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Reisetagebuch: Sherif besucht das Lager Moria

Der logo!-Reporter war auf der griechischen Insel Lesbos und hat dort mit Geflüchteten gesprochen. Hier erfahrt ihr mehr über seine Erlebnisse.

Datum:

Noch zu Hause - Koffer packen

Noch drei Tage, dann geht meine Reise los. Als Reporter fliege ich nach Griechenland, genauer gesagt werde ich die Insel Lesbos besuchen. Dort leben viele Geflüchtete und zwar im Flüchtlingslager Moria. Ich möchte mir anschauen, wie die Lage dort ist und darüber berichten, wie ihr Alltag dort ist und wie es ihnen geht.

Eine lange To-Do-Liste

Doch bevor es losgeht, gibt es noch einiges vorzubereiten. Meine Liste mit den Dingen, die ich vor meiner Abreise unbedingt noch erledigen muss, ist lang.

Ich muss mit dem Kamerateam, mit dem ich auf Lesbos drehen werde, telefonieren und die letzten Sachen abklären. In der logo!-Redaktion muss ich nochmal genauer über meine Recherche und den Inhalt der logo!-Beiträge sprechen. Dann habe ich noch einen Stapel mit Artikeln zum Thema gesammelt, um gut vorbereitet zu sein. Die wollte ich auch noch lesen... und vor allem: Ich muss meinen Koffer PACKEN!

Aber ich habe es geschafft. Einen Tag vor meiner Abreise ist der Koffer zu, die (meisten) Artikel sind gelesen und alles Wichtige ist besprochen - ansonsten habe ich ja auch noch mein Handy dabei. Es ist also alles vorbereitet. Die Reise kann losgehen!

Tag 1: Endlich da!

Heute stand (endlich) die Anreise nach Griechenland an - und die begann für mich ziemlich früh. Um 07:30 Uhr musste ich schon aus dem Haus. Mit dem Zug ging es dann zum Frankfurter Flughafen.

Mein Ziel: Athen, die Hauptstadt von Griechenland. Dort habe ich am Flughafen das Team getroffen, mit dem ich in den nächsten Tagen zusammenarbeiten werde. Das Team sind: Kameramann Theodor, Tonmann Kostas und Produzent Christos.

Zusammen sind wird dann mit dem nächsten Flugzeug auf die Insel Lesbos geflogen. Gelandet sind wir dort in der Hafenstadt Mitilini. Zum Schluss mussten wir noch ein Stück mit dem Auto fahren. Denn morgen wollen wir im Norden der Insel für den ersten logo!-Beitrag drehen.

Als wir im Hotel angekommen sind, gib es direkt Abendessen. Das Besondere: Hier bestellt nicht jeder seinen eigenen Teller, sondern man bestellt mehrere verschiedene Sachen und jeder nimmt sich ein bisschen davon auf seinen eigenen Teller. Wir haben also geteilt. Und zwar Pommes, Brokkoli, Fasolia (griechische Bohnen) und Fisch.

Beim Essen konnten wir uns alle in Ruhe unterhalten. Denn sich kennenlernen, bevor man als Team zusammenarbeitet, ist sehr wichtig. Das finde ich cool und verrückt am Reporter-Job: Meistens bin ich mit fremden Menschen unterwegs und habe nur wenige Stunden Zeit, sie kennenzulernen und mich hoffentlich gut mit ihnen zu verstehen.

Bei uns hat das schonmal gut funktioniert. Das Team ist sehr nett!

So viel zu heute, bald gibt es dann mehr!

Tag 2: Unruhige Nacht

Die erste Nacht auf Lesbos war für das ganze Team sehr unruhig. Wir waren nämlich die ganze Nacht auf Abruf.

Wir hatten mit einer NGO eine Vereinbarung. Eine NGO, ist eine Organisation, die nichts mit einer Regierung zu tun hat und die sich zum Beispiel für Menschen, Umwelt oder Tiere einsetzt. Auf Lesbos kümmert sich die NGO, mit der wir gesprochen haben, um neu ankommende Flüchtlinge. Mit ihr hatten wir abgemacht: Die NGO sollte uns anrufen, sobald ein Boot mit Geflüchteten ankommt. Vor allem hier im Norden der Insel kommen viele Boote aus der Türkei an. Der Abstand zwischen der Türkei und Griechenland ist hier nur etwa 11 Kilometer. Und direkt dabei zu sein und zu sehen, wie so eine Rettung abläuft, wäre sicher interessant gewesen. 

Das Ding ist nur: Die NGO hatte uns gesagt, dass die meisten Boote mitten in der Nacht ankommen. Das Ergebnis: Jeder von uns hatte die ganze Zeit Angst, sein Handy nicht zu hören. Oder in meinem Fall: Ich habe geträumt, dass ich mein Handy nicht höre. Aber die Nacht verlief ruhig. Es ist kein Boot angekommen und wir mussten nicht aus den Betten.

Sherif mit einem Seenotretter
Sherif trifft Seenotretter Dean und spricht mit ihm über seine Arbeit.
Quelle: zdf

Interview mit einem Seenotretter

Um 07:00 war dann Drehbeginn. Zuerst haben wir mit Dean vom Rettungsteam gedreht. Er ist seit drei Wochen auf Lesbos als Seenotretter. Im Interview haben wir über seine Erfahrungen gesprochen: Warum macht er das überhaupt? Was hat er bisher erlebt? Und was hat er durch sein Engagement hier gelernt?

Das ist der Schwimmwesten-Friedhof

Dann sind wir weiter zu unserem nächsten Drehort gefahren: dem Lifevest Graveyard. Die NGO hatte mir erzählt, dass alle Schwimmwesten und Schlauchboote nach der Ankunft der Flüchtlinge auf einem Haufen landen. Mittlerweile ist es kein Haufen mehr, sondern mehrere Hügel, genannt: Schwimmwesten-Friedhof.

Sherif auf dem Schwimmwesten-Friedhof

An diesem Ort merke ich auf einmal wie krass das alles ist: so viele Schwimmwesten an einem Ort. Mich schockiert das Material, aus dem die Westen gemacht sind: billiges Styropor. Man sieht den Westen an, dass sie niemals jemanden vor dem Ertrinken hätten retten können. Und hinter jeder Schwimmweste steckt ein Mensch, ein Leben und eine Geschichte. 

Als wir mit drehen fertig waren, ging es erstmal in Richtung Hotel. Dort haben wir unsere Koffer geholt und sind dann wieder in Richtung Zentrum gefahren. Denn morgen gehts zum Flüchtlingscamp Moria.

Tag 3: Im Flüchtlingslager Moria

Nach meinem ersten Besuch im Flüchtlingslager Moria bin ich ziemlich nachdenklich. In diesem Lager sollten eigentlich nur 3.000 Menschen leben war. Mittlerweile leben dort etwa 17.000 Menschen. Das macht sich auch bemerkbar. Container, in denen die Geflüchteten eigentlich schlafen sollten, sind hier Mangelware. Die allermeisten schlafen in Zelten. Doch eigentlich kann man das, was ich gesehen habe gar nicht Lager nennen. Es ist eher ein Dschungel, wo jeder ums Überleben kämpft - und das in Europa im Jahr 2019.

In diesem Dschungel treffe ich Mohammed und seine Familie. Sie sind vor 10 Tagen aus Syrien auf Lesbos angekommen. Sie alle sitzen um ein kleines Feuer. Es ist kalt und nass. Den ganzen Vormittag hat es hier geregnet. Wir kommen ins Gespräch. Ich will wissen, was ihn am meisten hier stresst. Seine Antwort: die Kälte. Das wundert mich nicht, immerhin ist mir auch sehr kalt, obwohl ich gut angezogen bin. Und als er mir zeigt, wo er (zusammen mit 15 anderen Personen!) schläft, ergibt alles nochmal mehr Sinn. Denn da gibt es keinen Strom, keine Heizung und von allen Seiten regnet es rein. Eine warme Dusche oder eine warme Mahlzeit? Das gibt es in Moria auch nicht - zumindest nicht jeden Tag.

Viele Menschen, viele Geschichten

Schnell werde ich auch von vielen anderen angesprochen. Sie wollen mit mir sprechen, mir Ihre Geschichte erzählen. Mohammeds Vater sagt mir: Könnte er die Zeit zurück drehen, wären er und seine Familie nicht nach Europa gekommen. Doch ein Zurück gibt es für sie auch nicht. Sie haben alles, was sie besessen haben, verkauft, um hierher zu kommen. Es gibt also nichts, zu dem sie zurückkehren können. Und so hängen sie hier auf der griechischen Insel Lesbos fest. Ob und wann es für sie weiter geht in Richtung Festland, wissen sie nicht.

Was mich am meisten mitgenommen hat, ist wohl ihr Lachen. Denn trotz ihrer wirklich schlechten Lage, ihrer Ängste und Probleme, haben sie es nicht verlernt zu lachen.

Tag 4: Ein zweiter Blick

Heute sind wir nochmal in das Flüchtlingslager Moria gefahren. Ohne Regen und mit Sonnenschein konnte ich mir zum ersten Mal ein klares Bild von der Lage machen. Und mir wurde schnell bewusst: Das was ich gestern gesehen habe, war nur die Oberfläche des Ganzen. Mir ist zum ersten Mal aufgefallen, dass alle Zelte Nummern haben - so wie eine Hausnummer. Und zwischen den vielen Zelten haben sich mittlerweile auch richtige Gassen gebildet.

In dem Lager gibt es sogar eine Schule, wo Kinder Englisch lernen können. Gegründet wurde sie von einem afghanischen Flüchtling. Er wollte seine Kinder auf die Schule im Ort schicken, doch es gab keinen Platz für sie. Also nahm er die Sache selbst in die Hand. Und jetzt werden dort im Stundentakt Kinder und Jugendliche unterrichtet - und zwar von anderen Flüchtlingen.

Die Kinder dort zu sehen, hat mir Hoffnung gegeben. Für eine Stunde am Tag kehrt in ihrem Leben Ruhe und Normalität ein. Sie können den Dschungel da draußen vergessen und "Kind" sein, mit allem was dazu gehört - zum Beispiel auch die ganze Zeit schnipsen, wenn die Lehrerin einen nicht dran nimmt.

Schwierige Situation auch für Einheimische

Auch für die Einheimischen ist die Situation nicht einfach. So wie für Vasilis. Wir treffen den 83-Jährigen zufällig in einem Café. Er erzählt uns, dass er einen Olivenhain besitzt, der neben dem Moria-Lager liegt. Als das Lager immer voller wurde, haben die ersten Flüchtlinge angefangen ihre Zelte bei ihm auf dem Feld aufzustellen. Das wollte ich mir ansehen, also ist er mit uns dorthin gefahren. Dort wo er früher Oliven geerntet hat, stehen jetzt Dutzende von Zelten. Und man sieht die Reste von einigen Olivenbäumen, die von Flüchtlingen gefällt wurden, um Feuer zu machen. Etwas Geld hat er vom Staat dafür bekommen. Doch kein Geld der Welt könne den Wert dieses Familieneigentums für ihn ersetzen, sagt er.

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