Ästhetische Extreme im Namen der Schönheit

Explosiv - Modefotograf Nick Knight sprengt Konventionen

Nick Knight ist ein Modefotograf zwischen Eleganz und Ekstase. Seine Shootings sind Choreographien. Er sprengt die Konventionen der klassischen Modefotografie, viele seiner Bilder sind dabei selbst zu Klassikern geworden.

Angefangen hat er in der Londoner Skinhead-Szene. Er war als Teenager mittendrin - und fotografierte. Damals waren Skinheads gewalttätig, doch nicht unbedingt Neo-Nazis oder Hooligans. Es ging auch darum, sich vom Style der Upper-Class und des Bürgertums abzugrenzen.

Ästhetische Grenzen überwinden

"Als Teenager denkt man nicht so viel über alles nach", sagt Knight im aspekte-Interview. "Man folgt seinen Leidenschaften. Ich war damals in meinem familiären Umfeld nicht glücklich, und ich wollte dagegenhalten. Ich wollte Grenzen überschreiten." Die Grenzen, die er heute sprengt sind ästhetische, wenn er bewegte Bilder - jenseits der Catwalks - in die Modewelt bringt. Mode nicht als hübsche Hülle, sondern als Ausdrucksform, will er zeigen. Seit zehn Jahren stellt er diese Filme ins Internet für jeden zugänglich.

Modefotograf Nick Knight im Interview

"Ich denke, Mode ist ein essenzieller Teil der Gesellschaft und nicht etwas Frivoles oder Überflüssiges", so Knight. "Wir alle kleiden uns und manche von uns kleiden sich in einer besonderen Art. So können sie sich sehr subtil ausdrücken. Wir stehen alle morgens auf und überlegen uns, was wir anziehen. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Teil von uns. Und so können wir uns in unserer Gesellschaft ausdrücken und darstellen." Er war der erste, der Amee Mullins als Model fotografierte. Die beinamputierte Paralympics-Sportlerin hatte der verstorbene Modedesigner Alexander McQueen für die Modewelt entdeckt. 1998 war das ein Skandal.

Keine banalen Schocks

"Ich glaube, wir haben sehr enge Parameter, wenn es um akzeptable Schönheit geht", sagt Knight. "Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, wo diese Schönheitsvorgaben herkommen. Vielleicht von Leuten, die nur kommerziell denken und nicht künstlerisch. Ich denke nicht, dass wir als Gesellschaft so etwas brauchen. Ich glaube, wir suchen wirklich nach Schönheit. Und Schönheit kann so viele verschiedene Formen annehmen." Nick Knight inszeniert Bilder von körperlich behinderten Menschen im Modeumfeld nicht als banalen Schock, sondern als ästhetisches Extrem. Er fotografierte übergewichtige Frauen - sein Kommentar zur Magersucht. Heute kann auch eine üppige Pop-Diva wie Beth Ditto zum Leitbild für Attraktivität werden.

Amee Mullins als Model Quelle: Nick Knight, showstudio

Auch eines der letzten Tabus - der chirurgische Eingriff in den Körper als Extrem der Mode - ist für Knight nicht undenkbar: "Ich habe nichts gegen Menschen, die ihr Äußeres mit Operationen verändern möchten. Das ist Teil eines kreativen Ausdrucks. Mein Problem ist, dass alle Leute sich den gleichen Look verpassen lassen. Es ist in der Hand der falschen Leute. Wenn sie ihr Gesicht neu gestaltet haben möchten, sollten sie zu Gareth Pugh gehen oder zu einem anderen Stardesigner. Und nicht zu irgendeinem Doktor." Der Mann, der beinahe selbst Mediziner geworden wäre, ist weit weg von den vulgären Abziehbildern mancher seiner Kollegen.

Schnittstellen mit der Kunst

Auch die heißgelaufene Diskussion um Magermodels sieht er aus einem anderen Blickwinkel. "Mode hat eine merkwürdige Art, sich selbst zu trivialisieren und zu skandalisieren", so Knight. "Die Extreme, die da oft angesprochen werden, gibt es doch in anderen Künsten auch. Im Ballett gibt es eine Menge Tänzerinnen, die an Magersucht oder Bulimie leiden. Im Filmbusiness gibt es jede Menge Drogenprobleme. Ich glaube nicht, dass Mode trivialer ist als Film oder Malerei."

Nick Knights Modeinszenierungen haben, wie bei allen Meistern des Metiers, Schnittstellen mit der Kunst. Die Art, wie er Mode inszeniert, ist ein Experiment mit den Bildformen unserer Zeit im Namen der Schönheit.

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