Worüber lachten die Deutschen?

Entwicklung des Humors im Laufe der Jahrzehnte

Gesellschaft | sonntags - Worüber lachten die Deutschen?

Humorforscher Rainer Stollmann von der Uni Bremen sagt, wie wir Menschen Humor erlernen und über welche Themen Kinder lachen – und über welche nicht.

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2 min
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Video verfügbar bis 10.02.2018, 09:57

Was darf Satire? 1919 hat Kurt Tucholsky diese Frage mit „Alles“ beantwortet. Das Zitat ist legendär – aber tatsächlich gab es meist Grenzen. Selbstverständlich vor allem in den beiden deutschen Diktaturen; Nazis wie DDR-Regierende fürchteten die subversive Kraft des Witzes. Die Werke Tucholskys wurden 1933 von den Nazis verbrannt. Aber auch bis heute gibt es Moden und Grenzen dessen, was als lustig empfunden wird.

Die Humor-Vorlieben im Nachkriegsdeutschland zeigen den Willen zur Harmlosigkeit. Der Komiker Heinz Erhardt beispielsweise war der nette, etwas schusselige und auch pummelige Mann, der brave Familienvater mit den alltäglichen Problemen im Wirtschaftswunder-Deutschland. Er brachte das Land mit Wortspielen und Gedichten zum Lachen. Vielleicht ist sein Humor nur zehn bis fünfzehn Jahre nach Krieg und Holocaust auch deshalb so angesagt, weil sich die Deutschen durch ihn vergewissern: Eigentlich sind wir lieb und freundlich.

Zwischen Parodie und Politik

In der jungen Bundesrepublik achten „die Akteure Konventionen, respektieren sittliche wie religiöse Gefühle und vermeiden Tabubrüche. Erst seit den Studentenprotesten, die eine allgemeine Politisierung der Gesellschaft bewirken, nehmen Streitfälle zu“, schreibt das Bonner „Haus der Geschichte“ anlässlich einer Ausstellung zum Nachkriegshumor im Jahr 2011. Die Lacher der 70er und 80er Jahre haben Otto Waalkes und Loriot auf ihrer Seite.

Loriot beobachtet den kleinbürgerlichen Spießer, den er dann in vielen seiner Szenen parodiert. Zum Beispiel, wenn er als Versicherungsvertreter beim Versuch, ein schief hängendes Bild gerade zu rücken, ein Zimmer komplett verwüstet. Aber er hat auch etwas Oppositionelles, der Humor wird politischer: Opa Hoppenstedt sprengt an Weihnachten mit dem eben verschenkten Spielzeug-Atomkraftwerk ein Loch in den Boden. Natürlich hat es nebenbei immer Klamauk und Nonsens-Humor gegeben, für den die Manta- und Blondinenwitze stehen. Bis in die 80er Jahre gab es Komiker und Kabarettisten, ab den 90ern begann der Comedy-Boom. Das „Haus der Geschichte“ begreift diesen Boom als einen „tiefgreifenden Wandel, der die Deutschen gemeinsam betrifft.

Vom Kabarett zum Comedy-Boom

In den 90er Jahren führt das Privatfernsehen seinen Siegeszug fort und erreicht mit Comedy-Sendungen viele junge Zuschauer. Heute scheint das Unterhaltungsbedürfnis in der Medienwelt unbegrenzt und die Tendenz zur Enttabuisierung unumkehrbar.“ Ein Comedian wie Mario Barth füllt Hallen und Stadien mit Tausenden Zuschauern Dank seines Humors, der sich vor allem durch das Überspitzen von Geschlechter- und Rollenklischees speist. Die 2000er-Jahre haben somit das Etikett der „Spaßgesellschaft“ angeheftet bekommen.

Aber während Comedy Mainstream geworden ist, hat sich in der Nische eher das politische Kabarett erneuert und modernisiert. ZDF-Sendungen wie die „heute-show“ oder „Neues aus der Anstalt“ sind erfolgreiche Belege dafür, dass es bis heute Witze gibt, deren Lustigkeit sich nur demjenigen erschließt, der vorher die Nachrichten verfolgt hat.

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