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Ist Alice Schwarzer ein Problem für den Feminismus?

Der Feminismus, das bin ich: Mit diesem Hoheitsanspruch meldet sich Alice Schwarzer reflexartig zu Wort, sobald es jemand wagt, über IHR Thema zu sprechen - wie in dieser Woche Familienministerin Kristina Schröder. Sie distanzierte sich von Positionen der frühen Frauenbewegung: In den 70ern hieß es, hetereosexueller Geschlechtsverkehr sei kaum möglich ohne die Unterwerfung der Frau. Das findet die Ministerin schlichtweg falsch.

Alice Schwarzer
Alice Schwarzer Quelle: imago

Alice Schwarzer reagierte postwendend mit einem bösen offenen Brief - von der Bildzeitung gleich dankbar zum Titel gemacht. Abweichungen von der alten Lehre lässt Schwarzer bis heute nicht gelten - erst recht nicht von jüngeren Frauen. "Mein Problem ist, dass eine Frau wie Alice Schwarzer immer noch so tut, als wäre sie 19", meint Schriftstellerin Thea Dorn: "Dieses Land hat sich aber massiv verändert, und ich finde, sie ist nicht flexibel genug, um mit den Problemen, die es noch gibt - auch an der Geschlechterfront - in der doch sehr veränderten Bundesrepublik umzugehen."

Schwarzer demontiert sich selbst

Ist Alice Schwarzer inzwischen ein Problem für den Feminismus in diesem Land? Steht sie einer vielstimmigen Frauenbewegung gar im Weg? Vertritt sie nur noch sich selbst? Jana Hensel, Journalistin und Autorin des Buches "Neue deutsche Mädchen", meint: "Alice Schwarzer ist eine historische Figur. Mit ihr verbindet sich automatisch der Satz 'Sie hat für die Sache der Frauen viel getan, dafür sind wir ihr dankbar' - aber sie ist eine historische Figur geworden." "Ich persönlich bezweifle schon seit längerem, ob Alice Schwarzer noch eine Feministin ist", so Sabine Hark - die Soziologin leitet das Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung an der TU Berlin.

Keine Feministin mehr? Wie konnte es so weit kommen? Ausgerechnet die Frontfrau der Frauenbewegung, die gegen den Paragraphen 218 gekämpft hat, die das erste Frauenmagazin gründete - in Zeiten, als Frauen noch die Erlaubnis ihres Mannes für den Beruf brauchten, die den Stern mit ihrer Kampagne gegen Sexismus und Pornos attackierte. Doch Alice Schwarzer hat sich mittlerweile unglaubwürdig gemacht und selbst demontiert.

Muslimische Frauen - für sie per se Opfer

Erstens: ihr Pakt mit der Bild-Zeitung. Dabei wäre ganz neu, dass sich das Medium geschlechterkorrekt gewandelt hätte. Doch Alice Schwarzer zog sogar als Chefreporterin für Bild in den Kachelmann-Prozess. Für Jana Hensel unverständlich: "Wenn man sich als Frauenrechtlerin versteht, wenn man sich als emanzipierte unabhängige kluge Frau versteht, die hinter die Machenschaften blicken will, dann arbeitet man mit der Bild-Zeitung nicht zusammen."

Zweitens: pauschale Islamkritik. Geradezu in Stammtischmanier wiederholt Schwarzer die Befürchtung, der Westen werde vom Islam "unterwandert" - und schürt so ausländerfeindliche Ressentiments. Sie akzeptiert offenbar nur Frauen und Männer, die durch die Schule des Feminismus gegangen sind. Muslimische Frauen sind für Schwarzer per se unterdrückt. "Es führt ja auch dazu, dass die jungen Frauen mit so genanntem Migrationshintergrund pauschal als Opfer dämonisiert werden, was erstens überhaupt nicht der Realität entspricht und zweitens die Frauen auch gänzlich unfeministisch nicht als Subjekte ihres eigenen Lebens wahrnimmt", so Sabine Hark.

"Andere Stimmen brauchen Gehör"

Drittens: ihr Alleinvertretungsanspruch in Sachen Feminismus. Fast konsequent scheint Alice Schwarzer junge Frauen zu bekämpfen, die sich zu Wort melden. Familienministerin Schröder bekam von ihr das Etikett 'hoffnungsloser Fall'. "Dieses Pauschalverdikt will im Grunde den jüngeren Frauen das Recht entziehen, sich überhaupt zu diesen Sachen zu äußern. Und das ist natürlich ein Skandal", sagt dazu Thea Dorn. "Im Grunde genommen hält Alice Schwarzer Frauen für schwach. Frauen sind für Alice Schwarzer keine selbstbewussten, aufgeklärten Wesen, sondern Herdentiere, die einer Führerfigur bedürfen und der sie folgen können", meint Jana Hensel.

Immer nur Alice Schwarzer, wenn es um Feminismus geht? Es wird Zeit für neue Stimmen. "Es gibt viele Stimmen in diesem Land, die keine Chance haben, sich zu Gehör zu bringen", weiß Sabine Hark, "und darunter werden viele feministische Stimmen sein - beiderlei Geschlechts. Das wäre eine Aufgabe für feministische Politik: auch diesen Stimmen Raum und Gehör zu verschaffen." Alice Schwarzer hat für ihre Leistungen zahlreiche Auszeichnungen erhalten - bis zum Bundesverdienstkreuz erster Klasse. Und einen schönen Platz in Madame Toussauds Wachsfigurenkabinett - sie ist eben Geschichte.

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