Big Brother im Sudan

George Clooneys Engagement in Afrika

Ganz einfach ist es nicht, bei den Auftritten von George Clooney den Überblick zu behalten - so hetzt er von Auftritt zu Auftritt: Eben noch grandios auf der Kinoleinwand, taucht er plötzlich als Friedensbotschafter der UNO auf, um kurz darauf für italienischen Espresso zu werben. Im US-Wahlkampf kam er als Spendensammler für Barack Obama nach Genf, in Rom posierte er als Friedenspreisträger zwischen Gorbatschow und dem Dalai Lama und natürlich führte er in Los Angeles die Hilfsaktion für Haitis Erdbebenopfer an.

Ganz seriös - so vermutet mancher - können all diese Aktionen doch nicht sein. Geht es wirklich um die Sache - oder um persönliche Image-Pflege? "Soll ich aufhören?", fragt Clooney, wenn man ihn auf seine Kritiker anspricht. "Weil ein paar Leute herumnörgeln? Wem es nicht gefällt, was ich mache, bitte! Die können mir gestohlen bleiben."

Clooney traut dem Frieden nicht

In dieser Woche war Clooney im Südsudan - sechs Tage lang als Wahlbeobachter in einem Land, das gerade über seine Unabhängigkeit abstimmt. Mit dem Referendum könnte am Ende dieser Woche der längste Bürgerkrieg Afrikas Geschichte sein. Kaum einer zweifelt daran, dass die schwarze Bevölkerungsmehrheit im geschundenen Südsudan für einen eigenen Staat und die Trennung vom arabischen Norden votiert. "Ich bin sehr froh, gerade jetzt im Südsudan zu sein, in dem Generationen unter großen Opfern für ihre Freiheit gekämpft haben", so Clooney. "Und heute stehen wir hier und sehen, dass die Leute endlich das Recht haben, ihre eigene Wahl zu treffen. Das ist schon ein ziemlich außergewöhnlicher Augenblick für die Menschen hier - und ein Moment großer Hoffnung. Damit dieser Übergang aber tatsächlich ohne neues Blutvergießen gelingt, bleibt noch eine Menge zu tun."


Trotz der optimistischen Bilder vom Referendum im Südsudan - George Clooney traut dem Frieden nicht. Er kennt den Sudan inzwischen ganz gut, fünf Reisen führten ihn nach Darfur, die zweite große Krisenregion im Westen des Landes. Einen Dokumentarfilm hat er hier produziert, der Welt die Toten von Darfur gezeigt, die Opfer der arabischen Reitermilizen. Fast eine Million Menschen haust heute in Flüchtlingslagern, Hunderttausende wurden aus dem Sudan vertrieben.

"Genau hinsehen!"

Tatsächlich schaffte es George Clooney, das vergessene Darfur zum Thema zu machen. In Washington schloss sich vor drei Jahren sogar der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama der Demonstration für Darfur an. Doch auch lautstarker Protest, so Clooneys nüchterne Bilanz, konnte das Morden in Darfur nicht stoppen. "Meine Erfahrung ist, dass Regierungen in dem Moment, wo sie handeln müssten, nichts unternehmen", sagt Clooney. "Schon gar nicht in Afrika. Und Staaten können ja auch nicht so einfach im Sudan eingreifen. Mal ehrlich: Amerika würde doch aus humanitären Gründen nicht in ein weiteres arabisches Land einmarschieren."

Die Kriegsgefahr im Sudan aber ist mit dem Referendum im Süden keineswegs gebannt. Im Gegenteil: Noch haben sich Nord und Süd nicht über eine künftige Grenze verständigt - und es droht ein Kampf ums Öl. Der Südsudan ist reich an Ölreserven, der Norden verfügt über die einzige Pipeline zum Ölhafen am Roten Meer. Vor allem aber streiten Nord und Süd bis heute darum, wem Abyei, die ölreichste Provinz des Sudan, künftig gehören soll. Erst in den nächsten Monaten wird sich zeigen, ob beide Seiten auf eine friedliche Lösung oder erneut auf Gewalt setzen. Clooney ist das bewusst: "Wir wissen inzwischen, dass eine Menge schrecklicher Dinge passieren, sobald die Scheinwerfer ausgeschaltet werden - besonders im Sudan. Und deshalb sollten wir genau hinsehen!"

"Anti-Genozid-Paparazzi"

Damit dies keine frommen Worte bleiben, hat er jetzt 750.000 Dollar in die Satellitenbeobachtung des Sudan gesteckt. Seit Anfang dieser Woche kann jeder Internet-Nutzer einen Blick auf die Grenzregion zwischen Nord- und Südsudan werfen. So soll nicht unbemerkt bleiben, wenn sich auf den rotbraunen Pisten im Herzen Afrikas Truppen bewegen oder Panzer rollen, wenn Helikopter oder Jagdflieger im Anflug sind, wenn Straßenzüge zerbombt werden oder Häuser in Flammen aufgehen, wie damals in Darfur. "Anti-Genozid-Paparazzi" nennt Clooney seine Satellitenüberwachung, die in den kommenden sechs Monaten rund um die Uhr fortgesetzt werden soll.

George Clooney bei einer Rede vor dem Capitol in Washington Quelle: reuters

"Wir wollten es wirklich jedem ermöglichen, sich per Internet ein Bild von der Lage zu machen - um im Notfall Alarm zu schlagen, falls es irgendwo zu Gefechten kommt", erklärt Clooney. "Sollte im Sudan aber dennoch ein Krieg ausbrechen, so wissen die Schuldigen jetzt: Wir zeichnen den Hergang genau auf und werden unser Beweismaterial dem Internationalen Gerichtshof übergeben. Es gab also eine Reihe von Gründen, die für diese Aktion sprachen." Im bettelarmen Südsudan haben nur die wenigsten Stromanschluss und schon gar kein Internet. Umso überraschter war Clooney, als ihn in dieser Woche in der Hauptstadt Juba Menschen auf das Projekt ansprachen und ihm anerkennend auf die Schulter klopften.

"Bisher kamen wir immer zu spät"

Clooney habe die Sache gut durchdacht, meint auch die Journalistin Ayom Wol Dhal, die vor vier Jahren aus ihrem Exil in London in den Südsudan zurückkehrte. "Das Projekt setzt mit der Grenzüberwachung genau an der richtigen Stelle an", meint sie. "Weil die Grenzziehung nach dem Referendum die größte Herausforderung im Friedensprozess sein wird, vielleicht sogar ein entscheidender Stolperstein. Falls da jemand mit Gewalt vollendete Tatsachen schaffen will, wird das durch die Satelliten-Überwachung sichtbar. Und für den Schuldigen wird es sehr viel schwieriger, die Sache einem anderen in die Schuhe zu schieben." "Bisher kamen wir im Notfall doch immer zu spät", sagt George Clooney. "Und dann hieß es: Wir haben ja nichts gewusst. So war es in Kambodscha, so war es in Ruanda, so war es in Darfur. Jetzt kann, falls im Sudan etwas passiert, zumindest keiner sagen: 'Ich hab es nicht gewusst.'"

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