Die Themen am 8. April 2016

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - Die Themen am 8. April 2016

Lilith Stangenberg ist - gemeinsam mit dem Wolf - das furiose Zentrum des anarchischen Films "Wild" von Nicolette Krebitz - im Gespräch mit Luzia Braun über Wahrhaftigkeit, Wildheit und Intensität.

Beitragslänge:
14 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 07.04.2017, 15:28

Die Themen und Gäste unserer Kultursendung am Freitag um 23.00 Uhr.

Kontrollverlust im Kino: "Wild"

Nicolette Krebitz lässt den Wolf tanzen

Kein anderes Raubtier ist so beladen mit Legenden, Vorurteilen und Ängsten wie der Wolf. Das "Rotkäppchentrauma" hat uns und unser Bild vom Wolf stark geprägt. Eine krasse Anti-Rotkäppchen-Geschichte erzählt der Film "Wild" von Nicolette Krebitz, der am 14. April in die Kinos kommt. Ania ist jung, schüchtern und ein bisschen traurig. Öder Job, blöder Chef, kein Mann, wenig Freude. Doch dann trifft sie eines Abends auf dem Weg zur Arbeit einen Wolf. Sie sehen sich in die Augen und Ania weiß: nichts bleibt, wie es war. Sie muss den Wolf wiedersehen, wird zur Jägerin, überlistet das wilde Tier, sperrt es in ihre Wohnung, lebt mit ihm wie mit einem Partner. Diese gefährliche Liebschaft und die Entdeckung der eigenen Triebhaftigkeit machen aus Ania eine andere. Je radikaler Ania ihr bisheriges Leben hinter sich lässt, desto freier und wilder wird sie. Die grandiose Lillith Stangenberg spielt Ania und erzählt von ihrer magischen Begegnung mit Wölfen, von der Wildheit, die in uns allen schlummert, von der Sehnsucht auszubrechen und vom utopischen Raum, der sich bei diesem Abenteuer auftut. Nicole Krebitz nennt einen ganz wichtigen Helfer beim Dreh: die Leberwurst, bekennt sich zum Überdruss an Erwartungen, Konventionen und fixen Bildern und schaut gebannt auf den Unterschied, wie Männer mit wilden Tieren umgehen und wie Frauen das tun. Der Film heißt nicht nur "Wild". Er ist es auch.

Isa Genzkens große Retrospektive

"Mach Dich hübsch!" in Berlin

"Mach Dich hübsch!" - so überschreibt Isa Genzken ihre Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Doch wer Nettigkeiten erwartet, wird enttäuscht. Hinter dem harmlos anmutenden Titel verbirgt sich fast ihr gesamtes 40-jähriges Schaffen und so manche Zumutung. Die fragile Künstlerin passt in kein Klischee. Sie hat weder ein Markenzeichen noch eine wiedererkennbare Handschrift. Bereits in den 70er Jahren ließ sie von Computern Formen rechnen, aus denen sie sogenannte "Ellipsoide" fertigte: lange, minimalistische Gebilde. Später machte sie brachiale Betonskulpturen mit Antennen und nannte sie "Weltempfänger". Egal ob Schaufensterpuppe oder Nofretete-Abguss - Respekt vor überkommenen Formen und Erwartungen des Publikums sucht man bei ihr vergebens. Genzken wird als einflussreichste Künstlerin Deutschlands gehandelt. Drei Mal war sie auf der documenta in Kassel, hat 2007 den deutschen Pavillon in Venedig bespielt. Spätestens seit ihrer Ausstellung im MoMa 2013 in New York zu ihrem 65. Geburtstag ist sie auch international gelandet. "Mach Dich hübsch!" vom 9. April bis 26. Juni 2016 im Berliner Martin-Gropius-Bau.

"Durchbruch bei Stalingrad"

Die bizarre Wiederentdeckung eines Kriegs-Romans

Am 28. Dezember 1950 landet eine ungewöhnliche Akte auf dem Schreibtisch des sowjetischen Geheimdienstchefs Berija. Es geht nicht um GULAGs oder Spionage, sondern um Literatur. Der zweite Mann hinter Stalin soll entscheiden, ob der Roman eines deutschen Kriegsgefangenen - Titel "Durchbruch bei Stalingrad" - jemals das Licht der Welt erblicken oder seinem Autor Heinrich Gerlach weggenommen werden soll. Berija entscheidet sich gegen Heinrich und für den Panzerschrank. Erst über 60 Jahre später fällt das Manuskript dem deutschen Germanisten Carsten Gansel während seiner Recherchen im Moskauer Militär-Archiv in die Hände. Ein außergewöhnlicher literarischer und historischer Glücksfall: Denn Heinrich Gerlach brachte in seinem "Durchbruch bei Stalingrad" unmittelbar und direkt aufs Papier, was deutsche Soldaten und Offiziere in den Monaten der Hölle von Stalingrad im Winter 1943 erlebten, dachten und fühlten. Vom anfänglichen Glauben an die falschen Versprechen Hitlers, den tödlichen Kessel von Stalingrad aufzubrechen bis zu Hitlers furchtbarem Opfer-Verdikt "Die Männer von Stalingrad haben tot zu sein."
Ungewöhnlich ist Heinrich Gerlachs Roman aber auch, weil sein Autor ihn zweimal geschrieben hat: Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1951 machte sich Heinrich Gerlach in jahrelanger Erinnerungsarbeit daran, das in Moskau eingezogene Manuskript zu rekonstruieren. Sein Versuch, dabei unter Hypnose schneller zum Ziel zu kommen, sorgte in den 50ern für ziemlichen Presse-Wirbel, aber nur für mäßigen Erfolg. In weiteren sieben Jahren - in den Abendstunden nach seiner Arbeit als Lehrer - gelang Gerlach schließlich die Zweitschrift seines Stalingrad-Romans. Unter dem Titel "Die verratene Armee" wurde es 15 Jahre nach dem Untergang der 6. Armee doch noch zu einem internationalen Bestseller.
Erst jetzt - mit dem Erscheinen des Erstlings unter dem ursprünglichen Titel "Durchbruch bei Stalingrad" - wird im Vergleich der beiden Werke aus Gerlachs Feder offenbar, wie viel stärker das Original durch seine authentischen Eindrücke, durch zeitliche Nähe und unmittelbares Erleben wirkt: ein Antikriegs-Buch, das aufwühlt und den Leser nicht mehr loslässt.

Star-Dirigent Teodor Currentzis

Der exzentrische Meister aus Perm

Teodor Currentzis liebt offensichtlich die Extreme und gehört derzeit zu den spannendsten Figuren der Klassikwelt. Der Mittvierziger verblüfft und gibt neue, überraschende Impulse - in der Regel etwa stehen seine Musiker beim Konzert, was natürlich Aufführung und Klang verändert! Konzertklassiker, zum Beispiel Beethovens populäre 5. Symphonie, die sogenannte "Schicksalssinfonie", klingen neu und unerhört. Das Publikum, egal ob in der Kölner Philharmonie oder im Berliner Radialsystem, ist begeistert. Seine Ensembles, Sänger genauso wie die Musiker von MusicAeterna, gehen mit ihm durch dick und dünn, von Nowosibirsk nach Perm - auf Konzerte weltweit. In der Ural-Stadt hat sich Currentzis Arbeitsbedingungen ertrotzt, von denen andere träumen: Alles dient der Musik, ob nächtliche Proben oder Tanzunterweisungen für die Musiker. Die fulminante Einspielung der drei Mozart/Da Ponte-Opern bestätigt Currentzis charismatisches Können, "Così fan tutte" wurde von den Kritikern der "Opernwelt" im letzten Herbst als CD des Jahres gelobt.
Alle Wege führen nach Perm: Die Regisseurin der aktuellen "Don Giovanni"-Inszenierung gehört zur katalanischen Künstlertruppe La Fura dels Baus, die "Zerlina" singt Fanie Antonelou, die in Stuttgart studiert hat. Der Flötist und Concerto-Köln-Mitbegründer Martin Sandhoff übersiedelte extra von Köln nach Perm. Im Gegensatz zu anderen Pultstars verbringt Currentzis, der Grenzgänger, viel Zeit im eigenen Opernhaus in Perm. Beim Proben. Er treibt den Ausdruck der Musik auf die Spitze. Jetzt erhält der Dirigent den Kairos-Preis der Hamburger Toepfer-Stiftung, einen der höchstdotierten Kulturpreise in Deutschland.

Syrische Künstler im deutschen Exil

Hoffen und Bangen vor den Wahlen in Damaskus

In Syrien sind Wahlen, doch wer geht hin? Wer oder was steht überhaupt zur Wahl, seit Assad mit russischer Hilfe wieder Oberwasser gewinnt? Wir besuchen Exil-Syrer, die vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflüchtet sind und fragen nach ihren Hoffnungen und Träumen, den Aussichten für das geschundene Land.

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