Die Themen am 6. Mai 2016

Moderation: Katty Salié & Jo Schück

Kultur | aspekte - Die Themen am 6. Mai 2016

Peter Rahl erzählt im Interview, wie er mit 17 Jahren zu seinem Onkel in die 'Colonia Dignidad' geschickt, dort misshandelt und erniedrigt wurde. Er fordert Rentenzahlungen für die Opfer der dt Sekte.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.05.2017, 17:04

Die Themen und Gäste unserer Kultursendung am Freitag ab 23.00 Uhr.

Wie das Internet gesäubert wird

Die digitale Müllabfuhr

Es gibt Bilder im Internet, auf die will man nicht zufällig in seiner Facebook-Timeline stoßen. Kinderpornographie, Vergewaltigungen, Folter. Doch wer hält die Datenströme auf den Facebookseiten und Twitteraccounts eigentlich sauber? Und nach welchen Regeln? Diese Frage stellte sich der junge Theatermacher Moritz Riesewieck und reiste in die Hauptstadt der Philippinen. In Manila befindet sich nämlich die 'digitale Müllabfuhr der Welt', dort sitzt ein Großteil der sogenannten "Content Manager", jener Leute, die im Auftrag großer Konzerne wie Facebook das Internet von unerwünschten Darstellungen reinigen. Diese Arbeit muss tatsächlich von Menschen gemacht werden, denn Algorithmen können die komplexe Deutung von Bildern nicht übernehmen, zum Beispiel Fragen wie: Wann ist etwas Pornographie? Wann ist es Kunst?

Die Regeln, nach denen das Internet gesäubert wird, bestimmen die Auftraggeber und halten sie geheim. Das war auch der Grund, warum es für Moritz Riesewieck so schwierig war, an die Arbeiter heranzukommen. Dennoch gelang es ihm, mit Arbeitern zu sprechen - die bis zu 2000 Bilder am Tag anschauen, für ihre Entscheidung aber weniger als eine Sekunde pro Bild haben. Die Arbeiter, alles junge Philippinos, sind zwar hoch motiviert, berichten aber von posttraumatischen Belastungsstörungen.

Für Riesewieck ist es die Kolonialgeschichte, die die Menschen "ideal" für diesen Job vorbereitet hat, denn auf den Philippinen paart sich der Katholizismus der spanischen Eroberer mit dem puritanischen Arbeitsethos der späteren US-Kolonialherren. Tatsächlich haben die Philippinos in den Internetfabriken das Gefühl, eine Mission zu erfüllen und das Leid der Welt auf ihre Schultern zu nehmen. Riesewieck hat diese Recherchen zu einer dokumentarischen Theaterperformance verdichtet: "Die Ausgelagerten - Was mit den Bildern passiert, die uns die sozialen Netzwerke nicht zumuten", zu sehen am 19. Mai beim Berliner Theatertreffen. Mit ihr lenkt er nun die Aufmerksamkeit auf die Nachtseite des Netzes, auf die Kehrseite jenes bunten Marktplatzes, den uns die Internetgiganten präsentieren.

Neues zur Colonia Dignidad

Das Amt und die Sekte

Das gab es noch nie: Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier kritisierte vor wenigen Tagen öffentlich sein eigenes Amt. Es geht um die "Colonia Dignidad". In den 70ern wurde Colonia Dignidad, eine menschenverachtende Sekte in Chile, vom damaligen deutschen Botschafter vor Ort hoch gelobt, Botschaftsangehörige kümmerten sich nicht um von dort Geflohene. Angeregt durch den Kinostart von "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" mit Daniel Brühl in der Hauptrolle, möchte Steinmeier nun die Aufarbeitung dieser von Auslandsdeutschen gegründeten, totalitären "religiösen Gemeinschaft" endlich beschleunigen. Das Auswärtige Amt gibt ab sofort Akten frühzeitig frei. aspekte nimmt Akteneinsicht und recherchiert insbesondere den Fall des Opfers Peter Rahl und dessen Familie.

Matthias Schoenaerts

Porträt eines großen Schauspielers

Sein Filmdebüt gab er im Alter von 15 Jahren im Oscar-nominierten Film "Daens", 2003 war er Berlinale-Shootingstar: Matthias Schoenaerts. Er folgten Kostümschinken ("Am grünen Rand der Welt", "Der Gärtner von Versailles") emotional Komplexes ("Der Geschmack von Rost und Knochen"),  Gefährliches ("Bullhead") und Mysteriöses ("The Loft"-Verfilmungen). Die Filmwelt hat den eher schweigsamen Mann mit den tiefsinnigen Augen inzwischen international entdeckt.  Seit Beginn 2016 ist Schoenaerts mit vier (!) Filmen in den Kinos: "A Bigger Splash" ist das Remake von "Der Swimmingpool", in dem er die Alain Delon-Rolle übernimmt - mit Tilda Swinton im Romy Schneider-Part sowie Ralph Fiennes und Dakota Johnson. In "Maryland" - mit Diane Kruger - spielt er einen aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten mit posttraumatischen Störungen. In "The Danish Girl" - eine wahre "Gender-Bender"-Geschichte aus den 20er Jahren über Gerda Wegener, deren Mann (gespielt von Oscar-Gewinner Eddie Redmayne) dann eine Frau wurde, hat Schoenaerts eine Nebenrolle. "Suite Francaise" ist ein Ensemblefilm über die deutsche Besatzung Frankreichs, in der der Belgier einen deutschen Offizier spielt - prominente Mitstreiter sind hier Kristin Scott Thomas, Michelle Williams, Sam Riley, Tom Schilling, Alexandra Maria Lara und Heino Ferch. Aus diesem Name-Dropping der Leinwandkunst ergibt sich für aspekte große Neugier, den vielseitigen Schauspieler vorzustellen.

Alexander Iskin

Entdeckung eines Nachwuchskünstlers

Was braucht man für eine Künstlerkarriere? Eine Ausbildung in der Kunstakademie, einen berühmten Professor, der einen fördert, Ausstellungen ohne Ende und Galerien, die sich um einen prügeln?
Die wenigsten fangen wie der 26-jährige Alexander Iskin mit Tischtennis an und lernen dann mehr oder weniger autodidaktisch das Malen. Er kam als Sohn russischer Juden mit zwei Jahren nach Deutschland. Mit drei Jahren begann er Tischtennis zu spielen. Dann mit 16 erblühte die Leidenschaft für Malerei und Kunst in ihm. Angeblich nach einer Begegnung mit Oda Jaune, der schönen Ehefrau von Jörg Immendorf. Es klingt ein bisschen wie ein Märchen, bei dem später noch Kunstberserker Jonathan Meese und das frühverstorbene Malergenie Herbert Volkmann ins Spiel kommen.
Alexander Iskin hat sich seine unverstellte Fantasie bewahrt, vielleicht auch, weil er nicht durch die akademische Mühle ging. Seine Malerei hat eine Leichtigkeit und gleichzeitig eine formale Sicherheit, die 26-Jährige selten produzieren. Wie kann man als "Digital Native" heute überhaupt noch malen? Iskins Antwort ist seine surrealistisch-dadaistische „Interrealitätstheorie“. Als Theorie-Punk mischt er Wahrnehmungen und Diskurse zu einem psychedelischen Cocktail unserer Zeit. aspekte stellt den Nachwuchskünstler vor.

"Das zerstörte Leben des Wes Trench"

Roman von Tom Cooper

Erst kam Hurrikan Katrina, überflutete das Land und verursachte Familientragödien, dann zerstörte das Öl der brennenden Bohrinsel "Deepwater Horizon“ das, was von Louisianas fragilem Ökosystem "Bayou" noch übrig war. Seither kämpfen die Krabbenfischer dieser gottverlassenen Gegend um ihre nackte Existenz, werden von der Ölindustrie gnadenlos über den Tisch gezogen und vom Umweltaktivisten- und Medienzirkus werbewirksam vorgeführt. Die Wut der Bewohner auf die Lügen und Tricks von Regierung und Industrie ist so groß wie ihre Ohnmacht, und an eine Zukunft wagt kaum einer zu denken. Tom Cooper hat ein herausragendes Roman-Debüt vorgelegt, das dieser Wut Ausdruck gibt und hart mit den Versprechungen des "American Dream" und der amerikanischen Gesellschaft ins Gericht geht. Die Kritiken überschlugen sich vor Begeisterung über eine frische literarische Stimme, denn der Autor weiß wovon er spricht: Er lebt in New Orleans, unweit vom Schauplatz seines Romans.

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