aspekte vom 13. Januar 2017

Moderation: Katty Salié & Jo Schück

Kultur | aspekte - aspekte vom 13. Januar 2017

U.a.: "German Angst": Wie Emotionen zum Politikum werden; Hamburger Elbphilharmonie - Was taugt das bejubelte Klangwunder?; "Wild Plants": Macht Naturnähe bessere Menschen?; Live: Harfenist Xavier de Maistre; Studiogast: Jürgen Todenhöfer

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.01.2018, 23:59

Wie Emotionen zum Politikum werden

Am Tag nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt titelte die oft so treffsichere Bild-Zeitung in großen Lettern: "ANGST". Im Springer-Verlag glaubte man offenbar, damit einen Nerv zu treffen. Nach kurzem Innehalten aus Respekt vor den Opfern gingen die Menschen in der Bundeshauptstadt aber schnell wieder zum Alltag über. Von Panik keine Spur. Erstaunlich genug - beherrscht die Angst doch schon seit Monaten die öffentliche Debatte, quillt aus den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke, artikuliert sich in wüsten Sprechchören auf den Straßen: Angst vor Terror, Masseneinwanderung und Islamismus, vor "Überfremdung", wirtschaftlichem Abstieg und dem Verlust der kulturellen Identität. Angst aber auch vor einer Spaltung der Gesellschaft, vor der Beschränkung freiheitlicher Werte und dem Rückfall in einen überwunden geglaubten Nationalismus. Die Bundesrepublik hat sich den Ruf als "Angsthase" und Land der Bedenkenträger hart erarbeitet. Die sprichwörtliche "German Angst" gilt als geradezu archetypisch deutsche Gefühlsregung. Wenn es das vorrangige Ziel des Terrorismus ist, Angst zu verbreiten, wie erfolgsversprechend mag diese Strategie in einer Gesellschaft sein, die ohnehin nichts lieber tut als sich zu ängstigen? aspekte spricht mit der Emotions-Historikerin Bettina Hitzer und dem Psychiater Jan Kalbitzer (Zentrum für Internet und seelische Gesundheit) über Angst als Politikum und Triebfeder in vermeintlich "postfaktischen" Zeiten.

Hamburger Elbphilharmonie

Was taugt das bejubelte Klangwunder?

Endlich ist es soweit. Mehr als ein Jahrzehnt mussten sich die Hamburger gedulden. Jetzt ist sie fertig, nach mehr als 10 Jahren Bauzeit, nach vielen Streitereien und Querelen: die Elbphilharmonie. Und was für eine Kehrtwende. Lange galt das Konzerthaus als Milliardengrab, doch schon kurz vor der Eröffnung wird sie als ein Bauwunder gefeiert. Die "Gläserne Welle" ist auf dem Weg, zur Weltmarke zu werden. aspekte ist bei den ersten Konzerten dabei und schaut, ob sie das halten, was Musiker, Dirigenten und Intendant im Vorfeld vollmundig versprochen haben.

Gast & Musik im Studio
Live auf der aspekte-Bühne: Harfenist Xavier de Maistre mit "Orphée et Eurydice" von Christoph W. Gluck
Studiogast: Jürgen Todenhöfer über IS-Strategien in Deutschland

Macht Naturnähe bessere Menschen?

"Pionierpflanzen sind politische Gesinnungsgenossen" sagt Maurice Maggi, der seit Jahren mit seinen wilden Bepflanzungen Zürich zum Blühen bringt. Der schweizerische "Samenspender" ist einer der Protagonisten in "Wild Plants“ von Nicolas Humbert. Der Dokumentarfilmer unternimmt eine filmische Forschungsreise zu Menschen, die die Konsumgesellschaft satt haben und in der Natur nach neuen Formen des Zusammenlebens suchen. Wie die urbanen Gärtner in der Industriestadt Detroit, der indianische Philosoph Milo Yellow Hair auf der Reservation von Pine Ridge oder die innovative Landbau-Kooperative der "Jardins de Cocagne" in der Nähe von Genf. Es geht um den Garten als Sinnstifter, den Direktvertrieb von Gemüse, die Nähe als Form von Widerstand, das politische Potential von gedanklichem und botanischem Wildwuchs, die poetische Kraft von Pflanzen, den ewigen Zyklus von Leben und Tod und: um den Trost, den Kompost spenden kann. "Wild Plants" - ab 12. Januar 2017 in den Kinos. Hier geht es zum Interview mit Nicolas Humbert.

Tipp: "Wild Plants" läuft am Samstag, 14.1. um 18 Uhr im Berliner fsk Kino am Oranienplatz. Nach der Filmvorführung wird es ein Publikumsgespräch mit Regisseur Nicolas Humbert geben.

"Manchester by the Sea"

Casey Affleck erobert Hollywood

Jetzt steht der Golden Globe-Gewinner im Rampenlicht: Casey Affleck, der kleine Bruder von Superstar Ben Affleck. In vielen Filmen wirkte er bereits mit - doch der große Durchbruch klappte bisher noch nicht so richtig. Jetzt startet Casey Affleck durch - in Kenneth Lonergans neuem Film "Manchester by the Sea". Affleck spielt darin einen schweigsamen Einzelgänger, gebeutelt von seiner tragischen Vergangenheit. In ruhigen, starken Bildern erzählt Regisseur Lonergan wie es ist, wenn normalen Menschen schier Unfassbares widerfährt und sie mit unlösbaren Problemen konfrontiert werden. Ehrlich, schonungslos - und, ja, unamerikanisch. Affleck und Lonergan packen den Zeitgeist an der Gurgel, schütteln ihn durch und offenbaren: es gibt Dinge im Leben, die man ertragen muss. Oscarverdächtig.

Die Grande Dame des Cembalo

Zuzana Ružicková wird 90

Zuzana Ružicková überlebte drei Konzentrationslager und es war wohl ein Takt von Johann Sebastian Bach, notiert auf einen Zettel, der ihr das Leben rettete. Ružicková ist eine Legende - nicht nur als Mensch mit einer unglaublichen Lebensgeschichte, sondern auch als Musikerin und Cembalistin. Doch kaum einer weiß das. Sie beschäftigte sich schon früh mit der historischen Aufführungspraxis und Bach, doch andere Spielweisen, wie die von Gustav Leonhardt, setzten sich zunächst durch. Heute weiß man allerdings: Zuzana Ružicková hatte Recht mit dem, wie sie Bach spielte - und das schon vor fast 50 Jahren. Fachleute bezeichnen sie daher gerne als "Mrs Bach". Ihre Karriere hätte international sein können, wenn das kommunistische Regime der damaligen Tschechoslowakei sie nicht an Auslandsreisen gehindert hätte. Doch das waren nicht die einzigen Stolpersteine, die man ihr in den Weg legte: Schon beim ARD-Wettbewerb 1956 in München wollte der berühmte Rafael Kubelick keine "kommunistische Musikerin" mit seinem Orchester begleiten. Sie spielte Bendas Cembalo-Konzert im Finale also ohne Begleitung und das so furios, dass sie den ersten Preis des Wettbewerbs gewann. Ein Dokumentarfilmer arbeitet zurzeit an ihrer Geschichte ("Zuzana - Music is life"). aspekte hat Zuzana Ružicková kurz vor ihrem 90. Geburtstag in Prag besucht.

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