aspekte vom 24. November 2017

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - aspekte vom 24. November 2017

In wie vielen Deutschlands leben wir? Keine Gesellschaft, nur noch Milieus; Schlafen ist der neue Sex - Absurditäten um Allnächtliches; Der Goldene Handschuh in Hamburg - Heinz Strunks Roman auf der Bühne; Live: Little Dragon

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 23.11.2018, 23:59

Opposition ist geil

Von der neuen Lust am Nicht-Regieren

"Opposition ist Mist" - der Satz von Franz Müntefering scheint sich in diesen Tagen ins Gegenteil verkehrt zu haben. Die Zeiten, als Parteien unbedingt mitregieren wollten, sind offensichtlich vorbei: man prügelt sich sinngemäß schon um die Plätze auf der Oppositionsbank. "Mitregieren – nein, danke!" heißt es gerade nicht nur von der FDP. Ist Macht derart unattrakiv geworden? Was sind die Chancen für Parteien in der Opposition? Die Geschäftsordnung des Bundestages erwähnt den Begriff noch nicht einmal. Was bedeutet er überhaupt und was sind die historischen Erfolge von Opposition? aspekte spricht mit Historiker Andreas Rödder, der langjährigen Bundestagspräsidentin Antje Vollmer, mit Gregor Gysi und dem Satiriker und EU-Abgeordneten der "Partei" Martin Sonneborn über das Phänomen "Opposition".

In wie vielen Deutschlands leben wir?

Keine Gesellschaft, nur noch Milieus

Angela Merkels Führungsstil ist berühmt-berüchtigt: das Abschleifen von Ecken und Kanten, pragmatische Problembewältigung, eine Politik des Ausgleichs und der Balance. Doch nun, sagt der Kasseler Soziologe Heinz Bude, kommt dieser Führungsstil an sein Ende. Wie in anderen Ländern auch, betonen die politischen Parteien in Deutschland wieder mehr ihr politisches Profil und ersetzen Pragmatismus durch Programmatik. Doch warum geschieht das? Und auf was für eine Gesellschaft, auf was für Wähler trifft die politische Elite der Republik? Bude betont, dass es Deutschland wirtschaftlich hervorragend geht. Doch zugleich drifte die Gesellschaft immer mehr auseinander: Das Grundversprechen der Bundesrepublik, Wachstum erzeuge Wohlstand für alle, der sogenannte "Trickle Down Effekt", gilt nicht mehr. Wir sprechen mit Heinz Bude über die Lage einer verunsicherten Mittelschicht, in der breite Teile Angst vor Statusverlust haben - zum Beispiel in den Städten unter Gentrifizierungsentwicklungen leiden, während eine neu entstandene Unterschicht mit knapp 1000 Euro netto über die Runden kommen muss und die Konkurrenz von Arbeitsmigranten im Billiglohnsektor fürchtet. Die AfD versucht nun, diese Menschen mit ihren stark unterschiedlichen Interessen als Wähler zu gewinnen, unter anderem mit einem Versprechen, die Bezugszeiten für das Arbeitslosengeld zu verlängern. Die AfD macht das, wie Bude sagt "wahnhafte" Versprechen, sowohl sozial wie auch kulturell wieder "Raum exklusiver Solidarität" herzustellen. Diesem Programm stehen Teile der Mittelschicht gegenüber, die kosmopolitische Werte vertreten und zu den Gewinnern der Globalisierung zählen. Hinzu kommt eine Oberschicht, die ihr Geld auf Paradiesinseln vor dem Fiskus versteckt. Wir sprechen mit Bude darüber, was diese stark segmentierte deutsche Gesellschaft noch verbindet und welche Auswirkungen dies auf die politische Stabilität der Republik hat.

Gast und Musik

Little Dragon
Little Dragon Quelle: Ibrahim Kamara

Gesprächsgast: Soziologe Heinz Bude; Live: Little Dragon mit "Sweet". Und exklusiv für aspekte-online: "Style".

Der Goldene Handschuh in Hamburg

Heinz Strunks Roman auf der Bühne

Es geht um nicht weniger als den berühmt-berüchtigten Serienmörder Fritz Honka, der in den 70er Jahren auf der Reeperbahn sein Unwesen trieb. Genauer gesagt: Darum, wie er seine Opfer in der Absturzkaschemme "Zum Goldenen Handschuh" aufgabelte und sie mit zu sich nach Hause nahm. Vier von ihnen hat er zerstückelt und einbetoniert. Ihre Leichenteile wurden zufällig bei einem Brand in Honkas Wohnung ans Tageslicht befördert. Honka, der geistig und körperlich stark beeinträchtigte Mörder, wird als unzurechnungsfähig in die geschlossene Psychatrie eingewiesen. Heinz Strunk, Erfolgsautor ("Fleisch ist mein Gemüse"), festes Mitglied der Truppe "Studio Braun" und von Zeit zu Zeit auch Gast im "Goldenen Handschuh", taucht in seinem Roman "Der goldene Handschuh" tief ins Milieu des Kiezes ein und zeichnet ein psychologisch sehr aufschlussreiches Sittengemälde derjenigen Menschen, die schon alles verloren haben, aber sich ihre Würde nicht nehmen lassen. Sein Roman war für den Leipziger Buchpreis nominiert – jetzt hat ihn "Studio Braun" im Schauspielhaus Hamburg auf die Bühne gebracht. Verrückt, satirisch, komisch, die volle "Studio Braun"-Ladung eben. Charly Hübner verkörpert Fritz Honka, Lina Beckmann seine Opfer. Wieviel Humor darf es bei so einem Thema überhaupt sein? Und was machen "Studio Braun" daraus? Wir haben die Herren von "Studio Braun" - Palminger, Schamoni und Strunk - in Hamburg getroffen.

Schlafen ist der neue Sex

Absurditäten um Allnächtliches

"Sleep is the new sex", schreibt die New York Times. Tatsächlich scheint sich die Einstellung zum Schlaf zu verändern: Galt Schlaf in kapitalistischen Gesellschaften lange als bedauernswerte Unterbrechung der Schaffens- und Kaufkraft, wird er nun optimiert. Unzählige "Schlaf-Devices" wie Schlaf-Apps, Uhren, Brillen, Lichtkugeln etc. kommen auf den Markt. Ausgerechnet im Zukunftslabor Silicon Valley betonen Manager wie Jeff Bezos und Eric Schmidt, wie gut und lang sie pro Nacht schlafen (8 Stunden!). Und Ariana Huffington hat dem Schlaf ein Buch gewidmet: "The Sleep Revolution". Fitnessstudios bieten "Schlafklassen" an, Cafés schaffen Räume zum Powernapping und der US-Versicherer Aetna prämiert Angestellte mit 500 Dollar, wenn sie nachweisen, dass sie an 20 aufeinanderfolgenden Tagen je sieben Stunden geschlafen haben. Woher kommt diese neue Obsession? Die Beschäftigung mit Schlaf, die sonst vor allem Eltern mit kleinen Kindern vorbehalten war, scheint sich auszuweiten. Wird Schlaf zum neuen Kampfplatz der Selbstoptimierung?

Tipp: Ausstellung "Die Nacht - Alles außer Schlaf" im Museum für Kommunikation Berlin. 22.9.2017 - 18.2.2018

Modigliani in London und St. Petersburg

Wiederentdeckung eines Einzelgängers

Amedeo Modigliani wird neu entdeckt. Eine Blockbuster-Ausstellung in der Londoner Tate Modern eröffnet am 22. November. Parallel wird am 24. November eine Ausstellung in St. Petersburg eröffnet. Modiglianis Werke sind auf Versteigerungen von Jahr zu Jahr begehrter, allen voran die Akte, die fast alle im Jahr 1917 entstanden sind und einen Wendepunkt in der Kunstgeschichte markieren. Und Modigliani ist auch der meist gedruckte Maler des letzten Jahrhunderts.

TV-Tipp: Die Dokumentation "Der zärtliche Blick – die Akte von Modigliani" am 10.12. um 17.15 Uhr - arte

Von keinem anderen Maler der Moderne werden so viele Bilder auf Postkarten gedruckt und als Poster verkauft. Hinzu kommt eine tragische Lebensgeschichte: 1920 starb Modigliani an Tuberkulose, seine Muse und langjährige Gefährtin Jeanne, die man von vielen Bildern kennt, stürzte sich nach dem Verlust ihres Geliebten in den Tod, im achten Monat schwanger und gerade 20 Jahre alt. Der nach aussen so gefällige Künstler ist in Wahrheit hochkomplex - viel moderner als auf den ersten Blick sichtbar. Eine spannende Persönlichkeit mit Bildern voller versteckter Nachrichten.

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