Archivar des alten Libyens

Awad Abeida ist der berühmteste Maler Libyens

Alltag, südlich von Benghazi: Ein Mann liegt am Boden, verwundet. "Wer bist du?", will der Soldat Gaddafis von dem Rebellen wissen. "Ahmad" sagt der, und dann noch "Allah ist groß". Diese Szene läuft auf einem Mobiltelefon. Das Grauen verbreitet sich schnell im Libyen dieser Tage - auch die Kunde von den Opfern.

Das Schicksal des Verwundeten: ungewiss. Der Jugendliche Awad jr., hat den Film soeben gesehen: "Zuerst erkannte ich den Mann auf diesem Handyvideo nicht, doch meine Mutter sagte mir dann, dies sei mein Cousin Ahmed." Und so erfährt wenig später auch der Großvater des jungen Awad jr. vom Schicksal Ahmads - er ist der größte Maler Libyens. Awad Abeida, 88 Jahre alt.

"Ich male das Alte"

Umgeben von Kunst in seiner Galerie in Benghazi wirkt diese wie ein Schutzschild gegen Ohnmacht und Verzweiflung draußen vor der Tür. Schon als Jugendlicher begann Abeida mit der Malerei. Seine Motive: das "normale Leben" in Libyen, Marktszenen, Handwerker, auch eine jüdische Beschneidung - als es noch Juden gab in Libyen.

Seine Berufung blieb immer gleich. "Ich bin vom Realismus geprägt. Nur so kann ich Geschichte und Lebensart meines Landes für die Zukunft bewahren", sagt Abeida. "Ich male das Alte, erzähle von Ereignissen, die längst Geschichte sind. Was heutzutage passiert, kann ja fotografiert und gefilmt werden. Bei meinen vielen Reisen hat mich fasziniert, wie zum Beispiel die Europäer ihre Kulturgüter aufbewahren. Das versuche ich auch für mein Land zu tun." Abeida - im gesamten Nordafrika ist er eine Berühmtheit. Jahrelang lebte und arbeitete er in Italien, der Schweiz und England, kehrte aber stets nach Libyen zurück.

Abeida genießt Schutz trotz Kritik

Stolz zeigt er auf ein Foto an der Wand - darauf steht er neben König Hassan II von Marokko. Vereinnahmen ließ er sich von diesem aber nicht. So lehnte er es ab, für gutes Geld als Hassans Hofmaler nach Rabat zu gehen. In Abeidas Galerie gingen jahrelang westliche Diplomaten und Prominente ein und aus. Vor Gaddafis Schergen schützten ihn seine Berühmtheit und die Abstammung aus einer wohlhabenden, angesehenen Familie. Auch Gadaffi wartet bis heute auf einen echten "A.A." Für den Diktator griff Abeida niemals zu Farbe und Pinsel: "Es kann doch nicht sein, dass ein Land allein von den Launen eines Einzelnen abhängt, ohne Parteien oder Opposition. Und es kann doch nicht sein, dass ein Land auf Basis von 'Eingebung' und Hexerei agiert. Jemand, der Wahrsager und dunkle Mächte anstelle von Experten in sein System einbindet, kann doch für ein Land nicht gut sein."

In den Straßen Benghazis feiern sie Gadaffis Ende. Ihre Trophäen: 'magische Gürtel', die der Diktator an seine Generäle verteilt - gegen die Kugeln des Feindes. Darin sind Koran-Verse und Voodo-Objekte wie tote Skorpione oder Pflanzen. Nun zerstreuen sie diesen bösen Zauber in alle Winde. Es ist das Ende einer dunklen Zeit. Nur ein paar Straßen weiter steht die Ruine der ehmaligen Geheimdienstzentrale. Es ist ein Ort des Horrors und menschlicher Abgründe. Jetzt ist die Ruine eine Pilgerstätte der Befreier.

Tradition der Beduinen bewahren

Benghazi ist seit vielen Jahren kulturelles Zentrum Libyens. Die Welt der Gemälde von Awad Abeida ist heute so gut wie ausgelöscht. Denn für Gaddafi begann die Geschichtsschreibung mit: Gaddafi. Alles Alte sollte weg im Rahmen der "Revolution" nach seinem "Grünen Buch". Vielfalt war ihm suspekt. Für die Augen des Malers Abeida sind die 20 Minuten Fahrt von seiner Galerie nach Hause in die sogenannte "Altstadt" jedes Mal auf's Neue schmerzvoll. Nach der Zerstörung kamen die Betonklötze.

Nun wollen die Leute von Benghazi Awad Abeidas Haus renovieren, ein Museum soll daraus entstehen. Sie wollen verlorene Wurzeln wiederfinden, das bewahren, was noch übrig ist, die Tradition der Beduinen, die eigene Geschichte zugänglich machen.

"Hoffnung hängt jetzt an der Jugend"

Die Revolutionen in Arabien gehen von der Jugend aus, viele unter ihnen sind Künstler. Hinter dem Haus betreibt die Familie des Malers eine karitative Essensausgabe. Viele Intellektuelle und junge Kreative treffen sich hier täglich, helfen mit. Awad Abeida weiß - jetzt kommt es auf die Jungen an, sonst droht seiner Heimat ein Schrecken ohne Ende: "Unsere ganze Hoffnung hängt jetzt an der Jugend. Sie muss die Ereignisse in der Arabischen Welt und auch im Rest der Welt genau beobachten und versuchen, mit diesen Erkenntnissen einen modernen Staat zu gründen, der die Menschenwürde schätzt und der endlich ALLEN die Möglichkeit gibt, daran teilzuhaben."

Unterdessen irgendwo außerhalb Banghazis: Wieder sind Handybilder von Ahmad aufgetaucht. Umgeben von Gadaffis Soldaten liegt er auf der Ladefläche eines Pick-Ups. Ob er noch lebt, weiß niemand. Es gibt viele Ahmads in Libyen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet