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aspekte vom 30. August 2019

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Surfen in Afghanistan - Dokumentarfilm über einen Lebenstraum; Roter Teppich für Roman Polanski - Proteste beim Filmfest in Venedig; Kulturkampf vor den Landtagswahlen - Die Angriffe der AfD auf die Kultur; Live: Ödön Rácz, Star am Kontrabass

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 29.09.2019

Roter Teppich für Roman Polanski

Proteste beim Filmfest in Venedig

Das Filmfestival Venedig zeigt im Wettbewerb Roman Polanskis neuen Spielfilm "J’accuse" über die Dreyfus-Affäre. Der 85-jährige Regisseur selbst allerdings wird fehlen – er ist seit 1977 von den USA wegen eines Sexualdelikts zur Verhaftung ausgeschrieben. Er war seinerzeit vor dem Prozess ins Ausland geflohen. Der Gefahr einer Auslieferung an die USA möchte er sich offenbar nicht aussetzen. Nicht erst seit der #MeToo-Bewegung -die er als "Massenhysterie" und "heuchlerisch" bezeichnete - ist Polanski wegen der Vergewaltigung einer 13-Jährigen unter Beschuss geraten, weitere Frauen meldeten sich zu Wort. Darunter eine, die Polanski als Zehnjährige missbraucht haben soll. Der Fall ist allerdings verjährt. Die Nachricht, dass Venedig ihm den Roten Teppich ausrollt, löste in den Sozialen Medien einen Sturm der Entrüstung aus, Boykottaufrufe wurden laut. Sollte sein Film also nicht gezeigt werden, weil der Mann straffällig geworden ist? Festivaldirektor Barbera: "Ich habe keine Sekunde gezögert, diesen Film zu nehmen." Man müsse zwischen dem Künstler und dem Werk unterscheiden: "Wer sich ein Werk von Caravaggio anschaut, sieht sich ja auch das Werk eines Mörders an. Auch Samantha Geimer, Polanskis damaliges Opfer, empfahl schon bei seinem letzten Film: "Beurteilt den Film, nicht den Mann." Andere beklagen, Polanski sei wegen eines Prominentenbonus bisher davongekommen und fordern Rechtsgleichheit. Umso größer die Spannung, ob sein neues Werk gelungen ist. Geht es doch um einen jüdischen Offizier, der zu Unrecht angeklagt wurde und seine Unschuld Jahrzehnte später beweisen konnte. Polanskis 33 Jahre jüngere Ehefrau Emmanuelle Seigner, die in "J’accuse" mitspielt, wird ihn auf der Pressekonferenz in Venedig verteidigen.

Surfen in Afghanistan

Dokumentarfilm über einen Lebenstraum

Afridun Amu, 32, kam im Alter von fünf Jahren als politischer Flüchtling aus Afghanistan mit seiner Familie nach Deutschland. Er hat als erster Surfer sein Land bei einer Surf-WM vertreten. Der Jurist und Kulturwissenschaftler möchte Surfen in seiner Heimat populär machen. Dazu ist er mit zwei weiteren Wellenreitern und einem Kameramann nach Afghanistan gereist, um dort im Pandschir-Tal in einem Bergfluss eine Welle zum Surfen zu finden. Die gefährliche Expedition zeigt nun der Film "Unsurfed Afghanistan". Amu, der sich gerade auf die WM vorbereitet und von der Teilnahme an den Olympischen Spielen 2020 träumt, möchte mit dem Film zeigen, dass seine Heimat mehr ist als Krisengebiet. Er erzählt von den Hoffnungen und Wünschen der Menschen, von ihrer Sportverrücktheit, und will ihnen mit dem Surfen mehr Lebensfreude bringen.

Kulturkampf vor den Landtagswahlen

Die Angriffe der AfD auf die Kultur

In Sachsen und Brandenburg wird am Sonntag gewählt. Die AfD könnte in beiden Bundesländern stärkste Kraft werden, hat in Sachsen sogar etwas übermütig ein "Regierungsprogramm" herausgegeben. Was würde es für die Kultur, für Theater und Museen, bedeuten, wenn die AfD eines Tages tatsächlich regieren würde? Nichts Gutes, befürchten viele Kunstschaffende. Und für diese Befürchtung gibt es gute Gründe. Denn was bisher aus den Reihen der AfD zu hören ist, zum Beispiel in Form kleiner und großer Anfragen in den Parlamenten, deutet auf einen starke Neuorientierung der Kulturpolitik: Eine Renationalisierung der Kultur, um die "deutsche Identität" zu stärken, weniger Austausch der Kulturen und auch: weniger Ausländer in den Kulturinstitutionen. Dazu drohen sie mit der Kürzung von Mitteln bis hin zur faktischen Schließung, zum Beispiel des "Europäischen Zentrums der Künste Hellerau" in Dresden. "Wir befinden uns zweifellos in einem Kulturkampf", sagt Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher der AfD und ehemaliger Schüler des Philosophen Peter Sloterdijk. Was hat die AfD vor? Ist ihre Kulturpolitik nur eine Umgewichtung, wie man sie jeder demokratischen Partei zugestehen muss, auch wenn man deren Inhalte nicht mag? Oder wäre die Partei am Ende eine Gefahr für die Demokratie und die Freiheit der Kunst, vergleichbar mit dem, was wir derzeit in Polen und Ungarn beobachten?

Musik und Gast im Studio

Ödön Rácz, Star am Kontrabass
Quelle: Max Parovsky

Ödön Rácz, Star am Kontrabass, mit "Nel cor più non mi sento" - Variationen über ein Thema von Paisiello

Im Gespräch: Theaterregisseur Volker Lösch zum Kulturkampf von und gegen rechts

"Dort, dort"

Romandebüt eines Native American

Tommy Orange ist sauer: Wann immer er etwas in den Medien über Native Americans liest, hört oder sieht, wird ausschließlich über das alkohol- und gewaltgetränkte Leben in den Reservaten oder aber über die Geschichte der "Rothäute" berichtet. Aber wie hunderttausende 'Indianer' heute in den US-Städten leben, darüber wird geschwiegen. Also beschließt Tommy Orange, selbst Stammesmitglied der Cheyenne, genau darüber zu schreiben: "Als Native-Autor hat man das Gefühl, dass man die Dinge richtigstellen muss. Es ist alles schon so oft falsch oder gar nicht erzählt worden.“ Was bei seinem Roman-Debüt herauskommt, hat höchste literarische Wucht und eine tiefe poetische Schönheit. So wurde noch nie über eine Generation geschrieben, die sich Identität und Traditionen aus Youtube -Videos von Pow-Wows und Cowboy & Indianer-Filmen zusammenbasteln muss. Welchen Sinn haben "indianische Traditionen" im von Gewalt und Herzlosigkeit geprägten Großstadtdschungel? "Dort, Dort" berichtet von Menschen auf dem Weg aus der Stadt zu einem traditionellen Stammesritual. Eigentlich aber sind sie auf der Suche nach Zugehörigkeit, Gehörtwerden und Verortung in der heutigen Welt - das geht nicht ohne heftige Blessuren. Tommy Orange erzählt die Geschichte seines Volkes, aller "First-Nations" - mit grimmigem Lachen und unerbittlich real.

Lesereise von Tommy Orange
STUTTGART 9. September, 19:30 Uhr im Literaturhaus Stuttgart
ZÜRICH 10. September, 20:00 Uhr im Kaufleuten, in englischer Sprache
HAMBURG 11. September, 20:30 Uhr auf der Cap San Diego
KÖLN 12. September, 19:30 Uhr im Literaturhaus Köln
MÜNCHEN 13. September, 20:00 Uhr im Literaturhaus München
BERLIN 14. September, 21:00 Uhr in der James-Simon-Galerie

Magierin des amerikanischen Alptraums

Die Künstlerin Kaari Upson in Basel

Pepsi Cola, Silikonabdrücke und unentwegtes Sprechen - eine Mixtur, die Kaari Upson für ihre eigenwillige künstlerische Arbeit einsetzt. Die US-Amerikanerin hat genau wie der amtierende Präsident "German in her blood", ihre Mutter stammt aus Hannover und wanderte in den 50er Jahren nach San Bernardino aus. Ein sonderbarer Ort, wo nicht nur die erste McDonalds Filiale eröffnet und Crystal Meth erfunden wurde, sondern sich auch Amokläufe häufen. Upson studierte Kunst bei Paul Mc Carthy und Mike Kelley, den Großmeistern ironisch-obszöner Übersteigerungen des amerikanischen Traums. Sie arbeitet mit Motiven aus ihrer eigenen Biografie und der ihrer Mutter. Videos, Skulpturen und Gemälde benutzt sie gleichwertig. Immer wieder geht es scheinbar um ihre eigene Person. Doch ständig verdoppelt sie auch sich selbst mit Silikonmasken oder einer Art siamesischen Doppelgängerin. Upson macht Silikonabdrücke von dem Haus, in dem sie aufwuchs, um Teile davon in Acryl nachzugießen. Doch das eigentliche Material verflüssigt sich und somit auch das Realitätskonstrukt "Einfamilienhaus" oder "Fireplace", der gemütliche heimische Kamin, der anthropologisch für das wärmende und nährende Feuer früher Gemeinschaften steht. Das Ergebnis: seltsam schöne und befremdliche Objekte, die an Claes Oldenburgs Riesenhamburger oder Duane Hansons lebensechte Menschenabdrücke erinnern. Verarbeitung persönlicher Traumata? Nein, sie greift Archetypen auf, wie "die Mutter", "das Elternhaus" und schafft Bilder und Objekte irgendwo zwischen Gruselkabinett und Heimvideo. Upson ist eine ehrliche Arbeiterin, sie will nicht gefallen oder mit dem Glanz der Oberfläche spielen. Ihre Ausstellung "Go back the way you came" in der Kunsthalle Basel beginnt am 30. August. In der Heimatstadt ihrer Mutter, Hannover, ist die Ausstellung "Door, Open, Shut" ab 6. September im Kunstverein zu sehen.

  • Moderation - Katty Salié, Jo Schück

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