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aspekte vom 4. September 2020

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Cancel Culture im Humorbetrieb - Was dürfen Kabarettisten noch?; Filmfestival Venedig trotz Corona - Kino gegen die Krise; Schwarze Fotografen - Ein anderer Blick durch die Linse?; Zu Gast: Kabarettistin Lisa Eckhart und Sängerin Joy Denalane

30 min
30 min
04.09.2020
04.09.2020
Video verfügbar bis 04.09.2021

Cancel Culture im Humorbetrieb

Was dürfen Kabarettisten noch?

Lisa Eckhart ist der Star unter den weiblichen Nachwuchskabarettistinnen. Sie ist 28 Jahre jung, Österreicherin, pointiert, witzig, schlagfertig und blitzgescheit. Nichts wird dem Zufall überlassen: weder Vintage-Outfits noch ihre Pointen. Ihre Shows sind ausverkauft, ihre Auftritte gefeiert. Begonnen hat sie als Poetry-Slammerin, danach immer wieder als Sidekick im Programm von Dieter Nuhr, jetzt steht sie überwiegend alleine auf der Bühne. Seit März hat ihr Erfolg einen Riss bekommen. Während des Höhepunkts der #Metoo-Debatte brach eine Kritikwelle über die Kabarettistin herein. Der Auslöser: Ein Auszug ihres Bühnenprogramms in der Sendung "Mitternachtsspitzen", das schon 2018 im WDR zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde - und damals keinerlei Kritik hervorrief. Darin macht sie unter anderem den Vorschlag, "dass man Juden wie Harvey Weinstein als Wiedergutmachung das Belästigen von Frauen gestatten solle, weil ja mit Geld nichts gutzumachen sei".

Kabarettistin Lisa Eckhart
Kabarettistin Lisa Eckhart
Quelle: dpa

Seitdem steht der Antisemitismus-Vorwurf im Raum. Mit ihrem soeben erschienen Roman "Omama" ist sie für den Debütantenpreis eines renommierten Literaturfestivals nominiert worden. Nach Einladung folgte Ausladung. Der Grund: Zwei Schriftsteller wollten wegen der Antisemitismus-Vorwürfe nicht gemeinsam mit ihr auf die Bühne. Der Veranstalter erhielt angeblich Drohungen, die sich nachher als falsch erwiesen. Der Begriff "Cancel Culture" kochte hoch und mit ihm die alte Frage nach dem Sinn und Zweck von Humor und Satire. Gibt es so genannte No-Go-Witze, die wirklich heute in kein Bühnenprogramm mehr gehören? Was bedeutet es, wenn Satire nur noch politisch korrekt arbeiten müsste? Was wäre die Konsequenz? Um das zu diskutieren hat aspekte den Kabarettisten Florian Schroeder, den Antisemitismusforscher und Historiker Götz Aly und den Titanic-Chefredakteur Moritz Huertgen getroffen.

Wenn junge Juden sich wehren

Die Komödie "Masel Tov Cocktail"

Filmplakat "Masel Tov Cocktail"
"Masel Tov Cocktail" - auf dem Filmfest, im Kino und online zu sehen
Quelle: Filmakademie Baden-Württemberg

Beim diesjährigen Jüdischen Filmfest Berlin Brandenburg (6. bis 13. September) läuft ein Kurzfilm im Programm, der eine erfrischende Entdeckung ist: "Masel Tov Cocktail" - extrem witzig und nachdenkenswert zugleich, von jungen Leuten (nicht nur) für junge Leute. Ko-Regisseur Arkadij Khaet und Hauptdarsteller Alexander Wertmann – Regiestudent und Schauspieler in erster Filmrolle – sind selbst Juden und spießen so ziemlich jedes Klischee auf, das Deutsche von Juden im Kopf haben. Auch die gutgemeinten. Die Macher über ihr explosives Werk: "Zutaten für den Masel Tov Cocktail: 1 Jude, 12 Deutsche, 5cl Erinnerungskultur, 3cl Stereotype, 2 TL Patriotismus, 1 TL Israel, 1 Falafel, 5 Stolpersteine, einen Spritzer Antisemitismus. Zubereitung: Alle Zutaten in einen Film geben, aufkochen lassen und kräftig schütteln. Im Anschluss mit Klezmer-Musik garnieren. Vor dem Verzehr anzünden und im Kino genießen. 100% koscher". Ein wilder Ritt durch einen Tag im Leben des Abiturienten Dima. Der haut drauf, als ihn ein Mitschüler antisemitisch beleidigt – überhaupt ist der gesamte Film ein Schlag in die Fresse des deutschen Alltags-Antisemiten. Aber als besonders schützenswerte Spezies sehen sich die Macher nicht, wollen nicht pfleglicher behandelt werden als Muslime, Schwarze, Frauen und Behinderte. Sie wollen raus aus der Opferrolle - Schluss mit dem Betroffenheits-Eiertanz im Verhältnis zu unseren jüdischen Mitbürgern. Weg von der Mahnmalkultur rein ins Heute. "Gucken Sie nach vorne und bewältigen Sie die Gegenwart!", ruft Dima den Zuschauern zu und meint damit nicht nur die AfD. "Masel Tov Cocktail" - zu sehen auf dem JFFB, im Kino und auch deutschlandweit online, da das Festival in diesem Jahr hybrid ist.

Gäste und Musik im Studio:

Im Gespräch: Kabarettistin Lisa Eckhart und Sängerin Joy Denalane

Joy Denalane
Joy Denalane
Quelle: Universal/Ulrike Rindermann

Auf der aspekte-Bühne: Joy Denalane mit "I Gotta Know"

Schwarze Fotografen

Ein anderer Blick durch die Linse?

Cover des Bildbandes "I Can Make You Feel Good" von Tyler Mitchell
Der Bildband "I Can Make You Feel Good" von Tyler Mitchell
Quelle: Prestel Verlag

Unglaublich, aber wahr: Tyler Mitchell war der erste schwarze Fotograf, der ein Cover der amerikanischen Vogue schoss. Das war 2018. Die Vogue gab es da schon 126 Jahre. Dario Calmese ist der erste schwarze Fotograf, der je ein Vanity Fair Cover gestaltete. Das war im Juli 2020. Die Vanity Fair gibt es nun auch schon seit 127 Jahren. Ist es jetzt traurig, dass das erst so spät passiert? Ist es toll, weil ein Zeichen von Veränderung? Und welche Bedeutung kann Modefotografie überhaupt haben - in Zeiten, in denen Bilder von Schwarzen in den Nachrichten vor allem Opfer von Leid und Gewalt zeigen? Tyler Mitchell schreibt in seinem gerade erschienenen wunderschönen Fotoband "I Can Make You Feel Good": "Ich verspüre das dringende Bedürfnis, Bilder zu erschaffen, die schwarze Menschen als frei, ausdrucksstark, feinfühlig und voller Leichtigkeit zeigen. Ich möchte zeigen, wie ein Black Utopia aussehen könnte." Ist das nach Black Lives Matter der Anfang einer Black Views Matter-Bewegung? Fragen an People of Color aus der amerikanischen Kreativszene.

Filmfestival Venedig trotz Corona

Kino gegen die Krise

Seit Beginn der Pandemie steht die Leitung des Filmfestivals Venedig unverbrüchlich zu ihrem Versprechen: Das älteste Filmfestival der Welt findet planmäßig vom 2. bis zum 12. September am Lido statt – allen Unkenrufen der Branche zum Trotz, für die die physische Präsenz der 77. Mostra in Venedig ein wichtiges Symbol und Lebenszeichen der schwer angeschlagenen Filmindustrie wäre. Festivalleiter Alberto Barbera nannte die Entscheidung ein "Zeichen der Zuversicht und eine konkrete Unterstützung" für die Filmindustrie. Jurypräsidentin Cate Blanchett hat sich schon mal angesagt. Kurzfristig zog auch US-Schauspieler Matt Dillon in die Jury ein und ersetzt den rumänischen Filmregisseur Cristi Puiu. Der Jury gehört mit Regisseur Christian Petzold ("Barbara", "Undine") auch ein Deutscher an. Im Rennen um den Goldenen Löwen für den besten Film sind unter anderem "Nomadland" mit Frances McDormand, "The World to Come" mit Casey Affleck sowie "Pieces of a Woman" mit Shia LaBeouf. Auffällig viele Regisseurinnen sind vertreten - von den 18 Wettbewerbsbeiträgen stammt fast die Hälfte von Frauen. Eine von ihnen ist die Deutsche Julia von Heinz, die es mit "Und morgen die ganze Welt" in die Löwen-Konkurrenz geschafft hat. Darin erzählt die 44-Jährige von den Mitgliedern einer linken Gruppe, die nach einem Rechtsruck im Land gegen Neonazis vorgehen wollen.

Stab

  • Moderation - Katty Salié, Jo Schück
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