Friedland, Deutschlands ältestem Sportverein, kennt die Hintergründe.

1810: Napoleon steht kurz vor dem Höhepunkt seiner Macht. Die französischen Truppen besetzen fast das gesamte Gebiet des heutigen Deutschland. Kurioserweise liegt in dieser Zeit die Wiege aller deutschen Sportvereine. Einer, der sich damit auskennt, ist Dr. Wolfgang Barthel, Historiker und Ehrenvorsitzender des ältesten Sportvereins Deutschlands, des TSV Friedland 1814 in Mecklenburg.

Wolfgang Barthels
Historiker Wolfgang Barthels pflegt die Tradition des TSV Friedland.

„Napoleon hatte im Prinzip ganz Europa besetzt. Unsere Stadt Friedland hat ungeheure Leiden in dieser Zeit erfahren müssen. Hier waren wesentlich mehr französische Truppen stationiert als wir Einwohner hatten, also hatte eine Familie 10, 15 oder sogar 20 Franzosen im Quartier und musste sie versorgen. Daraus entstand natürlich der Gedanke, ‚wir müssen uns befreien‘.“

Turnen mit Schanzen und Gräben

Genau vor diesem Hintergrund entwickelte der später als „Turnvater“ bezeichnete Friedrich Ludwig Jahn 1810 gymnastische Übungen und gemeinschaftliche Spiele. Als Hilfslehrer in Berlin arbeitend zog er mit einigen seiner Schüler an unterrichtsfreien Nachmittagen auf ein freies Feld und zeigte ihnen Möglichkeiten zur sportlichen Betätigung.

1811 richtete er auf der sogenannten Hasenheide in Berlin den ersten Turnplatz ein, welcher durch Trainingsgeräte, Schanzen, Gräben und einer Rennbahn schnell zum Anziehungspunkt für Jungen und junge Männer wurde, die sich körperlich ertüchtigen wollten. Barthel erläutert: „Ende des 18. Jahrhunderts kam die Idee des allseitig gebildeten Menschen auf. Als dann Napoleon Deutschland besetzt hatte, wurde deutlich, dass wir gut ausgebildete junge Menschen für die Befreiungskriege brauchen.“

Schwebebalken für die neue Kriegstaktik

Jahn verfolgte also einerseits, ganzheitlich Körper und Geist miteinander zu verbinden, andererseits wollte er die jungen Männer auf physische Anstrengungen, die der Befreiungskampf bedeuten würde, vorbereiten. Vor diesem Hintergrund entwickelte Jahn die verschiedenen Turngeräte, die wir heute noch kennen.

Friedrich Ludwig Jahn
Grundervater der deutschen Sportvereine: Friedrich Ludwig Jahn

Die Herkunft des Schwebebalkens beispielsweise erklärt Historiker Barthel: „Man musste für die neue Art zu Kämpfen vorbereitet sein und da musste man auch mal mit Hilfe eines Baumstammes über einen kleinen Fluss übersetzen. Zuvor war die Lineartaktik gefragt, das heißt, es wurde in drei Reihen hintereinander losmarschiert. Jetzt kam aus Frankreich von der Revolution die freie Taktik. Ausnutzung des Geländes, Hindernisse schnell überwinden. Und dazu brauchte man junge Leute, die durch Sport gestählt waren, die mutig waren, die gut klettern konnten. Das war der neue Gedanke und dafür war Sport nötig.“

Fußball kam erst 100 Jahre später hinzu

1814 brachte dann der Friedländer Lehrer Carl Leuschner der dortigen Jugend die Übungen seines Freundes Jahn bei und gründete auch in Friedland einen Turnplatz, den zweitältesten Deutschlands. Von dort aus verbreitete sich die Turnbewegung in ganz Norddeutschland. Von überall her kamen Menschen nach Friedland und informierten sich über die neue Idee des „Breitensports“.

Wolfgang Barthel erläutert, dass das Turnen damals mehr umfasste, als das, was wir heute darunter verstehen: „Das vaterländische Turnen war die Gesamtheit der heutigen Sportarten. Es gab das Grundturnen, die Leichtathletik, im Sommer wurde geschwommen, im Winter Schlittschuh gelaufen, es gab die Schwerathletik, Ballspiele verschiedener Art wurden gemacht. Fußball kommt aber erst fast 100 Jahre später.“

Als das Turnen verboten wurde

Frauen im Trunverein
Noch heute aktiv: Turnen der Damen beim TSV Friedland Quelle: ZDF

1819 wurde Friedrich Ludwig Jahn verhaftet und in Preußen und anderen deutschen Staaten wurde das Turnen verboten, „weil die Turner wie die Studenten fortschrittliche Ideen vertraten. An der Spitze stand die Frage der Einheit Deutschlands mit einer Verfassung. Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz haben sich nicht beteiligt, sie haben das Turnen laufen lassen und deshalb können wir sagen, dass hier ununterbrochen 200 Jahre öffentliches Turnen betrieben wurde. Auch in Berlin wurde es für viele Jahre verboten“, erklärt Barthel. Die Sportler verstanden ihren Sport als patriotische Kraftanstrengung und vertraten die Idee eines Nationalstaates, kämpften aber in der regulären Armee. „Es war kein Terror, so wie wir das heute in einigen Ländern kennen.“

Wolfgang Barthel und der TSV Friedland 1814 sind stolz auf ihre lange Geschichte und feiern im Mai diesen Jahres ein großes Fest zu ihrem 200. Jubiläum. Sie pflegen ihre Tradition: „Die Traditionen sollen die Kinder einerseits zum Achten der Leistung ihrer Vorfahren führen und andererseits Ansporn geben, es diesen Leuten nachzumachen. Traditionspflege ist nicht das Anbeten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“.

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