"Achtes Weltwunder"?

Berlusconi und der Brückenbau von Messina

Die Sonneninsel Sizilien ist eine Art Brückenkopf zwischen Afrika und Europa. Sizilien per Brücke mit dem italienischen Festland zu verbinden, dieser Traum wurde schon in der Antike geträumt. Immer wieder hat man vermessen, gerechnet, projektiert - und es wieder aufgegeben. Nun, im Jahre 2011, will man Ernst machen. Die Arbeiten haben begonnen.

In der Messina-Straße soll die längste, schwerste, breiteste und teuerste Hängebrücke der Welt entstehen. In letzter Sekunde hat man Daniel Liebeskind, den Architekten am New Yorker "Ground Zero", mit ins Boot geholt. Und der schwärmt bereits von einem Ort des "Glücks, der Verständigung und der Emanzipation". Doch die Zahl der Kritiker an diesem pharaonischen Bauwerk wächst. Es hat viele, vielleicht zu viele Schönheitsfehler.

In zwei Minuten nach Sizilien

Odysseus entwischt hier der Menschen fressenden See-Bestie Skylla aus Homers "Odyssee". Die Meerenge zwischen dem italienischen Festland und der "Insel wo die Zitronen blüh'n" kann zur Hölle werden, toben hier orkanartige Windböen von 130 Stundenkilometern. Seit Jahrhunderten verschlingt dieser Orkus Schiffe jeder Größe. Hunderte liegen auf seinem Grund. Es ranken sich die Mythen. Bislang sorgt ein träger Fährbetrieb für die Überquerung dieses Höllenschlunds. Doch damit ist jetzt Schluss. Die Brücke soll Sizilien mit dem italienischen Festland verbinden - dabei ist schon von zwei Minuten Fahrzeit die Rede: zwei Minuten von Sizilien zum Festland und umgekehrt.

Für italienische Intellektuelle eine Utopie, aber ein ferne, dubiose Utopie. Der Schriftsteller Andrea Camilleri: "Wenn wir uns eine glückliche Welt vorstellen, in der es allen gut geht, in der es keinen Mangel an Geld gibt, da müsste es dann auch eine solche Brücke geben." Der Soziologe Domenico Marino: "Der Traum von der Brücke ist ein uralter Traum, den die Sizilianer und Kalabresen seit Jahrhunderten träumen. Schon 200 vor Christus sehnten sich die Römer danach, diese Meerenge zu überwinden." Und das ist die Utopie in Zahlen: die längste Hängebrücke der Welt, 3360 Meter lang, von 370 Meter hohen Pylonen gestützt, höher als der Eiffelturm und teilweise überdacht, 340 Tausend Tonnen schwer, 70 Meter breit. Kosten: mindestens sechs Milliarden Euro.

Schönheitsfehler und Widerstand

Die Arbeiten an diesem pharaonischen Bauwerk haben bereits begonnen. Millionen wurden schon investiert, andere sagen: verbrannt. Denn das geplante Faszinosum der Baukunst stößt wegen allzu vieler Schönheitsfehler auf Widerstand. Die Sechs-Milliarden-Brücke erweist sich als ein Prestigeprojekt, das zwei Verkehrs-Wüsten miteinander verbindet. Die Autobahnen in Kalabrien sind ewige Baustellen, Betonruinen, Korruptionsdenkmäler. Die Infrastruktur Siziliens ist auf Vorkriegsniveau, die Bahnverbindungen sind unbrauchbar.

Der Soziologe Domenico Marino: "Kaum jemand weiß, dass ein Zug auf Sizilien für 200 Kilometer, also für eine Strecke von Trapani nach Catania, ganze zehn Stunden braucht. Dass nur zwanzig Prozent der Sizilianer 24 Stunden lang über Leitungswasser verfügen, und wir reden hier nicht über trinkbares Leitungswasser." Doch Italiens Regierung will partout mitmischen im Wettkampf der Brückenrekorde. Giganten wie San Franciscos Golden Gate oder die dänisch-schwedische Öresundbrücke sollen geschlagen werden.

Ein Denkmal für Berlusconi

Schon Mussolini wollte in gewohnter Großmannssucht mit der Messina-Brücke das Unmögliche möglich machen, doch ihm kam der Krieg dazwischen. Nun scheint diese Brückenkathedrale einem anderen Autokraten wie auf den Leib geschnitten. Einem, der für Tabubrüche, Größenwahn und Milliardentransfers ein Händchen hat. Der Schriftsteller Andrea Camilleri: "Diktatoren, Pseudodiktatoren und Möchtegern-Diktatoren haben immer solche großartige Ideen. Diese Brücke gehört ohne Zweifel dazu. So etwas hat bislang niemand gewagt. Mit einer solchen Länge über dem Meer schwebend. Berlusconi geht es natürlich darum, sich mit dieser Brücke ein Denkmal zu setzen."

Allerdings ist das Milliardenprojekt in der pittoresken Wasserstraße nicht nur ein Objekt der politischen Eitelkeit. Es ist auch ein gigantisches Sicherheitsrisiko. Die Messina-Straße liegt mitten in einem hochriskanten Erdbebengebiet. Vor hundert Jahren wurden hier ganze Dörfer vernichtet, 120.000 Menschen kamen um. Keiner weiß, ob solch ein Brückenstahlkoloss den Erdstößen standhält, ja ob er angesichts der winterlichen Sturmböen überhaupt nutzbar ist.

Ein weiteres Schlupfloch für die Mafia?

Sehr wahrscheinlich aber ist dieses Bauvorhaben ein riesiges Euro-Erfrischungspaket für die Mafia, die schon in den Startlöchern steht. Der Politiker und Ex-Bürgermeister von Palermo, Leoluca Orlando: "90 Prozent der Bauunternehmen auf Sizilien und Kalabrien gehören oder unterstehen der Mafia. Also droht diese Brücke, eine Brücke zwischen der Cosa Nostra und der 'Ndrangheta' zu werden. Und eben nicht eine Brücke zwischen Sizilien und dem Rest Europas."

Die Sehnsucht lautet: Mauern einreißen und Brücken bauen. Einmal Odysseus spielen und alle Hindernisse wegfegen. Im hochverschuldeten Italien glauben allerdings nur wenige an das Gelingen dieses Mammutprojekts: es sei unbezahlbar, größenwahnsinnig, politisch unsinnig. Doch geträumt werden darf weiter von diesem sogenannten achten Weltwunder.

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