Selbstbestimmt im Tod

"Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrndorf

"Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem“, schreibt Wolfgang Herrndorf im März 2010. Diagnose Hirntumor, bösartig, unheilbar.

Wikipedia gibt 17,1 Monate ab Diagnose. Gegen die ablaufende Zeit und gegen den Tod setzt Herrndorf: Arbeit und Struktur. Er schreibt seinen Jugendroman "Tschick“ fertig. Das Buch wird ein Riesenerfolg, ein Millionenseller, erhält den Jugendliteraturpreis. Ein Jahr später folgt der Agententhriller "Sand“, für den er den Preis der Leipziger Buchmesse erhält.

Selbstbestimmt - auch das Ende

Kurz nach seiner Diagnose beginnt Herrndorf ein digitales Tagebuch. Zunächst für seine Freunde, dann für alle. In seinem Blog, das jetzt als Buch erschienen ist, berichtet Herrndorf über sein Leben mit der Krankheit, seine Operationen, sein Glück und Unglück sowie über seinen entschiedenen Plan, dem Tumor nicht das letzte Wort zu lassen.

So schreibt Herrndorf im April 2010: "Was ich brauche, ist eine Exitstrategie. Ob ich die Disziplin habe, es am Ende auch zu tun, ist noch eine ganz andere Frage. Aber es geht, wie gesagt, um Psychohygiene. Ich muß wissen, dass ich Herr im eigenen Haus bin. Weiter nichts. Die mittlerweile gelöste Exitstrategie hat eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe."

Dass sich selbst die Berichte über Chemo und Operationen erträglich lesen, liegt an der Leichtigkeit von Herrndorfs Sprache. Nie drängt er sich auf, nie macht er den Leser zum Voyeur. Im Gegenteil, man wünscht sich diesen Autor als Freund, beneidet seine Clique. Je weniger Zeit ihm bleibt, desto mehr leuchtet der Augenblick.

Sein letzter Triumph

Im August 2011 weicht er Tagebücher, Notizen, Briefe in seiner Badewanne auf. Gleichzeitig schreibt er wie ein Besessener. Herrndorf, der "Wortschrott“ verachtet, feilt, streicht, verdichtet, steigert seine Sätze ins Einfache, Klare.  Im September 2011 schreibt er: "Ich weiß wie, ich weiß, wo, nur das Wann ist unklar. Aber dass ich zwei der Kategorien kontrolliere und die Natur nur eine - ein letzter Triumph des Geistes über das Gemüse."

Einen Monat vor seinem Freitod dieser Eintrag: "Ich bin nicht der Mann, der ich einmal war. Meine Freunde reden mit einem Zombie, es kränkt mich, ich bin traurig, ich will weg. Ich will niemanden mehr sehen." Am 26. August 2013 hat sich Herrndorf mit 48 Jahren am Ufer des Hohenzollernkanals erschossen. aspekte stellt sein großartiges Werk "Arbeit und Struktur“ vor.

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