Abgründe des Bösen

Der belgische Malerstar Luc Tuymans

Ein rastloser Malerstar ist Luc Tuymans und ein Liebling der Medien. Seine Gemälde sind in den großen Sammlungen dieser Welt und erzielen Höchstpreise. Ein Malerstar, unnahbar, auf dem Gipfel des Ruhms, unantastbar im Museumstempel - so könnte man Tuymans sehen. Doch das ist nicht die Wirklichkeit.

Er ist Mitglied einer seltenen Spezies. Ein Großkünstler, der Journalistenhorden durch seine eigene Ausstellung führt. Der unablässig seine Bilder "erklärt". Ein besessener Promoter seiner Malerei. Tuymans liefert Anekdoten und Hintergründe, die man aus den Bildern selbst nicht erfährt. So zum Beispiel, dass seine Condoleeza Rice von einem amerikanischen Museumsmann schon mit Andy Warhols Marylin verglichen wurde.

Der Maler redet, nicht die Bilder

Das mögen Journalisten: einen Maler, der erzählt. Da wird seine Kunst dann schon mal als Bildterror bezeichnet oder behauptet, er sehe den Betrachter als Täter. Luc Tuymans muss reden, denn seine Bilder tun es nicht. Und Grauen verbreiten sie auch nicht. Doch viele spielen auf grausame Dinge an, die einen geschichtlichen Hintergrund haben - "K.Z." zum Beispiel der schlichte Titel eines Bildes. Dafür ist er berühmt geworden.


Tuymans malt oft nach Fotovorlagen. So kommt Reinhard Heydrich, der Mastermind des Holocaust fast harmlos daher. Albert Speer beim Skifahren - Tuymans nimmt ihm in seinem Bild das Gesicht ... Ein starkes Gemälde, auch wenn man nichts über den Hintergrund wüsste. "Ich bin ein Kind der Fernsehgeneration, und ich bin immer schon hochgekommen mit einem Manko an Erfahrung und einem Überdruss an Bildern", sagt Tymans über sich. "Insofern versuche ich, aus diesen Bildern ein Gemälde zu gestalten. Das macht es interessant." Wirklich grausam werden seine Gemälde nur durch die Bilder, die wir in unseren Köpfen haben. "Our New Quaters" beispielsweise ist gemalt nach der Postkarte eines KZ-Häftlings.

Traue den Bildern nicht

Auch sein Kommentar zur brutalen Kolonialgeschichte des Kongo ist in der Brüssler Schau zu sehen. Belgien entließ das Land erst 1960 in die Unabhängigkeit. Bis dahin starben acht Millionen Kongolesen. Tymans malt dazu den belgischen König Bauduin bei seiner Ankunft im Kongo 1960. Wenig später wird der erste demokratisch gewählte Präsident Patrice Lumumba unter belgischer Beteiligung ermordet. Tuymans sorgte mit den Gemälden des Königs und des Präsidenten 2001 auf der Biennale von Venedig für einen Eklat. Aus Protest blieb der belgische König zuhause. "Es ist wichtig, dass es hier in Brüssel gezeigt wird, weil das Brüssler Establishment Lumumba eigentlich getötet hat", so Tymans. "In dem Sinne hat es eine große Bedeutung. Aber es ist keine moralisierende Geschichte."

Tuymans will nicht als politischer Künstler gesehen werden. Und doch engagiert er sich persönlich, zum Beispiel gegen Neonazis in Belgien. In seiner Kunst gibt es aktuelle politische Motive wie den Gouverneursball in Texas. Ein Bild, das er selbst als Reaktion auf den 11. September bezeichnet. Dennoch sagt er: "Ich denke, dass niemand ein politischer Künstler sein kann. Eine künstlerische Arbeit von vorne herein politisch aufzuladen - das wäre ja Propaganda." Tuymans ist ein Maler mit der Message: 'Traue den Bildern nicht.' Aber traue meiner Malerei, so könnte man ergänzen ...

Ständige Unruhe

Was treibt ihn an? "Diese Unruhe ist ständig anwesend", sagt er. "Deswegen ist es auch ziemlich schwierig für mich, wenn Erfolg kommt, diesen Erfolg zu genießen. Denn wenn der Erfolg da ist, dann sollte etwas anderes kommen." In Brüssel kann man sich nun davon überzeugen, ob Tuymans zu Recht Erfolg hat - und die Bilder auch ohne seine Kommentare stark genug sind.

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