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aspekte vom 23. Februar 2018

Katty Salié und Jo Schück berichten von den Berliner Filmfestspielen

Willem Dafoe mit dem Ehrenbären der Berlinale 2018

Kultur | aspekte - aspekte vom 23. Februar 2018

U.a.: Reichtum als Ideal? Von Träumen und Abstürzen; Soderbergh über Wahrheit und Wahn - Der amerikanische Thriller "Unsane"; Leinwandstar Idris Elba als Regisseur - Einwandererkrimi "Yardie"; Ehrenbär für Willem Dafoe - Verwandlungskünstler ohne Tabus

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Reichtum als Ideal?

Von Träumen und Abstürzen

Kim Kardashian fotografierte sie schon, als die gerade mal zwölf Jahre alt war. Damals begann die Fotografin und Anthropologin Lauren Greenfield, die Kinder der Stars und Reichen in Los Angeles abzulichten. Heute, 25 Jahre später, ist die Jugendkultur Hollywoods längst zum gesamtgesellschaftlichen, ja globalen Phänomen geworden: Das Streben nach Reichtum um jeden Preis erfasst alle Generationen, Schichten und Länder – mit zum Teil dramatischen Konsequenzen. Greenfields Dokumentarfilm "The Generation Wealth" legt davon eindrücklich Zeugnis ab. Tragisch: Während "Reich-Sein" zunehmend zum gesellschaftlichen Ideal und einzigen Lebensziel wird, ist selbst bescheidener Wohlstand für immer weniger Menschen erreichbar, denn die Kluft zwischen Arm und Reich wächst weltweit und stetig. Das andere Ende der Skala zeigt auf dieser Berlinale "Draußen" (Regie: Johanna Sunder-Plassmann und Tama Tobias-Macht), eine dokumentarische Annäherung an vier Obdachlose in Deutschland. Erstaunlich: Obwohl sie nichts besitzen, haben sie doch - anders als viele Protagonisten in Greenfields Film - eines nicht verloren: ihre Würde.

Soderbergh über Wahrheit und Wahn

Der amerikanische Thriller "Unsane"

Claire Foy in "Unsane"
Claire Foy in "Unsane"
Quelle: Twentieth Century Fox

Außer Konkurrenz läuft der Wettbewerbsfilm von Oscarpreisträger Steven Soderbergh: der Psychothriller "Unsane". Nach seiner Räuberkomödie "Logan Lucky" (2017) und verschiedenen TV-Produktionen wechselt der 55-jährige Regisseur nun ins Horror-Genre. Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die gegen ihren Willen in einer Psychiatrie festgehalten wird. Dort begegnet sie ihrem Stalker, vor dem sie eigentlich in ein neues Leben geflohen ist. Aber ist das, was sie sieht, Wirklichkeit oder Einbildung? Das Besondere: Steven Soderbergh hat den kompletten Film mit dem iPhone gedreht. Er sieht darin nicht weniger als die Zukunft des Filmemachens. Im Laufe seiner Karriere hat der Regisseur immer wieder mit neuen Technologien experimentiert. Seine jüngste Serie "Mosaic" (HBO) entwarf er als interaktive App fürs Handy, in der die Nutzer zwischen verschiedenen Perspektiven wählen können. Soderbergh nutzt die Technologie aber nicht nur der Innovation wegen. In "Unsane" verstärken die iPhone-Bilder das beängstigende Gefühl der Hauptfigur, überallhin verfolgt zu werden.

Terror in Echtzeit

Anschlag auf Utøya als Film

Der Film "Utøya 22. juli" ist vor einer Woche fertig geworden und vom Schneidetisch in letzter Minute direkt in den Wettbewerb der Berlinale gekommen. "Utøya 22. juli" kommt aus Norwegen – und ist Terror auf der Leinwand. Utøya heißt die kleine Insel, auf der vor sieben Jahren 69 Kinder und Jugendliche in einem Sommerlager der norwegischen Arbeiterjugend von einem rechtsradikalen Extremisten erschossen wurden. Der Name des Mörders wird im Film bewusst nicht genannt, der Film konzentriert sich ganz auf die Opfer. 72 Minuten lang dauerte das Massaker damals im Juli 2011, bis endlich Hilfe kam nach Utøya. 72 Minuten lang waren die jungen Leute völlig allein gelassen, Freiwild für einen brutalen Killer in Polizei-Uniform. Diese 72 Minuten hat der Regisseur Eric Poppe jetzt in einer einzigen Kamera-Einstellung eingefangen - 72 Minuten aus der Sicht eines jungen Mädchens auf Utøya. Andrea Berntzen, Hauptdarstellerin in "Utøya", sagte am Sonntag auf der Berlinale-Pressekonferenz: "Ich habe als Schauspielerin in diesem Film gemerkt, was ich alles nicht weiß über dieses Massaker: Dass die jungen Leute, die unsere Aufmerksamkeit und unsere Unterstützung am meisten gebraucht hätten, in Vergessenheit geraten sind, weil sich alles um den Mann drehte, der das alles angezettelt hat. Ich fand das falsch und dachte, dass wir uns wirklich um die Opfer kümmern sollten und deshalb wollte ich diese Rolle gern spielen." Der Film soll in den nächsten Wochen erst einmal Überlebenden und den Familien der Toten in Norwegen gezeigt werden, bevor Schnipsel im Fernsehen oder im Internet herumgeistern. Immerhin konnten die Berlinale-Besucher "Utøya 22. juli" jetzt schon im Wettbewerb sehen. Eine extreme, verstörende Erfahrung. Und sicher wird, insbesondere in Norwegen, darüber diskutiert werden, ob man dieses furchtbare Ereignis so zeigen sollte. Dazu Regisseur Eric Poppe: "In gewisser Weise ist es auch eine Art Heilungsprozess: sich diesen Film anzusehen, auch die Wut zu spüren. Vor allem aber drückt der Film ihre Geschichte aus. Was die jungen Leute damals gefühlt haben, ist ja oft nicht in Worte zu fassen. Das ist vermutlich der Vorteil eines Films. Der kann das erzählen."

Marie Bäumer spielt Romy Schneider

Seelenstriptease einer Ikone

"Im Moment bin ich ganz kaputt", bilanziert Romy Schneider ihr Leben in Quiberon, einem bretonischen Seebad. Hier will sie sich erholen, vom Alkohol, den Tabletten, ihrem anstrengenden Leben als Filmstar und ihren Tragödien im Privaten. 60 Filme, internationaler Ruhm, ein Weltstar, dessen Aufstieg schon als Kind begann. Doch privat zerbricht ihr vermeintliches Glück immer wieder: ihr geschiedener Mann nimmt sich das Leben, Alain Delon verlässt sie, ihr zweiter Ehemann will nicht nur ihr Geld, sondern auch das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter. Ein Leben zwischen beruflichen Höhenflügen und privaten Dramen. Stern-Reporter Michael Jürgs und der Star-Fotograf Robert Lebeck begleiten sie – 3 Tage in Quiberon. Eine Begegnung bislang nicht erreichter Intensität, so nah war Romy Schneider vorher niemand. Offen und ungeschützt entblößt sie ihre Seele. Die Regisseurin Emily Atef inszeniert diese Tage: ein Kammerspiel in Schwarz-Weiß, mit einer Hauptdarstellerin, Marie Bäumer, die einen die Zerrissenheit Romy Schneiders so intensiv spüren lässt, dass man viele Augenblicke lang vergisst, dass es nicht Romy ist, der wir im Film begegnen.

Ehrenbär für Willem Dafoe

Verwandlungskünstler ohne Tabus

"Die Leute, die mich eigentlich als den typischen bad guy sehen, haben wohl einfach nur bestimmte Filme gesehen - und andere nicht. Daran störe ich mich aber nicht." Well, die Auswahl ist ja auch groß. In mehr als 100 Filmen hat er mitgewirkt, und die Bandbreite ist in der Tat beeindruckend. "Wild at Heart", "Antichrist", "Mississippi Burning", "Spider Man", "Der englische Patient" ... üble Kreaturen, Fieslinge, undurchschaubare Typen, Kämpfer für Gerechtigkeit. Zuletzt eine Oscar-Nominierung für einen echten ‚guten Menschen‘ – einen Hausmeister in "The Florida Project", einem sozialen Brennpunkt Floridas. Willem Dafoe – unauslöschlich in Rollen der Filmgeschichte unter anderem mit dem längst ikonisch gewordenen Filmtod des Soldaten Elias in "Platoon". Eines seiner Markenzeichen ist die lückenhafte Reihe seiner Vorderzähne. Er findet sie großartig, wie überhaupt "gaps", Lücken, Offenheit, Unvorhersehbares. Das erläutert der Star, der in den 70ern mit freiem Theaterspiel in New York City begann, im Gespräch mit Katty Salié. Und – was für eine Stimme! Tief, ruhig, bestimmt, ein Fels. Nun also der Goldene Ehrenbär der Berlinale 2018. Der 62jährige nimmt das neben stolzer Freude auch mit ein wenig Verwunderung zu Kenntnis. Aber vielleicht kann man den "Preis für sein Lebenswerk" ja auch zweimal erhalten – dann, wenn er tatsächlich mal anfängt, ein wenig leiser zu treten. Die Berlinale verneigt sich. aspekte verneigt sich mit.

Leinwandstar Idris Elba als Regisseur

Einwandererkrimi "Yardie"

Er hat intellektuelle Gangster gespielt und geheimnisvolle Weltenretter, er war ein dunkler Wikingergott und Nelson Mandela. Doch keine Rolle war so prägend für Idris Elba wie die des Polizei-Ermittlers Luther. Der gebürtige Londoner Elba, Sohn afrikanischer Einwanderer, gab dem scharfsinnigen Detective über mehrere Staffeln eine düster brodelnde Intensität, die ihn aus der Masse der Krimiserien heraus und ihn auf die Superstar-Bühne hob. Katty Salié trifft Idris Elba, der in der Sektion "Panorama" auf der Berlinale sein Regiedebüt präsentiert: "Yardie" ist die Verfilmung eines Kultromans über die 80er Jahre. Jamaikanische Einwanderer-Gangs herrschen über den Drogenhandel und die Clubszene in den nicht so glitzernden Londoner Stadtvierteln. Eine Geschichte von Gewalt, Fremdheit und Aufstiegshoffnungen - durchwoben vom Reggae-Soundtrack der Zeit. Eine Ära und ein Milieu, dem sich Elba stark verbunden fühlt.

Entschleunigung im Kino

Geben und Nehmen von Zeit - 3 Wettbewerbsfilme im Check

Josef Mattes und Julia Zange in "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot"
Josef Mattes und Julia Zange in "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot"
Quelle: Philip Gröning

Was bekommen wir für die Zeit, die wir uns für einen Film nehmen? Thomas Stubers "In den Gängen", "In Zeiten des Teufels" von Regisseur Lav Diaz und Philip Grönings Film "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" - drei Wettbewerbsbeiträge von insgesamt neun Stunden Dauer provozieren die Frage: Große Kunst oder lange Weile? Kann ein guter Film Langeweile in Erkenntnis verwandeln?

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