Sie sind hier:

aspekte on tour - am 27. März 2020

Staat am Limit - lernen aus der Corona-Krise?

Kranke Pflege? Corona als Weckruf für den Staat; Kulturschaffende in Not - Von Eigeninitiative bis Staatshilfe; Publizist Jakob Augstein im Gespräch: Geben wir zu viele Freiheiten auf?

Beitragslänge:
42 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.03.2021

Kranke Pflege?

Corona als Weckruf für den Staat

Nach einer Forsa-Studie hielten schon im vergangenen Jahr 61 Prozent der Bürger den deutschen Staat für überfordert: "Es ist nicht nur ein einziger Bereich, (…) sondern es herrscht ein generelles Gefühl vor, dass der Staat seine Aufgaben nicht mehr in vollem Umfang erfüllen kann" - und zwar in Schule und Bildung, Asyl- und Flüchtlingspolitik, bei innerer Sicherheit, im Klima- und Umweltschutz, in den sozialen Sicherungssystemen, bei Rente und sozialer Gerechtigkeit - so die Studie. Stimmt das? War die Verwaltung schon vor Corona überfordert? Fakt ist: Im öffentlichen Dienst sind derzeit 200.000 Stellen nicht besetzt. In zehn Jahren, wenn die Babyboomer in Rente sind, könnten es 800.000 sein. Was bedeutet es für ein Land, wenn 55.000 Lehrer fehlen, 2.000 Richter und Staatsanwälte, tausende bei Polizei, Feuerwehr und Strafvollzug? Wenn sich wegen Personalmangels zehntausende Fälle von Geldwäsche stapeln und dem Land Milliarden an Steuereinnahmen entgehen? Was bedeutet es in der aktuellen Krise, wenn dreiviertel der Kliniken Ärzte suchen - und 17.000 Pfleger?

Bildungsoffensive "Zuhause"

Ist lernen ohne Lehrer effektiv?

In deutschen Schulen wurde jahrelang geklagt: Zu wenige Schulen, zu große Klassen, marode Gebäude, schleppende Digitalisierung und vor allem: zu wenig Lehrende. "Bildungsoffensiven" verdienten selten ihren Namen, die Schul-Verwaltung schleppte sich vielerorts dahin und wissenschaftliche Erkenntnisse über alternative Lernoptionen kamen im Schulalltag oft nicht an. Jetzt, in der Corona-Krise, muss bei geschlossenen Schulen plötzlich vieles gehen: Lernende und Lehrende kommunizieren in großem Maßstab digital, tauschen sich über E-mail, Internet-Plattformen und per Experimental-Video über Lehrinhalte aus - ob in Mathe oder bei der musikalischen Ausbildung. Selbst Sportvereine bieten Schülerinnen und Schülern daheim alternative Übungen zum fit bleiben an. Manchmal sind es sogar die "digital natives", die den Lehrenden Tipps geben, wie Online-Unterricht am besten funktionieren kann. Ist die vielbeschworene Bildungsmisere in unserem Land so gleich mitzukurieren - die Krise ein Motor? Wenn es so einfach wäre, meint der Astrophysiker und ZDF-Wissens-Experte Harald Lesch, der nicht nur digitales Lernen analysiert, sondern sich in seinem neuen Buch "Wie Bildung gelingt" auch Gedanken zur Schule in Deutschland über die Krise hinaus gemacht hat.

Im Gespräch:

Publizist Jakob Augstein - Geben wir zu viele Freiheiten auf?

Kulturschaffende in Not

Von Eigeninitiative bis Staatshilfe

Corona als Notfall. Corona als Verwaltungsfall. Die Kollateralschäden des Lockdowns sämtlicher kultureller Veranstaltungen sind gravierend. Konzerte, Musikunterricht, Ausstellungen, Tanzkurse, Lesungen - abgesagt. Die Szene der freien Kulturschaffenden, von denen viele schon unter Normalbedingungen prekär leben, steht gerade vor finanziellen Katastrophen. Vier Wochen können freie Kulturschaffende im Schnitt ihre Rechnungen zahlen und das Nötigste, wenn alle Aufträge für Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Fotoaufnahmen, DJ-Sets wegbrechen - so die Meinung von Experten. Die Kulturverwaltung ist massiv gefordert - und auch bürgerschaftliches Spontanengagement. Die Beauftragte für Kultur und Medien, Monika Grütters, hat Maßnahmen in Milliardenhöhe für die Kultur- und Kreativwirtschaft angekündigt. Arbeits-, Wirtschafts- und Finanzministerium haben konkrete Hilfspakete für Solo-Selbständige und Kleinunternehmer ausgearbeitet. Die Meldungen veralten stündlich. Der 27. März ist der Tag, an dem der Bundesrat über die Bundestagsbeschlüsse berät. Dann soll auch ein Formular zugänglich sein, das Anträge auf konkrete Hilfen ermöglicht. Die Berliner Modedesignerin Tonia Merz hat einen Aufruf für ein sechsmonatiges bedingunsloses Grundeinkommen gestartet, mit knapp 400.000 Unterzeichnenden, Tendenz steigend. Eine originelle Idee, um den Verwaltungsaufwand zu minimieren. aspekte zeigt Momentaufnahmen von Kulturschaffenden aus dem Bereich Mode, Musik und Kunst in Berlin.

Hilfen für Kulturschaffende

Flüchtlingskrise als Verwaltungskrise

Wie Personalnot Demokratie gefährdet

Die Bilder erschöpfter, frierender, hungriger und durstiger Flüchtlinge in langen Warteschlangen vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) gingen 2015 um die Welt. Was als "Flüchtlingskrise" in die Geschichte einging, war in Wirklichkeit eine Verwaltungskrise. Das jedenfalls sagt Sebastian Muschter, ehemaliger Chef des LaGeSo in seinem Buch "Gestalten statt Verwalten! Lernen aus der LaGeSo-Krise". Profitierte die AfD, die dank dieser Ereignisse überhaupt erst ihren Markenkern fand, also von einer Verwaltungskrise? Wie gefährlich ist eine überforderte Verwaltung für die Demokratie? Und wie lässt sich verhindern, dass der 'Failing State' das Vertrauen in Staat und Politik untergräbt? Eine professionelle Verwaltung, so die Soziologin Claudia Neu in ihrem Buch "Politik des Zusammenhalts. Über Demokratie und Bürokratie", ist von zentraler Bedeutung für eine lebendige Demokratie . Sie ist die Infrastruktur der Demokratie und kann eine Antwort auf Polarisierungstendenzen in unserer Gesellschaft sein.

In der Not unbürokratisch?

Warum Verwaltung dennoch wichtig ist

Das Gefühl, einer anonymen und intransparenten Behörde mit ihren undurchsichtigen Regeln ohnmächtig ausgeliefert zu sein, hat niemand so großartig zum Ausdruck gebracht wie Franz Kafka in seinem Roman "Das Schloss". Ganz in der Tradition von Kafkas Bürokratiekritik steht der Filmregisseur Terry Gilliam, dessen dystopische Groteske "Brazil" zeigt, welche Folgen es hat, wenn der Einzelne nur noch Verwaltungsmasse in einem vollkommen unpersönlichen Räderwerk ist. Was den Verteidigern der Bürokratie als Segen erscheint: dass sie regelgebunden, hierarchisch organisiert und unpersönlich ist, wird von ihren Kritikerin angeprangert. Die Bürokratie, sagen sie, ignoriere die Besonderheit des konkreten Menschen und presse ihn in ein anonymes Formular. Historisch gesehen geht die Bürokratiekritik bis ins Frankreich des 18. Jahrhunderts zurück. Im 19. Jahrhundert gelangte sie nach Deutschland und war zunächst ein wirkungsvoller Kampfbegriff gegen den monarchistischen Obrigkeitsstaat, der die Untertanen systematisch unterdrücke. Neben den Klagen über eine übermächtige Verwaltungsstruktur, deren Logik man nicht versteht, hat seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderte eine wirtschaftsliberale Bürokratiekritik großen Einfluss gewonnen. Erfolgreich hat sie die Deregulierung beziehungsweise die Privatisierung staatlicher Aufgaben durchgesetzt. Allerdings hat sich gezeigt, dass diese Deregulierung keineswegs zu weniger Regeln geführt hat. Im Bereich der Telekommunikation zum Beispiel hat der Staat eine Vielzahl von Vorschriften erlassen müssen, um den Wildwuchs des Marktes zu begrenzen. Heute ist die Bürokratiekritik zwar nicht gänzlich verstummt, aber ein Stimmungsumschwung ist unverkennbar: Das Ressentiment der Bürger nimmt ab und weicht der Erkenntnis, dass eine gut funktionierende Verwaltung durchaus ihre Vorzüge hat – gerade in Krisenzeiten.

Digitalisierung lernen von Dänemark

Bürgermeister modernisiert Rostock

Claus Ruhe Madsen ist Däne – und der erste ausländische Oberbürgermeister in Rostock. Eines seiner wichtigsten Themen in puncto Bürgernähe und Modernisierung ist die Digitalisierung in der Verwaltung. In der Partnerstadt Aarhus ist das schon sehr weit umgesetzt. Ob Steuererklärung, Ausweise, Hundemarke, Parkscheinverlängerung oder Meldebescheinigung: In Dänemark geht alles online von zu Hause. aspekte begleitet ihn auf seiner Inforeise nach Aarhus, wo das Vertrauen der Bürger in den Schutz der Daten größer ist als hierzulande. Originelle Lösungen, Bürgerservice nah an den Interessen von Familien, Radfahrern, Unternehmern, älteren und jüngeren Bürgern - Anregungen auch für Rostock. Angesichts der Corona-Krise wäre manches leichter, so Oberbürgermeister Madsen, wenn wir auch schon weiter wären. Wir müssen die Krise auch als Chance für Veränderungen begreifen, schlägt er vor.  

  • Moderation - Katty Salié, Jo Schück
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um Ihnen ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier können Sie mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, können Sie jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigen Sie Ihr Ausweisdokument.

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.