aspekte am 28. Juli 2017

aspekte on tour. Katty Salié und Jo Schück unterwegs in den europäischen Kulturhauptstädten 2017: Paphos & Aarhus.

Kultur | aspekte - aspekte am 28. Juli 2017

Beide Städte sind geprägt von Küste und Meer. Die eine im kühlen Norden, die andere tief im heißen Südosten. Paphos - Wiege europäischer Kultur, reich an Geschichte; Aarhus - reich in der Gegenwart und Labor der Zukunft.

Beitragslänge:
43 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.07.2018, 23:59

Aarhus – "Let's Rethink" für die Zukunft

Urbanität als Herausforderung

Die Wikinger waren die ersten, die an der Mündung des Flusses Aarhus gesiedelt haben. Wo sie damals eine saftig grüne Küstenlandschaft vorfanden, befindet sich heute eine kleine Metropole im Aufschwung: eine Stadt im Wandel, mit einer eindrucksvollen Skyline aus zukunftsweisender Architektur. Aarhus ist die zweitgrößte Stadt Dänemarks und nach Ansicht ihrer Einwohner zu lange schon im Schatten der Hauptstadt Kopenhagen. Aarhus soll jetzt ins Rampenlicht und so hat man sich ein schillerndes Motto gegeben: "Let’s Re-Think"!: Lasst uns alles überdenken! Katty Salié besucht das DOKK1, "die modernste Bibliothek der Welt", wie man stolz verkündet, eigentlich ein zukunftsweisendes Kultur- und Bürgerzentrum; sie staunt im Schatten architektonischer "Eisberge" bei einem Urban Gardening Projekt und lässt sich inspirieren im Kunstparcours "The Garden".

Hinter all den Installationen und Skulpturen in "The Garden" steckt die Aufforderung, das Verhältnis des Menschen zur Natur neu zu denken. Diskussionsstoff bietet Katharina Grosses farbig-opulente Intervention. Rot-weiße Farbe - gesprayt auf große Rasenflächen und Bäume. Ist das Ansprühen von "Natur" ein Frevel? Verschandelt oder verschönert das Werk den Park? Nicht weit davon erstrahlt der "Rainbow" am Startpunkt des Kunstparcours: Dieser Regenbogen des halb-dänischen,halb-isländischen Star-Künstlers Olafur Eliasson, wie ein begehbarer Heiligenschein oben auf dem Kunstmuseum ARoS aufgesetzt, ist längst Wahrzeichen der Stadt. In Aaarhus soll Kultur ein Motor der Entwicklung sein. Zukunftsmusik? Die Stadt ist jung und quirlig, ihr größter kultureller und auch wirtschaftlicher Motor ist die Universität - die zweitgrößte Dänemarks. Junge Menschen prägen das Stadtbild. Hipp, cool und locker - so wie im offiziellen Aarhus-Musik-Video des Rappers JULAW/Erik, so möchte Aarhus 2017 die Zukunft angehen.

Aarhus - von den Wikingern bis ins 21. Jahrhundert

Im Kulturjahr erinnert die ehemalige Wikingerstadt daran, dass das heute kleine und friedliche Dänemark einst eine mächtige Nation stolzer Seefahrer und Krieger war. Vor den Toren der Stadt, auf dem Dach des Museums Moesgaarden, hat man diese Vergangenheit als Oper wieder auferstehen lassen. Die schräg in den Boden gerammte Architektur des Museums erinnert daran, dass Aarhus am Ende einer gigantischen Endzeitmoräne liegt. Die hügelige Landschaft rund um die Stadt ist ein Erbe der Eiszeit – und sticht damit heraus aus dem eher flachen Dänemark. Neben der Eiszeit und den Wikingern entdeckt Katty Salié aber auch andere, jüngere Kapitel der Vergangenheit im Programm der Kulturhauptstadt: Dass Aarhus auch von den Schrecken der Kriege des 20. Jahrhunderts nicht verschont geblieben ist, daran erinnern zum Beispiel die Künstler Marie Koldkjær Højlund & Morten Riis mit ihrer Installation "4140 Voices". Ihr Mahnmal ist all den 4140 dänischen Soldaten gewidmet, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Die Künstler lassen ihre Stimmen "wiederauferstehen". Bewegend. Weiter zum Rathaus. Eine Entdeckung. Es wurde erbaut von keinem Geringeren als Arne Jacobsen, eingeweiht 1941 und ist ein echtes Juwel der Stadt, wartet auf mit Geheimnisvollem, Zukunftsweisendem wie auch - versteht sich fast von selbst - zeitlos dänischem Design. Das aspekte-Team durfte dank des überaus freundlichen Personals bis in die Keller-Gewölbe. Dort findet sich noch immer ein geheimer Schießstand der Briten, genutzt während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Und: ein Nachweis nachhaltigen Bauens schon vor 75 Jahren!

Die Dänen: sie gelten als besonders glücklich. Ihre Glücksphilosophie heißt ‚Hygge‘ – das programmatische Wort im Dänischen schlechthin. Es heißt in etwa "gemütlich plus gesellig". Hygge ist sowas von typisch dänisch und hat ein mindestens ebenso hohes Export-Potential wie Lego oder Design made in Denmark. Katty Salié erkundet das Phänomen.

Aarhus - eine Insel der Glückseligen, wie es scheint. Steuerfinanzierter Wohlstand, soziale Sicherheit, ökologisches Bewusstsein und ein Gespür für Stil. Aber wer hat alles etwas davon - und wer nicht? Ein Treffen mit Kurt Westergaard. Der Mann, der vor Jahren den Propheten Mohammed mit einer Bombe als Turban zeichnete und sich seither auf höchster Sicherheitsstufe versteckt hält, offenbart auch die Brüche: Rechtsnationale Strömungen, Grenzkontrollen, Probleme mit Zuwanderern und Flüchtlingen. In Krimis verpackt hat diese Fragen rund um die dänische Gesellschaft die Schriftstellerin Elsebeth Egholm. Dicte, eine Journalistin und ihre Hauptfigur, ist seit Jahren in Aarhus unterwegs - eine Empfehlung für alle diejenigen, die sich der Kulturhauptstadt 2017 (zunächst einmal) literarisch nähern wollen.

Paphos, Zypern - Insel der Liebe und des Hasses

Aphrodite-Kult und Mythos

Geografisch zählt Paphos zu Asien. Kulturell betrachtet liegt die Stadt in der Wüste. Aphrodite - sie wählte sich Zypern zur Heimat - grüßt zwar noch von mancher Hauswand, aber die Schönheitsgöttin hat sich schon länger nicht blicken lassen. Zwischen der Stadt und dem Strand ragen Bettenburgen wie Bollwerke in die Höhe. Dass Paphos kulturell den Ton angab, liegt schon ein paar Jahrtausende zurück. Im Kulturhauptstadtjahr sollte es daher neu aufgetakelt werden, dann kam die Finanzkrise. Jetzt trägt Paphos den Titel "Ärmste Kulturhauptstadt aller Zeiten". Gut 2000 Jahre lang pilgerten Gläubige zum heißesten Heiligtum der antiken Welt, dem Aphrodite-Tempel südlich von Paphos - um für die Göttin Liebe zu machen. Im Tempel soll‘s zugegangen sein wie auf dem Straßenstrich. Jo Schück spricht unter anderem mit der Archäologin Maria Iacovou über eine nicht sehr romantisch veranlagte Liebesgöttin. Auf Romantik stößt er dann aber im Hinterland von Paphos . Dort spielte sich die zyprische Variante von "Romeo und Julia" ab, eine Liebesgeschichte in Zeiten des Hasses. Jo Schück trifft Panicos Chrysanthou, den Regisseur, der sie verfilmte. "Akamas" , ein anrührender Liebesfilms mit realem Hintergrund, erzählt, wie Hassan, ein türkischer Zyprer und Hambou, eine griechische Zypriotin, zwischen die Fronten des Zypern-Konflikts geraten. Beim Filmfestival in Venedig wurde er gefeiert, auf Zypern bleibt er bis heute ein Tabu

Teilung und Krise des Landes

Der ethnische Konflikt zwischen griechischen und türkischen Zyprern trennt Familien und ganze Dörfer. Die zyprische Lösung des Problems: Man tut so, als existiere es nicht. Jo Schück besucht den ehemaligen Touristen-Hotspot Varosha - der seit dem Krieg im Wach-Koma liegt. Früher verbrachte der europäische Jetset in Varosha seinen Urlaub. Bis 1974 ballten sich dort 90 Prozent aller Hotelzimmer Zyperns. Am Strand küsste einst Liz Taylor ihren Richard Burton. Dann wurde die Stadt innerhalb weniger Stunden geräumt. Heute kontrolliert das türkische Militär die verbotene Zone - sie wurde zum Symbol für den jahrzehntelangen Stillstand im Friedensprozess. Man ahnt: Bis zur Versöhnung ist es noch ein weiter Weg. Eine der Folgen des Konflikts auf Zypern ist die große Vertreibungs- und Umsiedlungswelle. Die griechischen Zyprer mussten in den Süden umsiedeln, die türkischen in den Norden. Eine Trennung, die an Absurdität kaum zu überbieten ist: die Teilung geht mitten durch die Stadt, das erinnert an Berlin. Am eigenen Leibe erfahren hat das zum Beispiel der türkisch-zypriotische Schriftsteller Gürgenç Korkmazel, den Jo Schück zum Gespräch trifft. Korkmazel ist in Paphos, im Süden geboren, musste aber in seiner Kindheit in den Norden übersiedeln. Ein Trauma, das ihn bis heute beschäftigt.

Doch es gibt auch Hoffnungsvolles zu entdecken: Wo die Politik versagt, bringt ein UN-Projekt Menschen aus beiden Teilen der Insel zusammen. Griechische und türkische Zyprer graben gemeinsam nach den sterblichen Überresten ihrer Verwandten aus dem Zypern-Krieg. Noch immer werden viele vermisst. Und etliche Familien hatten nie die Chance, wirklich Abschied zu nehmen. Um Versöhnung bemüht sich auch die Kulturhauptstadt. Zumal Paphos selbst geteilt ist: in eine Oberstadt mit dem ehemaligen Türkenviertel - und die Unterstadt, wo die Touristen unter sich bleiben. Junge Künstler reagieren auf den Konflikt, den sie selbst nie miterlebt haben. Die Trennung der Stadt, die Teilung des Landes werden auch in ihren Arbeiten thematisiert (und überwunden). Jo Schück spricht darüber unter anderem mit dem Graffitikünstler Charis Christoforou. Der meint: „Wir brauchen diese Teilung in griechische Zyprer und türkische Zyprer nicht mehr. Wir gehören alle zum gleichen Land. Wir alle sind Zyprer!“

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