"Das Schwimmbad ist wichtig, aber Kunst ist auch wichtig"

aspekte-Redakteur Peter Schiering besucht die Manifesta 11 in Zürich, bei der Künstler mit Bürgern aus den verschiedensten Berufsständen kooperieren.

Gibt es einen Künstler, der Mitarbeiter eines Klärwerks genauso motivieren kann wie Sexualtherapeutinnen, bei einer Kunstbiennale mitzumachen? Ja, Christian Jankowski. Er hat die diesjährige Manifesta kuratiert, eine Wanderbiennale, die dieses Jahr in Zürich gastiert. Das Konzept: 30 Künstler kooperierten mit Zürcher Bürgern aus den verschiedensten Berufsständen.

Scheiße, formal klar in Blöcken getrocknet

Mike Bouchet schuf zum Beispiel mit Philipp Sigg, einem Mitarbeiter des Zürcher Klärwerks, eine Skulptur, die nun im ersten Stock des Migros-Museums einen atemberaubenden Geruch verströmt. Scheiße, formal klar in Blöcken getrocknet, die den Betrachter den Kontrast zwischen visueller und olfaktorischer Wahrnehmung spüren lässt und zum Nachdenken über das "Woher" und "Wohin" unserer Fäkalien bringt und darüber, was es bedeutet, in einem Klärwerk zu arbeiten.


Die Manifesta 11 bietet sowohl junge Entdeckungen als auch Künstler von Weltrang wie Maurizio Cattelan, der die Paralympics-Teilnehmerin Edith Wolf-Hunkeler mit ihrem Rollstuhl über den Zürichsee schweben lässt. So hat Andrea Éva Györi mit einer Sexualtherapeutin die Untiefen des weiblichen Orgasmus ergründet.

Verstörender Geruch

Die Mexikanerin Teresa Margolles, die sich in ihrer Arbeit schon lange intensiv mit dem Tod befasst, hat mit Sonja, einer transsexuellen Liebesarbeiterin aus Zürich, kooperiert. Eigentlich sollte Sonja mit Karla aus dem mexikanischen Ciudad de Juárez im Hotel Rothaus Poker spielen, doch Karla wurde ermordet. Nun hängt in dem leeren Hotelzimmer im Zürcher Rotlichtviertel ihr Foto zusammen mit der Sterbeurkunde. Es sind solche Momente, die diese Manifesta intensiv machen. Die Wirklichkeit der Welt da draußen kommt ins saturierte Zürich und verströmt einen verstörenden Geruch.


Gearbeitet wird überall. Doch wie formt der Beruf Menschen und wie kann man den Alltag der "Déformation professionelle" künstlerisch produktiv machen? Diese Formung durch den Beruf wird am plakativsten sichtbar bei Michel Houellebecq, der für die Manifesta zum Künstler avancierte und sich von einem Zürcher Arzt untersuchen ließ. Dem Künstlerkurator Christian Jankowski, der einer der spannendsten Videokünstler dieser Tage ist, ist etwas gelungen, das im zunehmend bedeutungsloser und diskurslastiger werdenden Biennale-Geschehen selten geworden ist: Genauigkeit im Ausdruck und in der Wahl der Mittel. Der geniale Schachzug, die Bürger von Zürich einzubinden, funktioniert. Man denkt auch an den Beuys'schen Begriff der "sozialen Skulptur". Jankowski weist das von sich. Für ihn ist entscheidend ob "das Ganze eine komplexe Sprache spricht, die mit vielen Menschen und Seelen korrespondiert und etwas vermittelt, was nicht belanglos ist, sondern berührt." Das hätte Beuys allerdings auch unterschrieben. Für Jankowski ist Kunst etwas, das neben "Geld und Luft auch unheimlich wichtig ist. Kunst gibt mir etwas, das ich nicht in einem Schwimmbad bekomme", so Jankowski. "Das Schwimmbad ist wichtig, aber Kunst ist auch wichtig."


Die Manifesta läuft noch bis zum 18.9.2016. Und vom schwimmenden "Pavillon of Reflection", wo es Videodokumentationen der Projekte gibt, kann man auch direkt in den See springen. Ins Cabaret Voltaire kommt jeder, der bereit ist, eine Performance zu machen. Außerdem gibt es noch quirlige Parallelevents wie die Manifestina..

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