Basta Cultura

Italien schafft sich ab

Italien hat es erfunden, dieses Kraftwerk der Gefühle, diese multimediale Melange aus Arien, Chören, und Orchester-Sound, aus den unverwüstlichen Liebes- und Sterbeszenarien. Oper eben! - Rossini, Verdi, Puccini, Caruso, Pavarotti - alles italienische Markenartikel. Doch auf einmal will Italiens Regierung von großer Oper nichts mehr wissen. Schluss mit dem Luxus! ruft sie und dreht den Geldhahn zu.

Tödlicher geht's nicht. "Die italienischen Opernhäuser sind praktisch im Todeskampf", sagt Giovanni Pacor, Intendant der Oper in Genua. "Das Theater in Genua ist das erste, das sich mitten im Bankrott befindet, nicht etwa in der Nähe, nein mittendrin! Schon seit fünf oder sechs Monaten haben wir die Grenze zum Zusammenbruch überschritten." Die Schließung des Traditionstheaters in Genua war schon beschlossene Sache. Doch störrisch kämpf man nun weiter gegen die leeren Hallen. Augenblicklich leisten Ensemble und Personal Kurzarbeit, aber selbst die ist nicht sicher.

Berlusconi liebt das Banale

Er hat auf Oper, Klassik und so weiter gar keine Lust: der leichtlebige Ministerpräsident, dessen Karriere als Schlagersänger auf Kreuzfahrten begann, liebt hemmungslos die Massenkultur, auch in seinen zahlreichen Fernsehkanälen. Seine Bewunderung gilt nicht den Diven, sondern den minderjährigen Lolitas, mit denen er von einem Skandal in den anderen stolpert. Silvio Berlusconi liebt das Banale und propagiert zusammen mit der rassistischen Lega Nord eine Gegenkultur, die zwischen Volkstümlichkeit und Erotikshow oszilliert.

Seine privaten Obsessionen gehören dabei zum Konzept: ein Mächtiger, der es krachen lässt. "Berlusconi und seine Verbündeten propagieren diese Kultur der Feste", so der Historiker Paul Ginsborg, "dabei setzt die Lega Nord ganz auf das dörflich Erdverbundene: das Fest der Pilz-Ernte, der Ackerfrüchte, die lokalen Schönheitswettbewerbe. Das macht sie sehr gut und gibt ihr Rückhalt. Berlusconi dagegen feiert exzessiv das Amüsement. Seine eigene Frau sagt, Mein Mann ist krank! Er macht Parties, auf denen er den Minderjährigen hinterherläuft. Dass er krank ist, sagen keine linken Professoren oder Journaliste - das sagt seine Frau."

Exodus der Künstler

Seit einem Vierteljahrhundert überschüttet Berlusconi seine Landsleute mit seichter Massenkultur. Er hält die Zeit nun für reif, den Opernhäusern, diesem Luxusspielzeug der Bürger, den Todesstoß zu versetzen. Um die vierzig Prozent hat das Kulturministerium die Etats der bereits hoffnungslos überschuldeten Häuser gekürzt. Neapel steht schon unter Zwangsverwaltung, bis zur drohenden Schließung. Auch Bologna steht kurz vor dem Crash.

Selbst die gut gesponserte Scala fürchtet um ihre Zukunft, und sieht einen Exodus der Künstler voraus. "Große Künstler, große Talente werden gezwungen sein, ins Ausland zu gehen", prophezeit der Intendant der Scala, Stéphane Lissner. "Das gilt auch für die Orchestermusiker. Für die gibt es in Frankreich, England und Deutschland Angebote, es gibt Arbeit und Sicherheit. So etwas findet man in Italien nicht mehr. Das alles ist ein schmerzlicher Verlust, ein Verlust auch an nationaler Identität."

Kultur als Ware

Die Florentiner Oper kann ihre Spielzeit nur bis zum Jahresende garantieren. Kein Vertrag ist mehr sicher. Opernhäuser, heißt es aus Rom, sollen endlich erwachsen werden, ihr Geld selbst verdienen, kommerziell werden. Dass Kunst Geld kostet, ja auch kosten darf, darum dreht sich der Streit! "Wenn ein Theater in England, Amerika oder Italien Profit macht, dann hat es etwas falsch gemacht", sagt Stardirigent Zubin Mehta. "Wir müssen Geld verlieren. Denn wir müssen die Sänger und Musiker gut bezahlen und das Publikum soll nicht überfordert werden. Die Konsequenz ist also, dass wir Geld verlieren, ja, in diesem Sinne müssen wir Geld verlieren."

Das Leben managen, Geld verdienen, erfolgreich und glücklich sein! - ohne all die Universitäten, Museen, Theater, die Kultur. Das ist Berlusconis Botschaft. Und so sehen es auch seine Minister, die - worauf ihr Chef besteht - alle vor allem gut riechen und gut aussehen müssen. Kultur ist für sie alle eine Ware, die sich am Markt beweist oder zu Recht untergeht.

Puccini ist nicht mehr Konsens

Früher einmal gehörte in Italien die Oper zum Leben wie die Pasta und der Wein. Arien waren Volkslieder. Und Politiker präsentierten sich mit ihren Gattinnen in Opernfoyers. Verdi und Puccini waren nationaler Konsens. Inzwischen ist das langsame Sterben der Opernhäuser ein Thema nur für die hinteren Zeitungsseiten. Italien braucht jetzt ganz viel Musik und Gesang: und ganz viel Mut!

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