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aspekte vom 20. Juli 2018

Kultur | aspekte - aspekte vom 20. Juli 2018

Themen, u.a.: Der Bob Dylan des Ostens: "Gundermann" - Der neue Film von Andreas Dresen. Gast: Andreas Dresen. Edi Rama, albanischer Künstler und Regierungschef. "No Man's Land" von Francisco Cantú. Live: Das Emil Brandqvist Trio aus Schweden

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 19.07.2019, 23:59

Albaniens malender Ministerpräsident

Edi Rama über Kunst und Politik

Gewiss, die knallroten Socken, mit denen er vor bald 20 Jahren als Bürgermeister Tiranas manchen Ratsherren schockte, hat er abgelegt. Künstler aus Passion und mit Erfolg - er hat auf den Biennalen in Venedig und São Paulo und auch in der Tate Gallery ausgestellt - ist Edi Rama aber geblieben, auch wenn der 53jährige mittlerweile Ministerpräsident Albaniens ist: der - wie ein Kollege vom „Freitag“ zutreffend schrieb - „vielseitigste Regierungschef der Welt.“ Zweimetermann Rama, in den 1990 Jahren Bürgerrechtler des demokratischen Aufbruchs gegen die stalinistische Diktatur und längst überzeugter Europäer, hat in der Basketball-Nationalmannschaft der kleinen Mittelmeer-Republik gespielt, wurde 1996 zum Kultusminister seines Landes ernannt und anno 2000 zum Bürgermeister Tiranas gewählt. Der Politiker mit ästhetischen Visionen reformierte und begrünte die einst trostlose Metropole. Seit 2013 ist er Ministerpräsident seines Landes, wurde im vergangenen Jahr mit komfortabler Mehrheit wiedergewählt und begreift sich doch noch immer als Künstler. Seine Amtsstube ist - wohl weltweit einmalig - zugleich sein Atelier. Hier wird gemalt, hier werden Skulpturen entworfen. Selbst die Blätter seines Tageskalenders macht Rama zu bunten Tuschzeichnungen, die bei seinem Berliner Galeristen begeisterten Absatz finden. Ein Mann mit Visionen und Hang auch zur Selbstdarstellung.

Andreas Dresen über Gundi Gundermann

Der singende Baggerfahrer der DDR

Man nannte ihn den „Dylan des Tagebaus“, den „Rio Reiser des Ostens“ und den „singenden Baggerfahrer“: der ostdeutsche Liedermacher Gerhard „Gundi“ Gundermann. Ihm widmet Regisseur Andreas Dresen seinen neuen Spielfilm „Gundermann“, kongenial verkörpert von Alexander Scheer, der alle Lieder im Film selbst singt. Gundermann verkaufte zehntausende von Platten – obwohl er von seiner Musik hätte leben können, wollte er seine Schichtarbeit im Lausitzer Tagebau nicht aufgeben. Nach Konzerten fuhr er zur Frühschicht ins Revier. Der Rhythmus der Schaufelräder inspirierte ihn – und er wollte von „echter Arbeit“ leben, um nicht von der kommerziellen Vermarktung seiner Lieder abhängig zu sein. Er war überzeugter Kommunist, Idealist und Querdenker: wollte den Sozialismus verändern und übte immer wieder Kritik an Parteifunktionären. Als dann 1995 herauskam, dass er 8 Jahre IM bei der Stasi war, beschönigte er nichts. Redete sich auch nicht damit heraus, dass er dann selbst bespitzelt und behindert wurde. Sein Publikum verzieh ihm. Andreas Dresen beeindruckt die Ehrlichkeit, mit der Gundermann auf die Leute zuging, die er bespitzelt hatte. „Oft wird von denen, die im Osten gelebt haben, erwartet, sie sollten sich gefälligst für ihre Biografie entschuldigen. Weil sie meinen, einem selbst wäre das garantiert nicht passiert. Wer aber wirklich ehrlich ist, wird merken, wie leicht man sich verstrickt.“ Mit seinen Songs über niedergehende Industriereviere, Leben und Sterben, einfache Alltagsgeschichten, Umwelt, Arbeitslosigkeit wurde Gundermann im Osten populär, während er im Westen Deutschlands nahezu unbekannt blieb. Gundermann singt oft von dieser verlorenen Welt, von einem abhanden gekommenen Land, von Abschied und Verlust. Kein anderer Liedermacher hat nach der Wende so genau beobachtet, was in den Seelen der Leute passiert ist. „Gundermann“ ist mehr als eine spannende ostdeutsche Biografie über den Poeten im Fleischerhemd, es ist ein Film über Heimat. Er blickt noch einmal neu auf ein verschwundenes Land.

Film: „Gundermann“, ab 23. August im Kino
Buch: „Gundermann. Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse. Briefe, Dokumente, Interviews, Erinnerungen“, Ch. Links Verlag, ersch. am 07.08.2018.
Konzerttour:  ab 13.08.18 mit Dresen, Prahl und Band mit Alexander Scheer.
CD: Alexander Scheer und Band: „Gundermann“, ab 23.08.18, BuschFunk

Gast und Musik im Studio

Andreas Dresen, Regisseur vom Film "Gundermann"
Quelle: dpa

Im Gespräch: Andreas Dresen
Deutungshoheit über Ost-Biographien

Emil-Brandqvist-Trio
Quelle: Emil-Brandqvist-Trio by Steven Haberland

Auf der aspekte-Bühne:
Lichtdurchfluteter Sommerjazz
Das Emil Brandqvist Trio aus Schweden mit "Du haller min hand"

Leben an der mexikanischen Grenze

Eine literarische Reportage

Einen Selbstversuch der zu Literatur wird, unternahm der US-Amerikaner Francisco Cantú, als er nach seinem Literaturstudium zur US-Border-Police ging. Sofort wurde er an der amerikanisch-mexikanischen Grenze eingesetzt um Drogenkuriere und Migranten abzufangen. Cantú, der selbst mexikanische Wurzeln hat, beschreibt in seinem literarischen Erfahrungsbericht „No Man‘s Land“ wie er zunehmend vom Dienst an der Grenze innerlich aufgefressen wird. Langsam aber unaufhaltsam verliert er seine Emphatie-Fähigkeit, bemerkt, wie er Migranten auch sprachlich zu „Illegalen“ kriminalisiert und den Blick für das tägliche menschliche Drama in der Wüste von Sonora verliert. Sein Bericht kontrastiert die überwältigende Naturerfahrung der Wüste mit seiner inneren Verrohung:

"Ich habe Angst, wollte ich flüstern.
Ich habe Angst, dass mich die Gewalt nicht mehr erschüttert."


Nach einigen Jahren beendet er seine Arbeit bei der Grenzpolizei und studiert wieder. Jetzt trifft er José, den seit 30 Jahren „illegalen“ Familienvater in einem Café in Tucson, Arizona. Dass aus dieser Freundschaft eine wahre Herausforderung wird, die grundsätzliche Fragen von Gehorsam und Zivilcourage aufwirft, ahnt er erst spät. „No Man’s Land“ erscheint am 23.7. bei Hanser. Wir besuchen Cantú in Arizona und sprechen mit Aktivistinnen von Migranten-Hilfsorganisationen.

Mitleidlose Gesellschaft?

Deutschland und die Flüchtlinge

Im Kino läuft in diesem Sommer Teil 2 von „Mamma mia!“ an: eine Hollywood-Schmonzette zum Soundtrack von Abba am Mittelmeer. Pausenlos sieht man auf die azurblaue See, auf überfüllte Schiffe, auf denen fröhliche Menschen tanzen. Vermutlich ahnt man in Hollywood nicht einmal, welche Assoziationen überfüllte Schiffe auf dem Mittelmeer bei Kinobesuchern in Europa auslösen. Dass viele bei diesen Bildern das Massengrab nicht ganz verdrängen können, zu dem das Mittelmeer geworden ist. Über 1400 Menschen sind allein in diesem Jahr ertrunken, weil sie übers Meer in eine bessere Welt wollten. Derweil verschärft sich die Sprache in der Flüchtlingsdebatte: Ein deutscher Minister gluckst fröhlich an seinem 69. Geburtstag, weil er 69 Menschen in die Hölle ihrer Heimat zurückschicken konnte. Eine besonders warmherzig wirkende Ministerin spricht von „Asyltourismus“, als drängten die Leute aus dem weiten Grenzgürtel südlich der EU, der durch US-Invasionen, anglo-französische Bombeneinsätze und stete deutsche Beihilfe komplett destabilisiert wurde, zum puren Vergnügen in den kalten Norden: als Touristen - wie in „Mamma mia!“ auf der Leinwand. Die Sprache in dieser „Flüchtlingskrise“, die in Wahrheit ein Versagen der Politik ist, verändert sich auf erschreckende Weise. Mitleid, Erbarmen, Empathie bleiben dabei auf der Strecke. Doch mit welchen Folgen? „aspekte“ sprach darüber mit der Linguistin Elisabeth Wehling, der Psychoanalytikerin Lilli Gast und der Historikerin Ute Frevert.

Zu schade zum Schreddern

Kaputte Kunstwerke in Köln

Ist das Kunst oder kann das weg? Die sprichwörtliche Frage ist Leitmotiv für die Axa Art, einem der größten Kunstversicherer weltweit: Was geschieht mit Bildern, die beim Transport kaputt gehen oder Skulpturen, die vom Sockel gestoßen werden? In einer Kölner Lagerhalle werden achtzig beschädigte Werke von weltberühmten Künstlern wie Gerhard Richter oder Giorgio de Chirico aufbewahrt, klimatisiert und alarmgesichert - keine Kunstwerke mehr, aber zu schade zum Schreddern. Die Versicherung zahlt die Lagerung in der Hoffnung, dass die Methoden der Restaurateure immer besser werden und manches, was heute als nicht restaurierbar gilt, in ein paar Jahren gerettet werden kann. Zudem haben auch kaputte Werke kulturellen Wert: Ohne sie wären die großen Museen zur Kunst der Römer oder Griechen fast leer.

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