Zivilcourage ist lernbar

Ein Interview mit dem Sozialpsychologen Dieter Frey

Gesellschaft | sonntags - Zivilcourage ist lernbar

Mira Pouresmeilli vom Verein "Zivilcourage für ALLE" in München und der Sozialpsychologe Dieter Frey setzen sich dafür ein, dass jede/r Zivilcourage lernen kann.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 18.07.2019, 15:00

Eine Gruppe Jugendlicher oder ein Betrunkener pöbeln in der U-Bahn rum und werden gegenüber einzelnen Fahrgästen ausfällig. Jeder von uns kann unvermittelt in eine solche Situation geraten. Wir wollen einschreiten, trauen uns aber nicht. Oft weil wir nicht wissen wie. Was wir tun können, ohne uns selbst in Gefahr zu bringen, soll ein Zivilcouragetraining vermitteln, das unter der Leitung von Dieter Frey an der Münchner Ludwig-Maximillians-Universität entwickelt wurde. Im Interview erklärt Frey, warum Zivilcourage in vielen kleinen Alltagssituationen beginnt und warum es ein Wert ist, der uns alle verbindet.

Dieter Frey
Dieter Frey

ZDF: In welchen Momenten brauchen wir Zivilcourage?
Dieter Frey: Zivilcourage ist überall erforderlich, wo Unrecht oder Unfairness geschieht, wo Menschenwürde verletzt wird und Menschen gequält, gegängelt, klein gemacht – oder sogar geschlagen werden. Und da gilt es eben, hinzuschauen und wachsam durch die Welt zu gehen.

Angst sich zu blamieren

ZDF: Warum schauen so viele Menschen in solchen Situationen lieber weg?
Frey: Die internationale Forschung zeigt, dass es eigentlich vier Gründe gibt. Grund Nummer eins: Verantwortungsdiffusion, warum soll gerade ich das machen, es sind so viele Leute da. Und umso mehr Leute da sind, umso weniger fühlt sich der Einzelne zuständig. Der zweite Punkt pluralistische Ignoranz: Darunter versteht man das Phänomen, dass Leute sehen, da passiert etwas, aber niemand schreitet ein, und daher denken sie, es kann nicht so schlimm sein, denn sonst würde ja jemand eingreifen. Der dritte Punkt ist, Angst sich zu blamieren und nachher blöd dazustehen. Und der vierte Grund ist, Angst sich in eine gefährliche Situation zu begeben. Meistens ist es eine Mischform von allem.

Viele kleine Helden

ZDF: Ist Zivilcourage doch eher eine Sache für mutige Helden?
Frey: In manchen Fällen braucht man den mutigen Helden, in der Mehrheit der Fälle allerdings braucht man viele kleine Helden mit kleinen Taten. Wenn viel mehr Menschen hinschauen und Hilfe aktivieren würden, dann bräuchte man die großen Heldentaten gar nicht. Es sind sehr oft die vielen kleinen positiven Schritte, die mehr Menschenwürde und mehr Fairness herstellen.

ZDF: Welche Voraussetzung bringt ein Mensch mit, der Zivilcourage zeigt?
Frey: Unsere Forschung zeigt, das sind Menschen, die ein hohes Selbstvertrauen haben und die gleichzeitig denken, wenn nicht ich, wer dann, ich fühle mich zuständig und muss was unternehmen.

Helfen notfalls gegen die Mehrheit

Notruf-Knöpfe
Im Notfall richtig reagieren Quelle: ZDF

ZDF: Worin unterscheidet sich Zivilcourage von einer Hilfeleistung?
Frey: Bei einer Hilfeleistung krieg ich positives Feed-Back von der ganzen Umgebung. Ich helfe einem Nachbarn oder einem Kranken, unterstütze mit Geld und alle sagen „prima“. Bei der Zivilcourage ist das anders: Da gibt es einen Täter, der Unrecht tut, und es gibt ein Opfer und viele Menschen, die wegschauen. In einem solchen Fall ist es notwendig, dass ich aktiv werde, indem ich das Opfer schütze, den Täter möglicherweise neutralisiere und es der Polizei melde. Und das ist auch gefährlich. Oft bin ich in einer Minderheitsposition und bekomme nicht unbedingt Beifall für meinen Einsatz. Die Kunst ist nun, den Mut aufzubringen, da einzuschreiten.
ZDF: Wie kann man eine solche Bereitschaft stärken?
Frey: Indem man Menschen vermittelt, jeder ist dazu fähig und jeder sollte es auch machen. Dazu muss man Wissen transportieren und dieses auch in Rollenspielen veranschaulichen, beispielsweise wie geht man mit ausländerfeindlichen Äußerungen oder Mobbing am Arbeitsplatz um.

Zivilcourage kann jeder lernen

ZDF: Ist Zivilcourage also lernbar?
Frey: Aufgrund unserer Forschung eindeutig. Man braucht ein Grundwissen, was man tun könnte, was man tun sollte und was man auf keinen Fall tun sollte. Zum zweiten, wenn man dieses Wissen hat, muss man dieses üben, um Handlungskompetenzen zu erwerben. Solche Automatismen kann jeder lernen. Natürlich werden es eher Menschen lernen, die gleichzeitig ein Verantwortungsgefühl haben. Aber das hochinteressante ist, wenn man Wissen und Handlungskompetenzen vermittelt, erhöht sich auch das Verantwortungsgefühl, bei Verletzung der Menschenwürde tatsächlich einzuschreiten

ZDF: Sie haben ein Zivilcourage-Training entwickelt. Verhalten sich die Teilnehmer hinterher tatsächlich anders?

"Ich bin mutiger geworden"

Frey: Wir haben auch Messungen sechs Wochen nach unseren Trainings gemacht und haben Berichte von Teilnehmern, die sagen, ich bin mutiger geworden, hab mich zuständiger gefühlt, mehr Wissen gehabt und konnte andere aktivieren. Aufgrund der positiven Ergebnisberichte sind wir der Meinung, dass diese Trainings eine hohe Effektivität haben.

ZDF: Wie kann man noch mehr Menschen dazu bringen, Zivilcourage zu zeigen?
Frey: Ich glaube nicht, dass Appelle viel bringen. Wir brauchen Vorbilder in der Umgebung und eine Ausbildung in Zivilcourage, die flächendeckend in den Schulen und in den Betrieben angeboten wird.
ZDF: Warum sind wir auf Zivilcourage im Alltag angewiesen?
Frey: Ob vor Gericht, in Betrieben oder in der Familie: Es ist wichtig, dass engagierte Bürger ein wachsames Auge haben, wo Menschenwürde verletzt wird und die dann einschreiten. Eine Demokratie ist auf Dauer nicht aufrecht zu halten, wenn wir nicht einen gewissen Prozentsatz solcher Menschen haben.

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