Bauernland in Junkerhand

Wie und warum Hans-Georg von der Marwitz ein Dorf im Oderbruch kulturell wiederbelebt

Östlicher als im Oderbruch geht es nicht in Deutschland. Hans-Georg von der Marwitz lebt seit 21 Jahren hier. Ein Wessi im Osten - und adlig dazu. Der Mauerfall brachte den gebürtigen Heidelberger an die Oder - dahin, wo schon Generationen seiner preußischen Vorfahren auf großen Gütern lebten.

Trecker fahren wollte er schon als Schuljunge - das Geschenk der deutschen Einheit machte seinen Traum wahr. Vor 21 Jahren wurde Marwitz Landwirt in Friedersdorf. "Das Schöne an meinem Beruf ist die Selbständigkeit", sagt er, "die Unabhängigkeit und nicht zuletzt die Freiheit."

Kühner Rückkehrer

1990 trifft er ein - und Friedersdorf staunt: Mit seiner schwangeren Frau lebt er zunächst im Wohnwagen zwischen Ruinen. Der Herr von der Marwitz - so hört man - greift sogar zum Strickzeug. Aber meint er es ernst mit dem Neuanfang als Bauer im Osten? Mancher fährt neugierig im Trabi vor. Bei einem Bierchen ist vom jungen Marwitz zu erfahren, dass er nicht einmal auf eine Rückübertragung der Familienländereien pocht. Das bringt Sympathie-Punkte. Den kühnen Rückkehrer aber plagt manchmal der Zweifel, erinnert er sich: "Meine erste Begegnung mit Friedersdorf war so, dass ich dachte: Friedersdorf wird's bestimmt nicht. Das ganze Umfeld war in einem unbeschreiblichen Zustand. Müllberge, Schuttberge, abgerissene Mauerreste. Meine Frau hat das dann alles mitorganisiert und mitgestemmt - sonst wäre das nicht möglich gewesen."

Familiengeschichte interessierte von der Marwitz bis zum Mauerfall kaum. In Friedersdorf aber holt sie ihn ein. Gleich hinter der Dorfkirche liegen die Gräber seiner Vorfahren, die schon Fontane beschrieben hat. Sein Ur-Ur-Großvater von der Marwitz stellte 1807 kurzentschlossen das erste preußische Freikorps gegen Napoleon auf. Sein altes Torhaus baut der junge Marwitz wieder auf. Kein Schloss, wie vor dem Krieg - aber ein Zuhause mitten im Dorf. "Natürlich hat es seinen Reiz, wenn man heute nachlesen kann, wie oft in den letzten 300 Jahren Familienangehörige bei der Stunde Null anfangen mussten", sagt Marwitz, "alle drei Generationen ist hier ein Krieg über Friedersdorf weggezogen, wurden Schloss, Dorf und Gutshof verwüstet. Und alle Generationen fanden es ganz selbstverständlich, hier wieder aufzubauen."

Barockkirche und Kunstspeicher

"Adel verpflichtet"? Marwitz spricht lieber von Projekten - vom Wiederaufbau der Barockkirche etwa. 40 Jahre lang war sie baupolizeilich gesperrt - eine Ruine vor dem Herrn. Seit nunmehr 20 Jahren treibt von der Marwitz die Rekonstruktion der Kirche voran. Inzwischen konnte ein Großteil der Inneneinrichtung wiederhergestellt werden. Und fast jeder Friedersdorfer hat irgendwann mal mit zugepackt. "Es war gar nicht mehr die Frage 'Bin ich nun Mitglied der Kirchgemeinde oder nicht?' Es war eine Aufbruchstimmung", erinnert sich Marwitz. "Dieses Gotteshaus mitten im Dorf sollte wieder der zentrale Punkt des Ortes werden. Von diesem Gemeinschaftsgefühl leben wir noch heute."

Vis-à-vis der Kirche steht der Friedersdorfer "Kunstspeicher". 30 Gesellschafter hat Marwitz im Dorf dafür gewonnen, in ein Dorfmuseum, einen Laden, ein rustikales Restaurant zu investieren. Zehn Arbeitsplätze sind so entstanden und ein Ausstellungsort für Künstler. Eine Dauerausstellung zeigt Naturaufnahmen aus dem Oderbruch. Die Liebe zur Landschaft, sagt von der Marwitz, sei schließlich der wichtigste Standortfaktor; "Die Unberührtheit dieser Landschaft, die Weite, die dünne Besiedlung - man hat wirklich beim Ausschreiten Natur pur um sich. Ich finde es herrlich, in diesen Weiten leben, wandern und arbeiten zu dürfen."

Politisch aktiv für das Oderbruch

Diese Landschaft zu erhalten steht dieser Tage ganz oben auf der Marwitzschen Prioritätsliste. Denn an der Oder wächst die Angst, dass die Deiche und Dämme zerstört werden, die das Bruch vor Hochwasser schützen. An vielen Deichen nagen heute Biber. Was aber hat Vorrang: Artenschutz oder Hochwasserschutz? "In unserer Region richtet der Biber Schäden in Millionenhöhe an", so Marwitz, "und kein Mensch begreift, warum es nicht möglich sein soll, den Biber aus diesen Räumen herauszuhalten, ja, auch den Abschuss zu genehmigen."

Noch ein verheerendes Hochwasser - nicht mit ihm: Für diese Hoffnung wählten nicht nur die Friedersdorfer den CDU-Mann Marwitz in den Bundestag. Der "Junker aus dem Westen" ist angekommen auf dem Land im tiefsten Osten.

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