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aspekte vom 23. März 2018

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - aspekte vom 23. März 2018

U.a.: Meisterfotograf Irving Penn - Psychoanalyse im Stehen; Kurden gegen Türken in Deutschland - Kulturschaffende zu dem Konflikt; Monika Maron über Angst vor Fremden - Roman "Munin oder Chaos im Kopf"; Leben mit Panikattacken - Buch "Rattatatam, mein …

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 22.03.2019, 23:59

Kurden gegen Türken in Deutschland

Kulturschaffende zu dem Konflikt

Nach den Anschlägen auf etliche türkische Einrichtungen bekennen sich im Internet linke radikale kurdische Jugendliche zu den Taten und rufen zu weiteren auf. Auch wenn die Täterschaft noch nicht geklärt ist: Der Kurdenkonflikt, der Deutschland schon längst erreicht hatte, wird hierzulande jetzt auch mit Gewalt ausgetragen. Auslöser ist die türkische Militäroperation gegen die kurdische Miliz YPG im syrischen Afrin. Ali Ertan Toprak, Bundesvorsitzender der Kurdischen Gemeinde, verurteilt die Angriffe auf's Schärfste. Die 1,2 Millionen Kurden in Deutschland sind mehrheitlich friedlich. Und doch empfinden die Meisten Frustration und Ohmacht angesichts der Lage der Kurden. Die Polarisierung zwischen Türken und Kurden nimmt seit der Aufkündigung des Friedensprozesses durch Präsident Erdogan im Jahre 2015 und der massiven Militäreinsätze im Südosten der Türkei gegen PKK und Zivilbevölkerung stetig zu. Mehr als 11.000 Mitglieder der demokratisch gewählten pro-kurdischen Partei HDP wurden festgenommen. Nicht nur der völkerrechtswidrige Angriffskrieg, die Einkesselung Afrins und die zivilen Opfer sorgen auch bei Kurden in Deutschland für Empörung. Auch der Einsatz deutscher Panzer und die jüngste Genehmigung deutscher Rüstungsgüterexporte an die Türkei machen sie wütend. Hatte doch Ex-Außenminister Gabriel noch im Februar versichert, dass seit Beginn der "Operation Olivenzweig" ein kompletter Exportstopp für die Türkei gelte. Darüber ärgert sich auch die kurdischstämmige Theaterregisseurin Mizgin Bilmen. Die Kurden, eben noch der wichtigste Verbündete der USA im Kampf gegen den IS und 2014 von der Bundesregierung für Mut und Tapferkeit bei der Rettung der Jesiden beglückwünscht, fühlen sich jetzt im Stich gelassen. Deutschland und die anderen NATO-Partner der Türkei schweigen. Wieder einmal fühlen sich die Kurden als Verlierer, zerrieben zwischen politischen Interessen. So führt das Vorgehen des Erdogan-Regimes zu Gewalt auch in Deutschland - auf beiden Seiten: der kurdischstämmige Politiker Hakan Tas wurde von türkischen Nationalisten in Kreuzberg verletzt, das Auto des kurdischstämmigen Fußballspielers Deniz Naki beschossen. Ein Stimmungsbild in der Woche des kurdischen Newroz-Festes am 21. März.

Leben mit Panikattacken

Buch "Rattatatam, mein Herz"

Die Panik hat uns im Griff: Verlustangst. Existenzangst. Versagensangst. Angst vorm Fliegen und grundlose Angst. Weltweit steigt die Zahl der Menschen, die sich mit Angststörungen in Behandlung begeben, rasant. In den USA haben laut New York Times Angststörungen die Volkskrankheit Depression abgelöst. Höchste Zeit darüber zu sprechen? Offenbar, denn es erscheinen gerade zahlreiche Bücher zum Thema. Die taz-Journalistin Franziska Seyboldt schildert in "Rattatatam, mein Herz" ihr Leben mit einer Angststörung, die sie seit ihrer Jugend begleitet und ihren Alltag zunehmend beeinflusst. Ein schonungsloses, offenes und doch zugleich unterhaltsames Buch. Ende 2017 hat Nicholas Müller, der Ex-Sänger der Band "Jupiter Jones", in "Ich bin mal eben wieder tot" seinen Kampf gegen die Angst und seinen daraus resultierenden Ausstieg aus der Band beschrieben. Der Rapper Casper hat in seinem aktuellen Album "Lang lebe der Tod" seine Selbstzweifel und Ängste erkundet – so intensiv, dass die angekündigte Veröffentlichung des Albums verschoben werden musste. Und das Journalisten-Schriftsteller-Ehepaar Alexa Hennig von Lange und Marcus Jauer zeichnet in "Keine Angst… ist auch eine Lösung" verschiedene Angst-Szenarien aus ihrem Leben auf, augenzwinkernd und damit enttabuisierend. Nachdem Niklas Luhmann die Angst schon Mitte der 80er zum Grundrauschen unserer durchrationalisierten Gesellschaft erklärt hat, stellt sich die Frage: Warum und wovor haben wir wirklich Angst? Angst, eigentlich evolutionsbiologisch eine sehr sinnvolle Emotion, scheint sich in unseren durchgetakteten und stressigen Leben massiv zu verbreiten. Werden Angststörungen, eigentlich eine klinische Krankheit, zu einer grassierenden Ängstlichkeit und damit zu einem Symptom unserer Zeit?

Buchtipps zum Thema Angst

Monika Maron über Angst vor Fremden

Roman "Munin oder Chaos im Kopf"

Monika Maron: "Munin oder Chaos im Kopf", Roman, S. Fischer Verlag
Quelle: S. Fischer Verlag

Warum haben Menschen ein starkes Gefühl von Bedrohung und Krise, während sie, neutral betrachtet, privilegiert und abgesichert sind? Weil sie fürchten, dass das angenehme Leben, das sie bisher nicht einmal besonders geschätzt haben, durch äußere Einflüsse in Gefahr ist. Das sagt Mina Wolf, die Protagonistin in Monika Marons Roman "Munin oder Chaos im Kopf". Mina Wolf, Journalistin in mittleren Jahren, verbringt den Sommer damit, einen Aufsatz über den Dreißigjährigen Krieg für die Festschrift einer westfälischen Kleinstadt zu schreiben. Eine verrückte Nachbarin, die jeden Tag von morgens bis abends auf ihrem Balkon schief und lauthals singt, bringt sie dazu, vornehmlich nachts zu arbeiten. Die kleine Straße im gutbürgerlichen Westen Berlins gerät durch dem ständigen Gesang in Aufruhr und in Minas Kopf vermischen sich der Dreißigjährige Krieg, die täglichen Horrormeldungen über Krieg und Terror mit der anschwellenden Aggression in der Nachbarschaft zu einer düsteren Endzeitstimmung. All das bespricht sie mit einer überraschenderweise der menschlichen Sprache mächtigen Krähe, die sie zunächst nur füttert, mit der sie sich aber bald in regelmäßigem Zwiegespräch auch über die großen Fragen der Menschheit auseinandersetzt. Mina nennt die Krähe "Munin". Eine Debatte hat Marons Roman ausgelöst, weil beispielsweise Mina Wolfs ziemlich handfeste Angst vor einem radikalen Islam und die Angst vor zu vielen jungen einwandernden Männern eine Entsprechung in zahlreichen Artikeln und Essays findet, die Maron seit einigen Jahren verfasst und in denen sie sich dezidiert politisch äußert. Angela Merkel, deren Flüchtlingspolitik sie heftig ablehnt, sei eine Vampirin, die dem parlamentarischen System das Blut aussauge, sie fürchte, angesichts der zunehmenden Anzahl von kopftuchtragenden Muslimas, dass ihre eigene (nicht-muslimische) Enkelin eines Tages ebenfalls ein Kopftuch tragen müsse. Macht sich Maron damit zum Sprachrohr der AfD-nahen neuen Rechten? Schaden ihre politischen Ansichten ihrem Roman, der von Literaturkritikern für seine stilistische Leichtigkeit, seine Eleganz und seinen Witz gelobt wird?

Gast und Musik im Studio

Im Gespräch: Die Schriftstellerin Monika Maron

Elise LeGrow
Elise LeGrow Quelle: bmg

Auf der aspekte-Bühne: Elise LeGrow mit "Going back where I belong"

Meisterfotograf Irving Penn

Psychoanalyse im Stehen

Irving Penn - ein Fotograf, der Picasso und Marlene Dietrich genauso ins Bild gesetzt hat wie Zigarettenkippen oder ein Kleid von Balenciaga. Penn war ein herausragender Lichtbildner und hat 70 Jahre lang die Modefotografie in den USA geprägt. Seine Motive wirken wie vom Licht gestreichelt und haben die Würde von klassischen Skulpturen. Egal, ob er einen Titel für die Vogue fotografierte oder Götterspeise für die Werbung. Das Gegenteil von Anpassung war sein Motto. Sehr reduziert das Studio-Setting, meist vor einer schlichten Leinwand oder in einfachen Kulissen, die nicht schmeichelfhaft waren für Berühmtheiten wie Yves Saint Laurent, Audrey Hepburn oder Miles Davis. Penn hat wie andere große US-Fotografen - Alfried Stieglitz, Edward Steichen oder Edward Weston - Fotografie als Kunst etabliert. Und das aus einem sehr kommerziellen Hintergrund heraus: Egal, ob er ein Stilleben als Werbefoto inszenierte oder Berber in Marokko - Penn präparierte das Wesen der Dinge in berauschend einfachen Kompositionen heraus. Die Galerie C/O Berlin zeigt nun eine große Penn-Retrospektive.

Prix Goncourt für Éric Vuillard

Opportunismus unter Hitler

Éric Vuillard: "Die Tagesordnung", Roman
Matthes & Seitz Verlag

Berlin, 20. Februar 1933. Im Palais des Reichstagspräsidenten Hermann Göring findet ein Geheimtreffen statt. Mehr als 20 der mächtigsten Industriebosse Deutschlands sind gekommen, und Adolf Hitler erklärt ihnen, dass er für seinen Wahlkampf ihre Gelder braucht. Die Bosse versprechen sich Profit und spenden freigiebig. Fast zwei Millionen Reichsmark kommen für die NSDAP zusammen. Nach dem Treffen gehen zunächst alle wieder zur Tagesordnung über. Mit dieser Szene beginnt der Roman "Die Tagesordnung", für den Éric Vuillard im vergangenen Jahr den wichtigsten Literaturpreis Frankreichs, den Prix Goncourt, erhalten hat. Vuillards poetisches (teilweise auch komisches) Buch, komponiert aus einzelnen Szenen, gibt einen ungewöhnlichen und intimen Blick ins Innere des Dritten Reichs frei. Er entlarvt Mechanismen, die Hitler zu immer mehr Macht verhalfen. Und ohne, dass Vuillard es ausdrücklich sagt, weiß der Leser: diese Mechanismen wirken noch immer. "Die Tagesordnung" erscheint Ende März auf Deutsch. aspekte trifft Éric Vuillard in seiner Heimatstadt Rennes und fragt unter anderem, warum der zentrale Satz des Buches - "Die Welt gehorcht dem Bluff" - bei weitem nicht nur für die Dreißiger Jahre gilt.

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