Zwischen Hoffnung und Trauma

Flucht und Vertreibung nach 1945

Gesellschaft | sonntags - Zwischen Hoffnung und Trauma

Marlene Gömpel war drei Jahre alt, als sie 1946 mit ihrer Familie flüchten musste. Außer Bettzeug und der Kleidung auf der Haut, erinnert sie sich, durfte die Familie nichts mitnehmen.

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 21.02.2019, 15:13

Nach Deutschland kommen jedes Jahr Tausende von Flüchtlingen in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Flucht ist aber auch ein Teil der Geschichte von vielen deutschen Familien. 14 Millionen Flüchtlinge suchten nach dem Zweiten Weltkrieg einen neue Heimat, geflüchtet oder vertrieben aus den ehemaligen Ostgebieten. Im Interview beschreibt Hilke Lorenz, Autorin des Bestseller „Kriegskinder“, was dieses Schicksal für die betroffenen Familien bedeutete und wie es sie bis heute prägt.

sonntags: Sie haben mehrere Bücher über die Flucht und Vertreibung nach 1945 verfasst. Was waren die tiefgreifendsten Erlebnisse der Flüchtlinge jener Zeit?

Hilke Lorenz: Alle, die es geschafft haben – zwei Millionen Menschen sind im Rahmen von Flucht und Vertreibung vor oder nach 1945 umgekommen –, sprechen in ihren Überlebensgeschichten vom letzten Zug oder Schiff, den oder das sie gerade noch bekommen haben. So viele letzte Transportmittel kann es aber nicht gegeben haben. Vielmehr bezeugt diese Erinnerung, wie groß die Todesangst war, welche die Menschen empfunden haben. Und es sagt, dass es am Ort der Flucht aus ihrer Sicht kein Weiterleben mehr geben konnte. Todesangst gehört zu den prägenden Lebenserfahrungen der Fluchtgeneration. Dazu kommt der Verlust der Heimat. Manche hatten nur 48 Stunden Zeit, um einzupacken, was ihnen wichtig war. Familien wurden auseinander gerissen, Kinder haben auf der Flucht ihre Eltern verloren – und manchmal nie mehr wieder gefunden. Kinder sind in den Armen ihrer Mütter gestorben, die deren Leichnam dann zurücklassen mussten, weil keine Zeit war, sie zu beerdigen.

sonntags: Wie haben sich diese Erlebnisse bei den Betroffenen ausgewirkt?

Lorenz: Das kann man nicht so pauschal beantworten. Manche haben sich nicht brechen lassen und haben ihr Leben gemeistert. In der Generation der Kriegsflüchtlinge ist es normal, auch ohne Abitur oder Studium eine angesehene Position eingenommen zu haben. Und so sind sie Banker geworden oder haben Firmenimperien aufgebaut. All das war möglich, weil viele instinktiv begriffen haben, dass Bildung das einzige ist, was man ihnen nicht nehmen kann. Darauf haben sie sich besonnen. Nur darüber war der gesellschaftliche Aufstieg möglich. Da ähneln sie den Flüchtlingen von heute. Aber es gibt auch Menschen, die haben es nicht geschafft. Ich habe eine Frau kennengelernt, die als Kind Vergewaltigungen miterlebt hat und noch heute manche Menschenansammlung nicht aushält. Sie lebt alleine. Beziehungen zu Männern ist sie keine eingegangen. Wenn die Spannung überhand nimmt, geht sie nachts in den Wald, um ganz laut zu schreien. Das hilft ihr, ist für ihre Umwelt jedoch sehr irritierend.

Fotos von Vertriebenen
Die Vertreibung nach 1945: Ein Trauma vieler Familien - bis heute. Quelle: DF

sonntags: Wie haben die Familien dieses Schicksal verarbeitet?

Lorenz: Verarbeiten ist ein großes Wort. Viele haben sich schlicht arrangiert. Es ging ja im Wirtschaftswunderland auch aufwärts. Das hat vieles kompensiert. Bedrückend ist nur, dass die Erlebnisse im Alter, wenn die Aktivitäten und damit auch die psychischen Abwehrkräfte weniger werden, zurückkommen. Die Leiterin eines Altenheimes sagte mir neulich: Bei uns ist jeden Tag Krieg. Die langsam einsetzende interdisziplinäre Forschung bestätigt das. Und leider sind nicht alle, die in Krankenhäusern, Pflegeheimen oder Hospizen tätig sind, sensibel für die Thematik. Oder warum sonst sagt ein junger Physiotherapeut zu einem Schlagsanfallspatienten der Kriegsgeneration: Langsam, Sie sind hier doch nicht auf der Flucht? Warum kann er sich nicht vergegenwärtigen, dass Mobilität im Leben dieses Mannes einmal überlebenswichtig gewesen ist? Da fehlt im Pflegealltag immer noch ein Stück professionelle Empathie.

sonntags: Hat das damals erlebte Trauma noch Auswirkungen auf die heutige Generation der Enkel?

Lorenz: Ja. Obwohl man nicht alle Kümmernisse des Lebens auf diese biografische Prägung der Familie zurückführen kann. Dennoch ist es ein Teil der eigenen Geschichte. Man kann damit leben, in der Familie keinen Dachboden zu haben, auf dem man in der eigenen Familiengeschichte stöbern kann. Aber es macht einem bewusst, dass man eine andere Sozialisation hat als die Alteingesessenen. Ein Freund, dessen Eltern beide aus Schlesien kommen und später auch noch aus der DDR in den Westen geflohen sind, hat mir neulich von seinem Gefühl erzählt, nirgends richtig Wurzel geschlagen zu haben. Immer wieder sind seine Eltern mit ihm umgezogen, als sie sich in der Bundesrepublik ihren Platz erkämpft haben. Er empfindet das als Gefühl der Heimatlosigkeit. Er kommt damit zurecht. Aber in Gesprächen mit Menschen, die seit Generationen hier leben, wird es ihm bewusst. Eine Frau meiner Generation, deren Großmutter in Ostpreußen eine anerkannte Hühnerzüchterin war, zieht daraus eine große Kraft und besinnt sich gerne auf die starken Frauen in ihrer Familie. Es kommt wohl darauf an, welche Perspektive man einnehmen kann und welche Kräfte das in den Betroffenen weckt.

sonntags: Was unterscheidet die Nachkriegsflüchtlinge von denen, die heute nach Deutschland kommen?

Lorenz: Zuerst einmal unterscheiden sie sich in nichts. Sie haben ihre Heimat zurücklassen müssen, wissen nicht, ob sie jemals wieder zurückkehren können. Denn erst einmal ist jede Flucht mit der Hoffnung verbunden, dass sich die Zustände im Heimatland zum Besseren verändern und so ein Weiterleben an den vertrauten Orten möglich ist. Was die Kriegsflüchtlinge und Nachkriegsvertriebene von den heutigen Flüchtlingen unterscheidet, ist wohl die Tatsache, dass sie sowohl vor Kriegsende als auch in der Nachkriegszeit in ein Land kamen, das sich neu erfinden musste. Nicht nur die Infrastruktur des Landes musste neu aufgebaut werden. Auch die Menschen mussten sich neu orientieren. Für alle – Flüchtlinge wie Einheimische – konnte es nur aufwärts gehen, wenn auch mit unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen. Aber beide Gruppen bildeten eine Art Schicksalsgemeinschaft. Für die heutigen Flüchtlinge und die Menschen, auf die sie im Exil treffen, gilt das nicht. Deshalb ist es wohl für viele emotional schwieriger aufeinander zu zugehen, auch wenn der Verstand sagt, dass die Flüchtlinge von heute unter den gleichen Fluchtparametern leiden wie die Menschen am Kriegsende.

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