aspekte vom 14. Juli 2017

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - aspekte vom 14. Juli 2017

U.a.: Liu Xiaobo: Kämpfer für Demokratie und Menschenrechte, Linksautonome und die Gewaltfrage - Nach den Ausschreitungen in HH, Weltraumabenteuer "Valerian" - Verfilmung einer Comic-Legende, Gast: Schorsch Kamerun, Musik: Mando Diao

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 13.07.2018, 23:59

Widerstand ohne Hass

Trauer um Liu Xiaobo

"Ich habe keine Feinde und keinen Hass." Das sagte einer, der sein Leben dem Einsatz für Demokratie, Menschenrechte und Toleranz in China verschrieben hatte und dafür Berufsverbot, Zwangsarbeit und langjährige Haft erdulden musste. Liu Xiaobo - Intellektueller, Bürgerrechtler und führender Kopf der demokratischen Kräfte in China - ist gestern im Alter von 61 Jahren in einem Pekinger Krankenhaus gestorben. Er litt an Leberkrebs im Endstadium und war erst kürzlich aus der Haft in die Klinik verlegt worden.

Liu Xiaobo war 2009 wegen "Untergrabung der Staatsgewalt" zu elf Jahren Gefängnis verurteilt worden. Er hatte ein Manifest veröffentlicht, in dem er einen "freien, demokratischen und verfassungsmäßigen Staat" einforderte. 2010 wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen - für "seinen langen und gewaltlosen Kampf für fundamentale Menschenrechte in China" aus. Sein leerer Stuhl bei der Preisverleihung war Symbol für die Unterdrückung in seinem Land. aspekte spricht unter anderem mit Liu Xia, der seit 2010 unter Hausarrest stehenden Ehefrau Xiaobos, und mit Künstler Ai Weiwei über einen unbeugsamen Kämpfer für die Liebe und gegen den Hass.

Linksautonome und die Gewaltfrage

Nach den Ausschreitungen in Hamburg

Wie steht die politische Linke zur Gewalt? Die Frage stellt sich nach den Chaos-Tagen von Hamburg. Die Straßenschlachten taugen auch nach der Aufräumaktion Hamburger Bürger weiter zum politischen Schlagabtausch. Hat der Staat zu lange bei der linken Gewalt weggesehen, fragen konservative Kreise. Wie distanziert man sich richtig von vorgeblich linken Krawallmachern - darum ringen nun SPD, Grüne und Linke. Wo kommen all die Wut und Gewalt her? Wie gut vernetzt ist die linke Szene? Was wäre, wenn rechte Chaoten sich so aufführten? Selten waren die Linien so unüberschaubar wie heute, kurz nach dem G20-Gipfel.

Türkei - Ein Jahr nach dem Putsch

Die vergessenen Gefangenen

Ein Jahr nach dem Putschversuch herrscht in der Türkei immer noch der Ausnahmezustand. Und auch die Hexenjagd gegen Andersdenkende geht weiter. 150.000 Menschen wurden per Dekret entlassen, mehr als 50.000 ins Gefängnis gesteckt. Erst letzte Woche wurden die Direktorin der türkischen Amnesty International-Sektion, İdil Eser, und neun weitere Menschen bei einem Menschenrechtsseminar festgenommen - unter ihnen auch ein Deutscher. Vor fünf Wochen war bereits der Leiter der AI-Sektion Türkei, Taner Kılıç, verhaftet worden. Neben Deniz Yücel und Meşale Tolu sitzen 159 Journalisten und Medienmitarbeiter, zwölf Abgeordnete und Hunderte von Akademikern im Gefängnis. "Es ist unmöglich, in der Türkei noch von Meinungsfreiheit und Pressefreiheit zu sprechen", sagt Kemal Kılıçdaroğlu, der Vorsitzende der Oppositionspartei CHP, der in den letzten Wochen den "Marsch der Gerechtigkeit" angeführt hat. Die Türkei sei eine Diktatur, es gebe keine unabhängige Justiz und Gerechtigkeit mehr. Doch ist die CHP erst aufgewacht, als der erste Abgeordnete aus ihren eigenen Reihen verhaftet und zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Noch im Mai 2016 hatte die CHP für eine kollektive Aufhebung der parlamentarischen Immunität gestimmt und zugesehen, wie zehn Abgeordnete der prokurdischen HDP in Untersuchungshaft kamen. Für deren Vorsitzenden Demirtaş fordert die Staatsanwaltschaft 142 Jahre Haft.

Der Mangel an Gerechtigkeit ist inzwischen für rund 75 Prozent der Türken ein Problem, wie Umfragen ergeben haben. Auch viele AKP-Anhänger sagen mittlerweile, dass man der türkischen Justiz nicht mehr trauen kann. Aber nach dem knapp mit Ja ausgegangenen Referendum beeindrucken Erdogan bisher weder innertürkische noch internationale Proteste. Einer der absurdesten Fälle unter den inhaftierten Journalisten ist der von Ahmet Şık. Der berühmteste Investigativ-Journalist des Landes verbrachte bereits 2011 13 Monate im Gefängnis. Damals hatte er das angeblich "gefährlichste Buch des Landes" verfasst. Şık schildert darin, wie die religiöse Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen Polizei und Justiz in der Türkei unterwanderte. Damals waren Gülen und Erdogan noch Bündnispartner. Dieses Mal wird ihm vorgeworfen, Propaganda für die Gülen-Bewegung, die PKK und die linksgerichtete Organisation "Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C)" gemacht zu haben. Am 24. Juli beginnt das Gerichtsverfahren gegen ihn und ein Dutzend weitere Mitarbeiter der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet". Seine Ehefrau Yonca Verdioğlu Şık berichtet von den Haftbedingungen ihres Mannes in Silivri. In einem Gefängnis in Ankara sitzen die Literaturdozentin Nuriye Gülmen und ihr Mitstreiter Semih Özakça in Haft. Beide Akademiker hatten wochenlang öffentlich gegen ihre Entlassung aus dem Staatsdienst protestiert und sind seit dem 11. März im Hungerstreik. In der Nacht zum 22. Mai wurden sie verhaftet, wegen "Störung der öffentlichen Ordnung" und "Propaganda für eine Terrororganisation". Ihnen drohen bis zu 20 Jahre Haft. Doch die beiden wollen "bis zum Ende" gehen, fordern weiter ihre Wiedereinstellung und hungern weiter – inzwischen mehr als 120 Tage. Ihr Anwalt sowie Semih Özakças Ehefrau und Mutter berichten vom kritischen Gesundheitszustand der beiden. Sie hungerten nicht nach Essen, sondern nach Gerechtigkeit.

Gast und Musik im Studio

Im Gespräch: Punklegende Schorsch Kamerun zu den Krawallen in Hamburg; Auf der aspekte-Bühne: Mando Diao mit "All The Things"

Weltraumabenteuer "Valerian"

Verfilmung einer Comic-Legende

Mit seinem neuen Film "Valerian - Die Stadt der tausend Planeten" macht Regisseur Luc Besson ("Das fünfte Element", "Lucy") dem SciFi-Comic Actionwahn in Hollywood Konkurrenz: Schauplatz ist das 28. Jahrhundert. Valerian und Laureline sind Spezialagenten der Regierung der menschlichen Territorien, die für Recht und Ordnung im gesamten Universum verantwortlich sind. Intergalaktische Welten, monströse Aliens und natürlich atemberaubende Actionsequenzen sind Teil dieses schillernden Universums. Mit einem Budget von 197 Millionen Dollar und einem Stab von 1.200 Mitarbeitern startet am 20.Juli die teuerste europäische Filmproduktion aller Zeiten in den deutschen Kinos. Aber warum bringt das alles ein gewisses Déjà-vu-Gefühl mit sich? Die Genialität von Star Wars und Avatar ist eigentlich alles andere als originell – abgegriffen wurden die Ideen, Themen und Konzepte von einer französischen Comicbuchreihe von Jean-Claude Mézières und Pierre Christin. Ihre Serie "Valerian und Veronique" hat mit bisher 23 Bänden in vielen Ländern inzwischen Kultstatus und beeinflusste seit 1967 die Lese-und Sehgewohnheiten von Generationen von Filmemachern und Illustratoren. Über die Macher und ihre phantastischen Welten - an denen sich Hollywood seit Jahrzehnten bereichert.

Die Künstlerin Katharina Sieverding

Die Frau, die Kunstgeschichte schrieb

Facettenreich ist eine Floskel, die bei Künstlerinnen und Künstlern gern angewendet wird. Bei Katharina Sieverding trifft dieses Attribut den Kern. Sie ist eine Grande Dame der deutschen Kunst. Mehrere documentas, Biennalen von Venedig, ungezählte Ausstellungen, der Goslaer Kaiserring und jetzt noch der Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste in Berlin - eine pralle Künstlerinnenbiographie. Das Erstaunliche bei Sieverding: Sie eroberte selbstbewusst mit Fotografie, die in den 60ern erst populär wurde, das Feld der Kunst. Mit den Themen Identität, Feminismus und Politik. "Deutschland wird deutscher“ ließ sie in den 90ern in deutschen Städten plakatieren, mit Motiven, die auf Fremdenhass anspielten. Sieverding zeigt immer wieder ihr eigenes Konterfei in monumentalen Serien und überlagert es mit tagesaktuellen, politischen und wissenschaftlichen Bildern. Ihre Bildkompositionen kriegt man nicht so schnell aus dem Kopf. Ein Besuch im Universum einer beeindruckenden Künstlerin.

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