Die Themen am 4. März 2016

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - Die Themen am 4. März 2016

Welche Freiräume bleiben der Kunst in einem Land wie Saudi Arabien? "Ich überschreite die rote Linie nicht", sagt Abdulnasser Gharem, "ich reize sie nur aus. Ich will Menschen zum Denken ermutigen."

Beitragslänge:
4 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.03.2017, 16:19

Die Themen und Gäste unserer Kultursendung am Freitag um 23.00 Uhr.

Als Kind allein auf der Flucht

Buch "Am Himmel kein Licht"

Gulwali Passarlay hat es geschafft. Er ist aus Afghanistan geflohen, hat sich auf abenteuerlichen Wegen durch den Iran, die Türkei und halb Europa geschlagen, um schließlich aus dem berüchtigten illegalen Flüchtlingscamp in Calais, dem "Dschungel", versteckt in einem Transportlaster über den Ärmelkanal nach Grobritannien zu kommen. Das war 2007. Gulwali Passarlay war, als er aufbrach, gerade mal zwölf Jahre alt. Allein, ohne Eltern, Geschwister, Verwandte. Gulwali Passarlay ist in Großbritannien angekommen, hat Englisch gelernt, einen Schulabschluss gemacht, er studiert inzwischen Politik. Jetzt hat er die Geschichte seiner Flucht aufgeschrieben. Unter dem Titel "Am Himmel kein Licht" ist sie nun in deutscher Übersetzung erschienen. Gulwali Passarlay ist kein Einzelschicksal. Was er erlebt und durchlitten hat, erleben seit Jahren zehntausende von unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen auf ähnliche Weise und mit ungewissem Ausgang. Aus den unterschiedlichsten Gründen werden sie von ihren Familien aus den Kriegs- und Krisengebieten im Nahen Osten nach Europa geschickt. Tausende von Euro zahlen sie an Schlepper. Die, die unbedingt nach Großbritannien wollen, bleiben meist in Nordfrankreich hängen. Allein im Flüchtlingslager in Calais halten sich angeblich mehr als 400 unbegleitete Jugendliche auf. Nach England kommen sie nicht, in Frankreich wollen sie nicht bleiben. Die französische Regierung hat jetzt beschlossen, das wild wuchernde Lager einzudämmen und große Teile davon abzureißen. Großbritannien bleibt bei seinem starren Einreiseverbot - auch für Kinder und Jugendliche. NGOs versuchen, die Flüchtlinge zu unterstützen, tragen deren unhaltbare Situation immer wieder in die Öffentlichkeit. Künstler wie der britische Schauspieler Jude Law, der Dramatiker Tom Stoppard und der Sänger Tom Odell machen sich für die Jugendlichen stark - sie haben unlängst in einer PR-trächtigen Aktion den "Dschungel" besucht und David Cameron aufgefordert, seine Politik zu ändern. Ob es hilft? aspekte trifft Gulwali Passarlay in London und fragt nach - im "Dschungel" von Calais.

Künstler in Saudi-Arabien

Freiräume in der Diktatur

Was darf Kunst und wann geht sie zu weit, wann wird ein Künstler abgestraft im streng religiösen Wüstenstaat Saudi Arabien? Welche Freiräume bleiben der Kunst in einem Land ohne Opposition, ohne Meinungsfreiheit, ohne Frauenrechte, ohne Kinos - wo selbst Schachspielen als unislamisch verboten ist? Junge Künstler loten jeden Tag aufs Neue aus, welche Lücken es gibt. "Ich überschreite die rote Linie nicht", sagt Abdulnasser Gharem, "ich reize sie nur aus. Mir geht es darum, Menschen zum Denken zu ermutigen." Der ehemalige Soldat arbeitet heute in einem von ihm eröffneten Künstlerstudio in der Hauptstadt Riad. Seine Kunstwerke fertigt er aus kleinen Stempeln an, die auf die Bürokratie des Landes anspielen. Gerade hat er mit anderen Freunden erfolgreich darum gekämpft, dass die Todesstrafe für seinen Freund Ashraf Fayad aufgehoben wird.

Reisen durch Saudi Arabien. In Dammam und Jeddah treffen wir Maler, Regisseure und Fotografinnen. In der nördlichen Stadt Quatif arbeitet Hussein Almohasen an seiner Graffity-Kunst. Über Panzer sprayt er das Wort Eiscreme - in pink. In vielen seiner Werke erinnert er an frühere Zeiten, in denen die Kunst- und Musikszene in Mittleren Osten blühte. Ganz im Westen, in der Hafenstadt Dschiddah zeigt uns Khalid Zahid seine Plastik: eine Frau mit Flügeln, die aus Autotüren bestehen. Ob Frauen Auto fahren sollen, darüber darf man heute diskutieren - in Sicht ist das noch lange nicht. Häufig ist Humor eine gute Form, um Kritik zu äußern in Saudi Arabien. Zahid aber ist überzeugt: "Es gibt auch bei Humor eine rote Linie. Wer darüber hinausschießt, macht etwas, das keine Kunst mehr ist."

Der Schriftsteller Nir Baram

Kritik an der israelischen Besatzung

Er hat getan, was kaum ein anderer Israeli wagt: Nir Baram, bedeutendster Schriftsteller der jungen Generation, hat ein Jahr lang das Westjordanland hinter der Trennmauer bereist, Orte besucht, die seinen Landsleuten ferner sind als der Mond, mit Palästinensern gesprochen, die Israelis wenn überhaupt, dann nur in Soldatenuniform kennen.

Barams Reportage-Band "Im Land der Verzweiflung", von Altmeister Amos Oz hoch gelobt, ist eine aufrüttelnde Bestandsaufnahme nach fast 50 Jahren Besatzung, die Israel "zu einer Gesellschaft von Gefängniswärtern gemacht" hat, wie er schreibt. Sein Bericht ist weit mehr als nur eine Kritik am Status Quo zwischen Checkpoints, Übergriffen und Landraub durch jüdische Siedler. Er kritisiert auch die israelischen Linke, die noch immer von einer Zwei-Staaten-Lösung träumt. Baram zeigt klar, dass diese längst obsolet ist: Das Westjordanland ist ein Flickenteppich, übersät von Siedlungen, in denen heute mehr als 550.000 jüdische Siedler leben. Wie soll also die Zukunft aussehen? Die Stärke seines Buchs besteht darin, dass er einen Ausweg aus dem scheinbar endlosen Konflikt finden will,  mögliche Alternativen aufzeigt. Zusammen mit Palästinensern und Israelis hat er eine Friedensinitiative gegründet, deren Name Programm ist: "Zwei Völker - eine Heimat". Eine Heimat mit durchlässigen Grenzen und völliger Gleichstellung von Palästinensern und Israelis. Die "Dämonenzeit" der Besatzung müsse beendet werden. Auch wenn die dafür nötige "moralische Umwälzung" innerhalb der israelischen Gesellschaft derzeit wie eine Utopie anmutet - Nir Baram kämpft für Aussöhnung: „Denn welche andere Wahl haben wir?“

Ronja von Rönnes Romandebüt

"Wir kommen" über Liebe zu viert

Ronja von Rönne ist 24 Jahre alt, schreibt seit zwei Jahren, hat eine regelmäßige Kolumne in der "Welt am Sonntag“, betreibt einen Blog mit dem ambitionierten Titel "sudelheft", und sie war letztes Jahr für den Ingeborg- Bachmann-Preis nominiert. Überhaupt 2015 war Ronja von Rönnes Jahr: Ihr Text mit dem provokanten Titel "Warum mich der Feminismus anekelt" in der "Welt“ hat ihr einen beachtlichen medialen Shitstorm eingebracht, bis hin zu Beifall von der gänzlich falschen Seite, z.B. dem NPD-Frauenbund. Ihren Auftritt im Video der gehypten Wiener Band "Wanda" nahmen einige Feuilletonisten zum Anlass, die medialen Attacken gegen sie fortzuführen. Nun der Buchvertrag, der vielerlei Erwartungen weckt. Von Rönnes Romandebüt erscheint im März - Thema: Grenzen einreißen und daran scheitern. "Wir kommen“ - über Trauer, Angststörungen und Polyamorie. An diesem Freitag ist sie zu Gast im aspekte-Studio. Ronja von Rönne – 2016: Läuft!

"Der Überläufer" von Siegfried Lenz

Frühes Meisterwerk entdeckt

Siegfried Lenz' "Der Überläufer" - im Jahr 1951 geschrieben - wurde nicht veröffentlicht - nicht, weil der 25jährige Autor es nicht wollte, sondern, weil man ihn nicht ließ. Der Roman erzählt von einem jungen Wehrmachts-Soldaten, der durch Zufall Teil eines kleinen Trupps wird, der in Polen eine Bahnstrecke vor der Sprengung durch Partisanen bewahren soll, und der, offenbar unaussprechlich im Jahr 1951, nicht nur desertiert, sondern auch noch zur russischen Seite überläuft. Der Lektor des Hoffmann & Campe Verlags, bei dem Lenz damals bereits sein Debüt veröffentlicht hatte, war zunächst angetan von dem Manuskript, gab einige Änderungen in Auftrag, um dann, fast wütend, vollkommen von der Veröffentlichung abzuraten, sie quasi zu verbieten unter dem Vorwand, er wolle bloß verhindern, dass Lenz sich selbst schade.

Tatsächlich schien der Stoff dem Verlag zu riskant angesichts der allgemeinen Gemütsverfassung zu Beginn der 50er, die die Nazivergangenheit vor allem verdrängte und insgeheim an der tradierten Vorstellung von Pflicht und Kameradschaft festhielt. Lenz war natürlich enttäuscht, fand sich aber mit seiner Niederlage ab und sprach nie wieder von seinem zweiten Roman. Monate nach seinem Tod im Oktober 2014 tauchte das Manuskript in einer Kiste im Literaturarchiv in Marbach, wo der Nachlass des Schriftstellers aufbewahrt wird, auf. Und siehe da, „Der Überläufer“ ist äußerst spannend, pointiert, stilistisch gelungen, elegant und bemerkenswert komplett angesichts der Jugend des Verfassers. Imponierend. Eine spannende Geschichte also, das gilt sowohl für den Inhalt des Romans als auch für die Umstände der Entstehung bis zur Veröffentlichung nach 65 Jahren.

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