Beschwingte Kassandra

Die englische Sängerin PJ Harvey

Auftritt einer düsteren Prophetin: "Englands dancing days are gone" - "Englands glorreiche Tage sind vorbei", singt sie. Alles an diesem Popkonzert ist ungewöhnlich: Im Arm hält PJ Harvey ein uraltes Instrument zwischen Harfe und Zither - und erst die Inhalte ihrer Songs: Sie besingt Englands vergangene Schlachten bis zum Afghanistankrieg heute. Von Leichenteilen, die in Bäumen hängen, ist die Rede. Die Engländerin bringt ihrem Heimatland mit ihrem neuen Album "Let England Shake" ein äußerst vergiftetes Ständchen.

"Unser aller Regierungen handeln ja oft nicht so, wie wir das gerne hätten", sagt PJ Harvey im aspekte-Interview. "Manchmal ja, aber häufig nicht - also ringen wir doch alle mit widerstreitenden Gefühlen von Dingen, die unser Land in unserem Namen hätte tun sollen oder eben nicht. Scham und Stolz, Hoffnung gepaart mit unglaublichem Hass und schrecklicher Enttäuschung." Diesen Frust hat PJ Harvey zu Songs verarbeitet. Aber es sind keine Protestlieder; statt politischem Pamphlet eher eine schaurige Bestandsaufnahme. Mit überraschend gefälligen, eingängigen Melodien.

Über Krieg und Tod - auf der Autoharp

"Die Worte, die zum Morden führen", heißt es im munteren Refrain - aber Mitsingen, ausgerechnet bei Mord und Totschlag? PJ Harvey meint: "Ich sing das extra mit so einer Stimme, die dem Publikum den Zugang erleichtern sollte. Wenn ich diese schwerwiegenden Texte auch noch mit einer schrillen, rechthaberischen Stimme gesungen hätte, wären die Worte bloß verpufft." Schrill und emotional - so kennt man Polly Jean Harvey eigentlich. Vor über 20 Jahren hat sie angefangen - Blues- und Psychorock nannte man das damals. Exhibitonistischer Seelestriptease, Verzweiflung und Begierde in einer Stimme zwischen Raunen und Kreischen.

PJ Harvey im aspekte-Interview (englisch)

Das WAR PJ Harvey muss man wohl sagen, die 41-Jährige wiederholt sich nicht gern: "Manche Texte habe ich geschrieben, als ich 18 war, das kann ich wirklich nicht mehr glaubwürdig rüberbringen. Und ich bin nicht der Typ Künstler, der solche Songs noch mit Überzeugung einfach wiederholen könnte. Ich hätte das Gefühl, die Leute zu betrügen." Heute singt sie deshalb lieber über ihr Land und den Tod. Das hatte sie schon lange machen wollen, sagt sie, aber sich erst jetzt getraut. Komponiert hat sie fast alles auf der Autoharp, diesem zitherähnlichen Traditions-Instrument.

Populäre Musik - unbequeme Wahrheiten

Genau genommen ist sogar ihr ganzes Album eine Art - zeitgenössicher Volksmusik. "Volksmusik in allen Ländern war ja eine Methode, Nachrichten zu verbreiten", erkläret PJ Harvey. "Die hat sich lange vor den Medien wie Zeitung oder ähnlichem entwickelt. So haben sich die Menschen über Lieder und Geschichten ausgetauscht. Also habe ich versucht, mir die Struktur und Form anzuschauen und zu überlegen, wie man das heute machen würde." Das ist PJ Harvey tatsächlich gelungen. Mit populärer Musik unbequeme Wahrheiten zu verbreiten. "The West's asleep. Let England Shake." - "Der Westen schläft", singt sie, "lasst England erzittern. "

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