aspekte vom 6. Oktober 2017

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - aspekte vom 6. Oktober 2017

Themen u.a.: Cannes-Gewinner "The Square" im Kino - Satire auf die Kunstwelt; Neues von Dieter Hallervorden - Ernste Seiten eines Komikers; Historiker Philipp Ther im Gespräch: Wie Flüchtlinge Europa prägen; Live: Wanda

Beitragslänge:
44 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 06.10.2018, 23:30

Cannes-Gewinner "The Square" im Kino

Satire auf die Kunstwelt

Der Spielfilm "The Square" gewann im Mai die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes und geht für Schweden ins Oscar-Rennen. Regisseur Ruben Östlund ist eine grandiose Gesellschaftssatire gelungen, sie kommt am 19. Oktober in die deutschen Kinos. Christian - herausragend gespielt vom Dänen Claes Bang - ist Kurator eines bedeutenden Museums für moderne Kunst - einflussreich, wohlhabend, gutaussehend, gebildet, sozial eingestellt. Er kauft Obdachlosen Ciabatta und nicht einmal beim betrunkenen One-Night-Stand vergisst er das Kondom. Sein nächstes großes Projekt, die Ausstellung von "The Square" - einem simplen, auf den Boden gezeichneten Quadrat – soll die Kunst im Museum mit dem echten Leben draußen verbinden, Sinn für gesellschaftliche Verantwortung stiften. Doch als Christian Handy und Brieftasche gestohlen werden, ist es mit seinem hehren künstlerischen Anspruch und der politischen Korrektheit schnell vorbei. Als er sein Eigentum mit einem Drohbrief wiederbekommen will und ein spektakulär widerwärtiges Video zu seiner Ausstellung das ganze Land empört, gerät sein Leben aus den Fugen. "The Square" ist komisch, bitterböse, klug. Er entlarvt nicht nur den eitlen Kunstbetrieb, sondern erzählt auch eine zutiefst menschliche Geschichte: davon, wie dünn der Firnis von Mitgefühl über Scheinheiligkeit und Eigennutz ist. Östlund zeigt die Lebenslügen und das Versagen bürgerlicher Eliten, wenn es tatsächlich auf verantwortliches Handeln ankommt. Die etwas naiv anmutende Idee des "Square" dagegen meint er ernst: Genau so ein Kunst-Projekt hat er schon 2015 in Schweden ins Leben gerufen.

Gast & Musik im Studio

Historiker und Autor Philipp Ther im Gespräch: Wie Flüchtlinge Europa prägen

Flucht und Flüchtlinge, zweifellos eines der drängendsten und umstrittensten Themen unserer Zeit. Das Problem ist allerdings nicht neu. Unser Kontinent Europa ist vielmehr seit Jahrhunderten geprägt von Fluchtbewegungen und Flüchtlingsintegrationen. Der Historiker Philipp Ther zeigt in seinem neuen Buch "Die Außenseiter", wie sehr unsere europäische Geschichte immer schon eine Geschichte der Integration von Fremden war - einer Integration, die in vielen Fällen gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen erst bewirkt hat, ohne die Europa nicht wäre, was es heute ist. Ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit.

Live: Wanda mit "Columbo". Exklusiv für aspekte-online spielen Wanda nach Ende der Sendung "Weiter, weiter".

Autobiografie: "Ein deutsches Mädchen"

Ausstieg aus dem Nazi-Milieu

Heidrun Benneckenstein kommt aus einer Familie, die durch und durch von nationalsozialistischem Denken geprägt ist. Wie wächst man in einer Neonazi-Familie auf? Die 25-jährige Heidi Benneckenstein wird schon mit acht Jahren in militanten Jugendlagern gedrillt, liest Literatur aus dem Dritten Reich und schwärmt für Udo Pastörs, den damaligen NPD-Vorsitzenden, der wegen Volksverhetzung und Holocaustleugnung verurteilt wurde. Sie kennt schlicht nur Neonazis. Viele ihrer früheren Kameraden zündeln heute bei NPD, den Identitären und der AfD. Während der Pubertät gewöhnt sie sich an Gewalt gegenüber Andersdenkenden, ist selbst in Gewaltdelikte verwickelt. Als sie einen Antifa-Fotografen krankenhausreif schlägt, erwachen ihre Zweifel. Mit 19 vollzieht sie die komplette Kehrtwende, bricht jeden Kontakt mit ihrer Familie ab und steigt – gemeinsam mit ihrem Freund Felix, einem Neonazi-Liedermacher – aus der rechten Szene aus. Heute sind sie verheiratet, haben einen kleinen Sohn und Heidi arbeitet als Kindergärtnerin. In ihrer bayerischen Heimatstadt spricht sie über Reue, Angst und ihr Kindheitsidol Rudolf Hess. Ein schmerzhafter Einblick in das nationalsozialistische, völkische Hass-Milieu. ("Ein deutsches Mädchen" erscheint am 14. Oktober bei Klett-Cotta.)

Der Dokumentarfilm "Das grüne Gold"

Landraub in Äthiopien

Szenenbild aus dem Dokumentarfilm "Das grüne Gold"
"Das grüne Gold" - Kinostart: 5. Oktober Quelle: Neue Visionen

Als der schwedisch-deutsche Dokumentarfilmer Joakim Demmer vor sechs Jahren in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba landete, machte er eine seltsame Entdeckung: Aus dem Land wurden Lebensmittel exportiert, zugleich wurden Hilfsgüter ins Land eingeführt. Zusammen mit dem äthiopischen Umweltjournalisten Argaw Ashine ging er der Sache auf den Grund. Was er herausfand, ist absurd und unglaublich. Um an Devisen zu gelangen, hatte die äthiopische Regierung im großen Stil fruchtbares Land an Finanzinvestoren verkauft, die nach der Weltwirtschaftskrise 2007 neue Anlagemöglichkeiten suchten und darauf spekulierten, dass es angesichts der wachsenden Weltbevölkerung zu einer Lebensmittelknappheit kommen werde. Diese Methode nennt sich "Landgrabbing". Bei ihren Recherchen kamen Demmer und Ashine der Investorenfirma Saudi-Star auf die Schliche, der in einem Naturschutzgebiet gerodet hatte, um Reis für das reiche Saudi-Arabien anzubauen. Die Nachforschungen gestalteten sich immer gefährlicher; Ashine wurde verhaftet und musste in die USA fliehen. Doch Demmer ließ nicht locker. Er fand heraus, dass für die Landverkäufe hunderttausende Kleinbauern aus dem Volk der Anuak von ihrem Land vertrieben worden waren. Finanziert wurden die gewaltsamen Umsiedlungen durch ein Entwicklungsprojekt der Weltbank. Die Wut der enteigneten und vertriebenen Anuak entlud sich in politischen Ausschreitungen, die die Zahl der Fluchtbewegungen noch einmal steigerte. Doch alle Versuche, die Weltbank dafür zur Rechenschaft zu ziehen, blieben erfolglos. In seinem Film "Das grüne Gold", der am 5. Oktober in die deutschen Kinos kommt, dokumentiert Joakim Demmer seine eindrucksvolle Recherche.

Neues von Dieter Hallervorden

Ernste Seiten eines Komikers

Generationen von Fernsehzuschauern haben Dieter Hallervorden als "Didi" kennengelernt, den Meister des Blödel-Humors. Doch hinter der Kunstfigur "Didi" verbirgt sich ein sensibler, ernsthafter Mensch mit Hang zur Melancholie. So beschreibt ihn der Autor Tim Pröse in seiner Biografie "Hallervorden. Ein Komiker macht ernst" (Hoffmann und Campe). Hallervorden, der früh eine Leidenschaft fürs Theater entwickelt hatte, brauchte viele Jahre, um sich von seinem Blödel-Image zu befreien. Erst mit Filmen wie "Sein letztes Rennen" und "Honig im Kopf" konnte er einem großen Publikum beweisen, was für ein grandioser Charakterdarsteller in ihm steckt. In der Zwischenzeit gründete er das Kabarett-Theater "Die Wühlmäuse" und übernahm das traditionsreiche Schlossparktheater in Berlin-Steglitz. Neben den biografischen Fakten geht das Buch vor allem auf den Menschen Dieter Hallervorden ein. Auf seine inneren Kämpfe, auf die ewige Unzufriedenheit, die ihn antreibt, und sein Bedürfnis nach Ruhe, die er nur auf seiner Privatinsel vor der bretonischen Küste findet. Hallervorden gibt aber auch ungewohnt private Aspekte preis - etwa, wie eine neue Liebe sein Leben verändert hat, und warum er heute, mit 82 Jahren, noch längst nicht ans Aufhören denkt.

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