Aufklärung oder Cyberterror

Was folgt aus Wikileaks?

Wem hat Helmut Kohl sein Ehrenwort gegeben - wer waren seine Spender? Streng geheim. Oder wer steht hinter den ungeklärten Morden der dritten RAF-Generation - Herrhausen -, und was hatte die Stasi damit zu tun? Streng geheim. Oder wie groß ist der Einfluss der Pharmaindustrie auf die aktuelle Gesundheitsreform wirklich? Streng geheim.

"Aber das ganz große Geheimnis ist natürlich das Wissen, von dem wir gar nicht wissen, dass es das gibt", sagt Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Ist Julian Assange nun das Gesicht der neuen, überraschenden Antworten? Er erscheint als Revolutionär unserer Tage, der mit seiner Internetplattform Wikileaks Aufklärung durch grenzenlose Transparenz verspricht.

Der Angriff gilt dem Geheimnis an sich

Die Vehemenz, mit der die USA ihn offenbar kaltstellen wollen, einen einzelnen Mann jagen, ist erstaunlich. Aber ist das schon ein Anzeichen dafür, dass eine kleine Gruppe von Hackern einer Weltmacht gefährlich werden kann? "Imperien sind nicht dadurch imperiale Akteure, dass sie Land und Fläche kontrollieren, sondern dass sie den Finger an den Strömen und diesem Falle von Informationen besitzen", erklärt Münkler. "Wikileaks und Julian Assange haben die USA auf einem der für sie sensibelsten Gebiete herausgefordert - nämlich der Kontrolle von Informationsflüssen."

Dabei sind Klatsch und Tratsch wie "Teflon-Merkel" oder ein "geltungssüchtiger Westerwelle" nicht das Entscheidende. 250.000 Dokumente der US-Depeschen liefern täglich neue. zum Teil mehr als pikante Einblicke ins weltweite diplomatische Geschäft. Wikileaks Interessse ist aber nicht das Anprangern eines einzelnen Missstandes - der Angriff gilt dem Geheimnis an sich! Das Informationsmonopol des Staates soll gebrochen werden. "Eine der Konsequenzen ist, dass das Herrschaftswissen jetzt nicht mehr bei den Institutionen alleine liegt", sagt Dirk Engling vom "Chaos Computer Club". "Die interne Kommunikation in diesen Behörden muss neu überdacht werden und die Hoffnung ist, dass eine transparentere und gerechtere Politik daraus entsteht."

Bisher wenig Folgen

Der Traum von der Transparenz - doch kann es die aber überhaupt geben? Als nächstes sind Dokumente von amerikanischen Großbanken angekündigt. Und eine neue Plattform, Openleaks, geleitet von einem ehemaligen Wikileaks-Mitarbeiter, soll auch noch dieses Jahr an den Start gehen. Doch was passiert, wenn wir wirklich viel mehr wissen als wir heute ahnen? Vor den Depeschen veröffentlichte Wikileaks Soldaten-Protokolle aus dem Irak und Afghanistan-Krieg mit erschreckenden Details von Menschenrechtsverletzungen. Bisher folgte daraus erstaunlich wenig. Die Journalistin Carolin Emcke erklärt sich das so: "Vielleicht ist eine der Schwächen von Wikileaks, dass die schiere Masse dazu führt, dass man einfach nur überwältigt ist und nicht mehr nur entsetzt."

Dennoch hält Wikileaks die Aufmerksamkeit - mit Massen von weiteren geheimen Dokumenten, die ihnen zugespielt werden. Die Schlagzahl ist beachtlich. Ist das aber schon ein Signal dafür, dass Staaten weltweit künftig keine Geheimnisse mehr haben werden? "Diese Transparenz ist kein Endzustand, sondern, das ist relativ klar, es werden weniger vertrauliche Dokumente ins Intranet gestellt", so Herfried Münkler. "Das Geheimnis wird besser geschützt werden. Und vermutlich wird gegen diejenigen, die es brechen, in Zukunft auch in den Verfassungsstaaten sehr viel härter und rigider vorgegangen werden."

Journalisten sollten die Infos nutzen

In den USA wird Assange schon im selben Atemzug mit Bin Laden genannt - aber ist er jetzt High-Tech-Terrorist oder Aufklärer? Beides ist völlig übertrieben. Man kann von dem größenwahnsinnigen Assange halten was man will - einen Quellen-Vermittler wie die Plattform Wikileaks müssen investigative Journalisten schätzen. Und vor allem nutzen!

"Es ist gut, wenn die etwas müde gewordenen klassischen Journalisten begreifen, dass es da eine Chance gibt, leichter an Material zu kommen", so Carolin Emcke. "Es ist gut, wenn wir wieder in die Hufe kommen und unserem eigentlichen Job, nämlich den Mächtigen kritisch auf die Füße oder die Hände oder auf die Arbeit zu schauen, mal wieder nachkommen. Also in dem Sinne ist der Tritt, den Wikileaks manchen Journalisten zurzeit versetzt, ganz gut." Denn so ein paar Fragen sind auch in diesem Land noch offen ...

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