aspekte vom 26. Mai 2017

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - aspekte vom 26. Mai 2017

U.a.: Die Angst vor dem Terror in Cannes, Tim Krohns Ausverkauf der Gefühle, Moskaus "Puschkin-Museum" in Gotha, Im Studio: Wolfgang Kohlhaase

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 26.05.2018, 23:05

"In Zeiten des abnehmenden Lichts"

Der Bestseller auf der Kino-Leinwand

Ein letzter Wodka am offenen Grab des Sozialismus. Ostberlin im Herbst 1989. Noch steht die Mauer, noch existiert der Sozialismus ganz real. Der verdiente Genosse Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) feiert seinen 90. Geburtstag. Ein letztes Mal singen Jungpioniere dem greisen Stalinisten ihr Ständchen, ein letztes Mal gratulieren Abgesandte der Staats- und Parteiführung dem grantigen Jubilar. Aber um die Vorzeichen des nahenden Untergangs zu ignorieren, braucht es mehr als ein paar Flaschen Wodka. Eugen Ruges gefeierter Familienroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" (aspekte-Literaturpreis 2011) handelt vom Auflösen der DDR, vom Sterben einer Ideologie und dem Ende der Illusion. Ruge erzählt Zeitgeschichte als Familiengroteske, konsequent aus der Perspektive der Menschen, die den sterbenden Staat getragen oder ertragen haben. Regisseur Matti Geschonneck und Drehbuchlegende Wolfgang Kohlhaase haben die Handlung des epischen Vier-Generationen-Romans konsequent auf einen Tag verdichtet. Herausgekommen ist dabei ein kleines, eindringliches Kammerstück, großartig besetzt bis in die Nebenrollen (Sylvester Groth, Evgenia Dodina, Angela Winkler). Eine Geburtstagsfeier wie eine vorzeitige Totenwache - voller Witz, Zärtlichkeit und Schwermut.

Martin-Luther-Universität umbennen?

Politische Korrektheit als Dogma

„Political Correctness“ - ist das ein Vorschlag für respektvolleren Umgang miteinander und besseren Minderheitenschutz - oder aber das Tugendterror-Totschlagargument, das längst ad absurdum geführt wurde? Wer gehört z.B. auf die Ampel? Ein Mann, eine Frau? Und: Sagt man Flüchtling oder Geflüchteter? Und: Ist ein Kind verhaltensgestört, verhaltensauffällig oder verhaltenskreativ?
Und: Was für Küsse sind diese Dinger mit Schaum und Schoko drum herum denn nun? Es sind heikle Fragen: Bedroht „PC“ die Meinungsfreiheit und damit auch den offenen demokratischen Diskurs - oder sind Minderheiten bedroht, wenn es keine PC gibt? Hat die linksliberale Elite vor lauter Symbol-, Identitäts- und Sprachpolitik die wirklichen Probleme des Volkes aus den Augen verloren? Josef Joffe, Herausgeber der ZEIT, meint: „Denk- und Sprachverbote sind nicht gut für die freie Gesellschaft, von wem sie auch kommen, von links oder rechts. Inzwischen hat auch die Rechte gemerkt, wie man das Spiel spielt... und sie spielen es außerordentlich brutal und gemein.“
Wenn also jede Minderheit lautstark auf ihre Rechte pochen kann, wer verdient dann, gehört zu werden - und wer nicht? Wer sind die Guten, wer die Bösen? An der Martin-Luther Universität in Halle wird das gerade ausgehandelt. Hier fordern einige Mitglieder des Studierendenrates mehr als einen kritischen Umgang mit dem anti-semitischen Namensgeber. Dazu Lukas Wanke vom Studierendenrat der Martin-Luther-Universität: „Wir fordern aufgrund der erwiesenen Menschenfeindlichkeit von Luther letztendlich auch die Umbenennung unserer Universität und wollen dies gerne einbringen in die zuständigen Gremien, z.B. in den akademischen Senat.“ Für Josef Joffe wird hier ein Prinzip ad absurdum geführt. Joffe: „Wenn die Martin-Luther Universität sich nicht mehr Martin Luther nennen darf - und in jeder deutschen Stadt gibt es eine Martin Luther Straße -, dann dürfen sich zwanzig Millionen Deutsche Protestanten nicht mehr Lutheraner oder lutherisch nennen, die lutherische Kirche müsste sich abschaffen oder umbenennen.„

Die Angst vor dem Terror in Cannes

Realität holt Fatih Akins Film ein

In Fatih Akins Drama „Aus dem Nichts“ verliert eine junge Frau – im Film: Hollywood-Star Diane Kruger – bei einem Bombenattentat ihre Familie und wendet sich daraufhin gegen die mutmaßlichen Täter. Mit diesem deutschen Wettbewerbsbeitrag auf dem 70. Filmfestival von Cannes ist das Thema Terror angekommen an der Côte d‘Azur. Vielleicht sogar preisverdächtig – nicht nur wegen seiner Aktualität, sondern auch, weil mit Maren Ade seit langem mal wieder eine deutsche Regisseurin in der Wettbewerbsjury der Jubiläumsfestspiele sitzt?  Das Thema Terror ist aber ganz real – zugespitzt durch die Anschläge von Manchester – allgegenwärtig an der berühmten „Croisette“. Letzten Samstag wurde das Palais des Festivals für fast zwei Stunden gesperrt, weil in einem Kinosaal ein verdächtiger Rucksack geortet wurde. Am Ende harmlos – aber die schwelende Panik wurde plötzlich greifbar, trotz der bewaffneten Sicherheitsleute an jeder Ecke. Zur großen Jubiläums-Gala am Dienstag wurde dann das Feuerwerk gestrichen, statt dessen verharrten die Stars in einer Schweigeminute für die jungen Menschen, die in England zum Opfer des Terrors wurden. Angst und Trauer – so ist es in Fatih Akins Film zu hautnah mitzuerleben – können sich schnell in tödlichen Rachedurst verwandeln, wenn Ohnmacht um sich greift. 

Gast & Musik

Gesprächsgast: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase

Elif
Quelle: Christoph Koestlin

Auf der aspekte-Bühne: Elif mit "Doppelleben"

Tim Krohns Ausverkauf der Gefühle

Das literarische Erfolgsmodell

Der Schriftsteller Tim Krohn lebt mit seiner Familie in einem 500-Jahre alten Bauernhaus in der Schweiz. Als seine Mutter zu ihm ziehen will, muss ein leicht begehbares Bad gebaut werden - das kostet Geld, das der Autor nicht hat. Krohn startet kurzerhand ein Crowdfunding: Leser konnten sich jeweils einen von über 700 Begriffen menschlicher Regungen (von aalglatt bis zynisch) aussuchen und einen kleinen Text dazu finanzieren. Innerhalb eines Monats hatte Krohn auf diese Weise 50.000 Franken eingenommen – das Bad konnte gebaut werden. Nun ist aus den ersten 111 Begriffen ein Roman entstanden, der erste Teil der Trilogie "Menschliche Regungen". Die kleinen Episoden in "Herr Brechbühl sucht eine Katze" spielen alle in einem Züricher Mietshaus, das Personal ist auf skurrile Art miteinander verwoben. Ist die Crowd nun eine Art neuer Mäzen und damit eine Chance für die Kunst? Wird Kunst demokratischer? Oder aber ist sie am Ende weniger wert, weil der Geschmack von Vielen entscheidet?

Moskaus "Puschkin-Museum" in Gotha

Museumsdialog trotz Eiszeit

Die allgemeine politische Großwetterlage zwischen Deutschland und Russland ist nicht optimal, das Vertrauen ist erschüttert, es gibt Sanktionen und Streit in vielen Fragen. Umso erstaunlicher, dass in dieser politischen Eiszeit eines noch funktioniert: der deutsch-russische Museumsdialog mit seinen Austausch-Projekten. Allen voran die Stiftung Friedenstein in Gotha, die seit einigen Jahren mit dem berühmten Puschkin-Museum in Moskau verpartnert ist. Wurden Ende 2015 großartige Cranach-Gemälde aus Gotha in die russischen Metropole geschickt, wo sie sich erstmals mit Beutekunststücken aus Gotha zu einer imposanten Lucas Cranach-Exposition vereinten, zeigen im Gegenzug nunmehr die Moskauer ihre Glanzstücke im Herzoglichen Museum Gotha: Meisterwerke der französischen Kunst – Lorrain, Poussin, David oder Fragonard – wie sie Thüringen noch nicht gesehen hat. Eine neue Generation von Museumsdirektoren wie die Moskauerin Marina Loschak und der Gothaer Martin Eberle gehen beherzt und pragmatisch zu Werke, selbst wenn offene Beutekunstfragen auch 70 Jahre nach Kriegsende noch immer ihre dunklen Schatten werfen. Nach dem Motto: Trotz alledem und jetzt erst recht. Kultur und Kunst bleiben im Dialog - gerade, wenn die Politik eine Auszeit nimmt. Zum Glück für die Besucher in Moskau und Gotha.

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