Bässe, die die Welt bewegen

Priester der Elektrobeats: James Blake

Wunderkind, Junggenie: James Blake ist erstmal ein Phänomen. Er hat am traditionsreichen Goldsmith-College in London Pop studiert. Seit er sechs ist spielt er Klavier. Und mit 22 Jahren ist er so etwas wie der heilige Priester der Elektrobeats.

Blake hat seine Ausdrucksform gefunden, er dehnt Zeit, öffnet "unerhörte" Klangräume. Die erste Soloplatte - "Limit to your love" nahm er in seinem Schlafzimmer auf. Bei seinen Bässen wird es physisch. Ein Klang zwischen Hubschrauber und Erdbeben, den man nur auf fetten Anlagen hören kann.

Kein gemachter Superstar

"Es ist dafür gemacht, durchzuschlagen", sagt Blake. "Es schüttelt dich und gibt dir eine physische Verbindung zur Musik, die du sonst nicht hättest. Allerdings gibt es in fast jeder Musik einen körperlichen Aspekt - wenn man sie auf solchen Soundsystemen hört." Sein Weg: Understatement und Ehrlichkeit. Dabei erfindet Blake Musik, die Millionen auf youtube und Tausende live hören wollen. Er ist kein gemachter Superstar, obwohl er mittlerweile bei einem großen Label unter Vertrag ist.


"Das Internet ist spannend", findet Blake. "Ich mag es nicht, mich zu promoten, rauszuposaunen, wie toll ich bin. Und im Netz konnte ich von Anfang an die Sachen einfach selbst rausbringen." Viel Zeit hat sich der Musikersohn nicht gelassen. Mit sechs Jahren saß er schon am Klavier, studierte später in London Pop. Woher kommt seine Musikalität? "Frühe Erlebnisse waren für mich zum Beispile, als mein Vater die Platten von Sunny Boy Williams gehört oder Gitarre gespielt und gesungen hat. Und auf dem Weg in die Ferien habe ich immer mit meinen Eltern im Auto gesungen."

Entrücktes "Wunderkind"

Blake vereint Genie und Fleiß. Er ist weit davon entfernt, ein Streber zu sein. Das Studium dauerte ihm zu lang. Nach tausenden Stunden am Klavier wollte er endlich sein Ding machen: "Das Studium fühlte sich an wie ein Puffer zwischen mir und dem Leben. Ich konnte zwar drei Jahre Musik machen. Aber ich wollte nicht irgendwelche Töne spielen. Ich fühlte die Uhr ticken, weil ich keine Lust hatte, Zeit damit zu verlieren, Bs und As und Cs zu spielen. Das bringt doch nichts - wenn man eigentlich seine Kunst machen möchte."

James Blake ist ein entrücktes "Wunderkind" mitten in der Welt der elektronischen Musik. In den Clubs, wo sie gespielt wird, geht normalerweise nichts ohne Drogen. Bei Blake schon: "Ich nehme keine Drogen, bin da nie reingerutscht. Manche Typen haben mich gefragt, ob ich Ketamin nehme, dieses Halluzinogen. Nee, hab ich nicht. Meine Vorstellungskraft reicht mir vollkommen. Ich weiß nicht, was die Leute wirklich fühlen, wenn sie meine Musik hören. Es macht keinen Unterschied, ob sie auf Drogen sind oder nicht." Wenn es um höhere Bewusstseinszustände geht, war Musik schon immer eine gute Wahl. Und wenn sie wirklich groß war, kam sie in die Nähe des Religiösen. Auch hier hat der Atheist Blake keine Berührungsängste: "Ich finde den sozialen Aspekt von Musik und Religion spannend, interessiere mich für Gospel. Es gibt eine Parallele zwischen Musik und Religion. Beide stellen Fragen und liefern die Antworten nicht gleich mit."

Zerbrechliche, kristallklare Klangräume

Der junge Blake ist ein Seelenmasseur. Und wenn er diese weich hat, versetzt er ihr einen Schlag, der von den Untiefen menschlicher Gefühle erzählt. "Wenn ich einen Moment total ehrlich und menschlich war, ob in meinem Klavierspiel oder in meinem Gesang, dann ist das immer der Track, über den jeder redet", sagt Blake. "Es gibt diesen direkten Zusammenhang zwischen der Attraktion meiner Songs für die Menschen und - buchstäblich - den Klickraten auf youtube." Er macht keine "Show", setzt sich einfach an Klavier und Synthesizer und ... spielt. Die Technik wird ihm dabei zur zweiten Natur.

Wie entstehen diese zerbrechlichen und doch kristallklaren Klangräume? "Ich habe ein Jahr gebraucht, um mit der ganzen Technik umzugehen. Das ist eigentlich nicht lang, aber ich fühlte diese innere Uhr ticken, wollte raus und als DJ Sachen machen. Heute improvisiere ich, so für zehn Minuten, dann habe ich normalerweise die Akkorde, die mir gefallen. Damit arbeite ich weiter, mache Loops draus. Dann hab ich die Basis für einen Track. Dann nehme ich es A-Capella auf. Es ist wie ein Puzzle, ohne Bild. Meine besten Stücke schreibe ich, wenn es um mich herum vollkommen still ist. Kein Verkehrslärm, kein Bus der draußen anhält. Im ersten Jahr meines Studiums habe ich im Erdgeschoß gewohnt an einer riesigen Straße. Da war draußen war direkt eine Bushaltestelle. Und die Aufnahmen, die ich gemacht habe, konnte ich nur in den fünf Minuten machen, wo kein Bus kam."

Ganz im Hier und Jetzt

James Blake sagt Dinge, die die Lebenserfahrung eines 80-jährigen zeigen - und ist doch ganz im Hier und Jetzt. Entzieht sich. Zurückhaltend. Dezent. Will sich gleichzeitig öffnen: "Why don't you call me what we both know I am ..."

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