aspekte aus Venedig

Moderiert von Katty Salié

Kultur | aspekte - aspekte aus Venedig

Diese Woche "aspekte - on tour" exklusiv von der 57. Kunst-Biennale in Venedig.

Beitragslänge:
34 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.05.2018, 23:00

Die 57. Biennale startet in Venedig. "ARTE VIVA ARTE" das Motto der diesjährigen Ausgabe. Wie lebendig die Kunst wirklich ist, kann man in der schönsten Kulisse der Welt gut sehen. Auch hier, wo die Superreichen mit ihren Superyachten ankern um den Pomp zu feiern, brechen die Probleme der Welt ein. Das allgegenwärtige Flüchtlingsproblem scheint in vielen Kunstprojekten auf, zwischen Hilflosigkeit und Überengagement, wie etwa bei Olafur Eliasson. Immer wieder geht es um die Sichtbarkeit der Schicksale in unserem Alltag. Ein Trend der zentralen Ausstellung: Der Rückzug ins Sinnliche, fast Esoterische. Dagegen in den Länderpavillons unterschiedlichste Zugänge: Australien mit berstender Sinnlichkeit, Griechenland frönt der Krise in einem Labyrinth und Deutschland sucht Erlösung im Brachialen. Dagegen spielt Österreich ironisch mit einem umgekippten Laster, der den Blick auf das Mittelmeer freigibt. Die Biennale, ein Fest der Künste in Zeiten einer aus den Fugen geratenen Welt.

German Angst goes Hipster

Anne Imhof im Deutschen Pavillon

Anne Imhof ist für Deutschland in Venedig. Die 39-jährige Künstlerin hat in den letzten Jahren einen steilen Flug am Kunsthimmel gemacht. Ihre Performances brachten ihr unter anderem 2015 den Preis der Nationalgalerie in Berlin und jetzt den Auftritt in Venedig. Nebel, Darsteller, Tiere, Gemälde sind die Elemente ihrer Performances. Titel wie "Angst II" sorgen für emotionale Assoziationen beim Publikum. "Faust" heißt das Projekt im Deutschen Pavillon. Brachial zäunt sie das geschichtstriefende Nazi-Gebäude ein, umgibt es mit Hundezwingern. Dobermänner verbreiten ein Gefühl der Gefahr. Darsteller durchwandeln den Raum wie Clubbesucher mit einer Überdosis MDMA. Der Nazi-Kunsttempel im Hipsterrausch. Stylisch und befremdend. Scharfe Analyse unserer Gegenwart oder zu nah am echten Leben? aspekte begibt sich in die Inszenierung zwischen Unterwelt und Übersinn.

Genau hingehört

Der Soundkünstler Samson Young

Wie fühlt es sich an, wenn man Klänge sieht? Oder Farben hört? Samson Young sieht Dunkelgrün, wenn er die Glocke des Kölner Doms hört. Er zeichnet Partituren von historischen Gefechten und dirigiert Laptop-Orchester. Der Hongkonger Soundforscher ist studierter Komponist und arbeitet mit Zeichnung, Malerei, Video und verschiedensten Klängen. Auf der Biennale von Venedig wendet er sich Charity-Songs zu. Unter dem Titel "Songs for Desaster Relief" vertritt er Hongkong auf der diesjährigen Kunstschau. Von "We are the world“ bis "Do they know it's christmas?" interpretiert er diese Chart-Hits neu, versteht sie absichtlich falsch und fragt, was die eigentliche Motivation für diese weltrettenden Lieder ist. Young hat unter anderem einen sechsstündigen Film aus Nachtbombardements von Golfkrieg und Syrienkrieg geschnitten und ihn dann live mit Explosionsgeräuschen versehen. Fünf Kontinente bereiste er, um Glockenklänge zu erforschen. Die Glocke als Warnsignal und politisches Instrument sowie als physisches Material, das im Zweiten Weltkrieg zu Waffen umgeschmolzen wurde. Samson Young trennt den Klang vom Ereignis und erfindet einen eigenen. Und er übersetzt Klang in Bilder, immer entlang historischer Ereignisse. So arbeitet er auch mit einem sogenannten "Long Range Acoustic Device", einer Soundwaffe, die sowohl zum Vertreiben von Vogelschwärmen als auch zur Bekämpfung von Demonstrationen benutzt wird. Die Grundfrage ist: Wie entsteht Klang? Was hat er für eine Wirkung und wer hat die Macht, sich Gehör zu verschaffen? Das Portrait eines subtilen politischen Künstlers, der nicht in erster Linie auf Effekt setzt.

Gestrandet

Die Flüchtlingskrise in der Kunst

In Zeiten globaler Unordnung blicken Künstler der Biennale Venedig auch auf unseren Umgang mit Geflüchteten: Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson ist mit seinem Projekt "Green Light" in der Ausstellung "Viva Arte Viva" vertreten. Dort wird er Geflüchteten - in seinem künstlerischen Workshop - die Gelegenheit geben, sich kreativ auszutauschen und selbst Werke zu erschaffen: "Green Light" heißen diese dann leuchtenden Stücke und sie vermitteln "Grünes Licht" für Migranten und Geflüchtete. Die Künstlerin Candice Breitz dagegen arbeitet mit Videos, in denen Geflüchtete ihre Geschichte erzählen, die dann anschließend von zwei bekannten Hollywood-Schauspielern nachgesprochen werden. Ein Werk über Aufmerksamkeits-Ökonomie und Individualität - zu sehen im südafrikanischen Länderpavillon.

Gold fürs Lebenswerk

Carolee Schneemann lässt sich feiern

Am 13. Mai wird die amerikanische Künstlerin Carolee Schneemann auf der Biennale Venedig mit dem goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Als "Pornografin" und "gefährliche Frau" wurde sie Anfang der 1960er Jahre bezeichnet, als sie ihren Film "fuses" präsentierte. Das zerkratze, gefärbte und anderweitig malträtierte 16mm-Material zeigte die Künstlerin Carolee Schneemann beim Liebesakt mit ihrem damaligen Gefährten James Thenney. Zwar in sehr abstrakter Form, aber doch auf selbstbestimmte und demonstrativ lustvolle Weise präsentierte sie ihre eigene Sexualität und damit eine weibliche Sichtweise auf Erotik. Diese Haltung brachte ihr zunächst auch in feministischen Kreisen kein Verständnis ein. Sie klagte männliche Dominanz und ihre objekthafte Darstellung von Frauen nicht an, sondern setzt ihr etwas neues entgegen. Heute zählt sie zu den "großen Damen" der frühen Performancekunst, die ihren Körper zum Mittel und Medium ihrer Kunst machten. Im Zuge der Wiederentdeckung von Video- und Performance-Künstlerinnen wie Joan Jonas, die auf der letzten Biennale den Pavillon der USA bespielen durfte, von Marina Abramovic, Yvonne Rainer oder VALIE EXPORT, denen heute nach und nach Einzelausstellungen gewidmet und Preise verliehen werden, rückt auch das bahnbrechende und wegweisende Werk von Carolee Schneemann wieder in den Fokus.

Das Boot

Sinnbild für Widersprüche der Welt

Das Meer ist das, was der menschlichen Seele am nächsten kommt, sagen Dichter und Psychiater. Wenn man in einem kleinen Boot über das Meer fährt, dann erfasst einen manchmal ein seltsames Gefühl: Man ist so weit draußen, wie es nur geht, und gleichzeitig so weit innen, wie nur möglich. Es ist, als wäre man in sich selbst unterwegs. Aber vielleicht ist die allgemeine seelische Verfasstheit zur Zeit noch mehr aus der Balance als sonst ohnehin. Das Meer jedenfalls ist ein Krisengebiet wie schon lange nicht mehr, und das Boot spielt in jeder seiner denkbaren Erscheinungsformen eine komplexe Rolle. Nicht die Großstädte sind umkämpft, es ist das Meer - nicht die Flugzeuge, die Raketen oder die Drohnen sind die Transportmittel der Gegenwart, es ist das Boot. Aber es transportiert nicht nur Materie und Menschen - also die, die freiwillig an Bord gehen und jene, die es aus Not tun. Es transportiert dabei auch Botschaften und Bedeutungen. aspekte über das Boot als eine Art Zeitdiagnose und Ausdrucksmittel zugleich.

Gottvater des schlechten Geschmacks

John Waters auf der Biennale

2011 war er in der Biennale-Jury, dieses Jahr ist er mit seiner Kunst selber dabei: Kultregisseur John Waters. Der Mann mit der diabolischen Unschuldsmiene gehört zur ersten Generation des amerikanischen Underground-Films und hat sich seinen Ruf als Papst des schlechten Geschmacks hart erarbeitet. Seit "Pink Flamingos" 1972 ist John Waters in aller Munde. Seine Filmwelt: ein Kosmos voll schillernder Figuren und skurriler Einfälle – eine böse Parodie auf die angeblich so heile und saubere Welt der amerikanischen Vorstädte und Trailerparks. Seit den 80ern spielen sogar Superstars wie Johnny Depp mit und entkommen so ihrem Hollywood-Image. Waters bildet die Brücke zwischen der Underground-Bewegung der 70er Jahre und späteren Generationen, die diese Zeit verpasst haben. Seit den 90ern hat Waters sich als Fotograf und Künstler neu erfunden und bleibt sich doch treu: Ein Seiltänzer über dem Abgrund des schlechten Geschmacks.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert auf Mein ZDF! Abo beendet Abo beendet

Sie wechseln in den Kinderbereich und bewegen sich mit Ihrem Kinderprofil weiter.